Vielleicht sah sogar er, dem der Instinkt nachgesagt wird, jede Lawine vorauszuahnen, das Unheil diesmal nicht kommen. Vielleicht fehlte ihm auch schlicht der Glaube, das ihm tatsächlich Unheil drohen könnte. Vielleicht wollte er nur ein weiteres Mal seine Unantastbarkeit demonstrieren.

Inwieweit Joseph Blatter über das, was sich in der Fifa-Zentrale am Zürichberg zusammenbraute, informiert war, lässt sich nur spekulieren. Der Präsident des Fußball-Weltverbandes, 79, fuhr jedenfalls am frühen Donnerstagmorgen zur Arbeit. Tagesgeschäft in der Machtzentrale des Fußballs, dem Reich, in dem Blatter seit 6331 Tagen der uneingeschränkte Herrscher war.

Knapp fünfeinhalb Stunden später trifft die Nachricht ein, an die die Schar der Blatter-Kritiker kaum noch geglaubt hatte: Die Ethikkommission der Fifa verhängt eine vorläufige Sperre von 90 Tagen gegen Blatter – und auch gegen Uefa-Präsident Michel Platini, 60. Es ist das schwerste Beben, das den Weltverband je erschüttert hat. Das System Blatter, es scheint endgültig auseinanderzufallen.

Valcke und Mong-Joon erhalten ebenfalls lange Sperren

Die unmittelbaren Folgen der Sperren: gewaltig. Blatter und Platini dürfen während der Suspendierung, die um 45 Tage verlängert werden kann, keinerlei Aktivitäten im Fußball ausüben, teilte die rechtssprechende Kammer der Ethikkommission mit.

Den genauen Grund für die Kaltstellung von „Blattini“ nannte sie nicht, sie durfte wegen der antiquierten Statuten schlichtweg nicht. Aber vor zwei Wochen hatte die Schweizer Bundesanwaltschaft ein Strafverfahren gegen Blatter eingeleitet, unter anderem wegen des Verdachts der „ungetreuen Geschäftsbesorgung“. Im Kern geht es um eine fragwürdige Millionen-Zahlung an Platini und TV-Geschäfte mit dem früheren Fifa-Vize Jack Warner, der WM-Rechte für die Karibik deutlich unter Marktwert erhalten haben soll.

Auch der ohnehin suspendierte Fifa-Generalsekretär Jerome Valcke, 55, wurde für 90 Tage gesperrt. Der Südkoreaner Chung Mong-Joon, 63, früherer Vize-Präsident und selbsternannter Kandidat auf Blatters Nachfolge, gar für sechs Jahre. Gewichtige Personalien, die neben den Alpha-Tieren Blatter und Platini aber zu Randerscheinungen verkamen. Alle vier können innerhalb von zwei Tagen Einspruch einlegen. Blatter ließ jedoch verlauten, diese Möglichkeit nicht in Anspruch zu nehmen.

Blatter-Vertreter Hayatou gilt als vorbelastet

Er selbst äußerte sich am Donnerstag nicht. Die Reaktionen seines Beraters Klaus J. Stöhlker ließen jedoch keinen Zweifel daran, dass Blatters Weltanschauung nur schwer mit der Realität in Einklang zu bringen ist. „Er freut sich auf drei Monate Ferien, die er sich auch redlich verdient hat“, sagte Stöhlker. Blatter werde rechtzeitig zurück sein, um am 26. Februar den Fifa-Kongress zu führen, bei dem sein Nachfolger gewählt werden soll, kündigte Stöhlker an, ehe er auf ein „veritables Führungsproblem“ der Fifa hinwies: „Da sehe ich ein Vakuum.“

Zumindest formal trifft diese Einschätzung nicht zu. Blatters Dienstgeschäfte werden vorerst von Issa Hayatou übernommen. Der 69 Jahre alte Kameruner ist der dienstälteste Vizepräsident der Fifa, bekleidet diesen Posten bereits seit 23 Jahren. Als Kandidat für das Präsidentenamt werde er im Februar jedoch nicht zur Verfügung stehen, betonte Hayatou.

In der Vergangenheit hatte auch er sich mehrfach mit Korruptionsvorwürfen auseinandersetzen müssen. Zuletzt berichtete die ARD über eine Millionen-Zahlung, damit Hayatou für Katar als Ausrichter der WM 2022 stimmt.

Platini gibt sich kämpferisch

Vom Internationalen Olympischen Komitee war er 2011 wegen Korruptionsanschuldigungen mit einem Verweis belegt worden. Davon abgesehen soll der Sportfunktionär an einer Nierenkrankheit leiden. Auch Platinis Vertreter, der Spanier Angel Maria Villar Llona, gilt als vorbelastet.

Mong-Joon, der erst am Mittwoch angekündigt hatte, Blatter zu verklagen („Die Fifa ist wie die sinkende Titanic“), scheidet nun ebenfalls aus. Und Platini? Der verschickte kurioserweise nur Minuten vor der Sperre durch die Fifa eine Presseerklärung: „Ich werde vor nichts haltmachen, um die Wahrheit ans Licht zu bringen.“ Außerdem reichte er Unterschriften von fünf ihn unterstützenden Nationalverbänden ein, die er für eine Fifa-Präsidentschaftskandidatur benötigt.

Doch der Name des 60 Jahre alten Franzosen ist nun derart stark befleckt, dass sein Traum vom Fifa-Thron begraben sein dürfte. „Unglaublich“, schrieb der seriöse „Le Figaro“ daraufhin: „So etwas hat man in der Geschichte des Weltfußballs noch nie gesehen - wie mit dem Fallbeil werden Köpfe abgetrennt.“

Ein deutscher Richter besiegelt das Ende einer Ära

Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Wolfgang Niersbach, sprach von einem „absoluten Super-GAU“. Die Zukunft könnte nur ohne Blatter gestaltet werden. Und Platini, den der DFB bislang unterstützt hatte, müsse entscheiden, ob er seine Kandidatur „mit dieser Belastung aufrechterhalten kann“.

Offenheit und Solidarität waren die Werte, die sich Blatter bei seinem Amtsantritt 1998 gewünscht hatte. Nur ein Tag später machten Bestechungsvorwürfe die Runde. In den folgenden Jahren sollte sich eine lange Liste von Anschuldigungen ergeben. Trotzdem gelang es Blatter immer wieder, seinen Kopf zu retten – auch nachdem er die Ethikkommission installiert hatte.

„Entweder Blatter räumt auf, oder er ist weg“, hatte der Vorsitzende der rechtssprechenden Kammer, Hans-Joachim Eckert, 2011 angekündigt, ehe er in mehreren Fällen pro Blatter entschied. Nun ließ der deutsche Richter seinen Worten Taten folgen. Endlich.