Mark Milde, 42, ist Renndirektor beim Berlin-Marathon, dessen 42. Auflage am Sonntag startet. Berlin gehört zu den World Marathon Majors (WMM), denen auch die Läufe in Chicago, Boston, London, New York und Tokio angehören. Im Interview mit der Morgenpost spricht er über die Doping-Problematik beim Marathon.
Berliner Morgenpost: Herr Milde, der London-Marathon ist ins Gerede gekommen: Sieben Sieger der vergangenen zwölf Jahre sollen verdächtige Blutwerte aufweisen. Berlin ist von solchen Anschuldigungen verschont geblieben. Glück oder Zufall?
Mark Milde: In London starten so viele Top-Athleten, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Läufer dabei sind, die nicht mit sauberen Mitteln arbeiten, größer ist als bei uns. Wenn es um die ganz großen Namen geht, haben wir in Berlin vielleicht drei oder vier pro Geschlecht. London hat hingegen jedes Jahr 15 oder 20 pro Geschlecht am Start, die zur Creme de la Creme gehören.
Wie haben Sie die Nachrichten über London aufgenommen?
Ich war enttäuscht und betrübt. Und sicherlich waren wir froh, dass Berlin nicht genannt worden ist, aber gefeit sind wir davor natürlich nicht.
Wie kann man als Veranstalter versuchen, Betrüger herauszufischen?
Wir müssen aufklären, abschrecken und versuchen zu überzeugen, dass für uns nur Sport ohne Doping infrage kommt. Wir von den World Marathon Majors sagen ganz klar: Wer einmal erwischt worden ist, für den ist bei uns für immer die Tür zu. Da wir die Marathon-Läufe sind, wo man am meisten verdienen kann, überlegt es sich dann mancher vielleicht zweimal, ob der betrügt.
Was für Maßnahmen der WMM gibt es sonst noch?
Wir haben seit diesem Sommer einen Testpool eingerichtet, dem etwa 150 Athleten der absoluten Leistungsspitze angehören. Darunter zum Beispiel alle, die bei WMM-Rennen in den vergangenen fünf Jahren Punkte geholt haben. Wir finanzieren zusätzliche Kontrollen neben denen der IAAF (Anm. d. Red.: Leichtathletik-Weltverband), im Training, direkt vor Läufen und danach. Für Durchführung und Kontrolle der Tests ist die IAAF mit den entsprechenden Institutionen der Länder, wie nationalen Anti-Doping-Agenturen, zuständig.
Wie wird im Rahmen des Berlin-Marathons kontrolliert?
Am Freitag haben wir bereits alle kon-trolliert, die besagtem Testpool angehören. Nach dem Rennen wird natürlich auch kontrolliert.
Nach Recherchen der ARD und der „Sunday Times“ wurden jedoch verdächtige Werte von der IAAF unter Verschluss gehalten. Ihr Londoner Kollege Nick Bitel sprach von „Versagen“ der IAAF.
Man muss das etwas differenzierter sehen. Wenn sieben der letzten zwölf Sieger auffällige Werte haben, heißt das nicht zwingend, dass diese Athleten gedopt haben. Wir bezahlen zwar die Tests und lassen sie durchführen, bekommen aber die Ergebnisse erst dann, wenn gesagt wird: Der Athlet war positiv und ist des Dopings überführt.
Warum fand Nick Bitel so harte Worte?
Zum einen hat er sich wahrscheinlich darüber geärgert, dass solche Beschuldigungen herauskamen, ohne dass es bestätigte Dopingfälle gab. Sein Unmut galt aber auch einer Geschichte wie der mit der Russin Lilja Schubokowa (dreimal Siegerin in Chicago, einmal in London – d.Red.). Sie konnte, weil sie wohl von irgendjemandem in der IAAF geschützt wurde, noch lange weiter Wettkämpfe bestreiten.
Ihr Vertrauen in die IAAF dürfte erschüttert sein.
Ja. Wobei wir mit den Personen, mit denen wir tagtäglich dort zu tun haben, wieder ein gewisses Vertrauensverhältnis aufgebaut haben. Wir glauben, dass sie den Anti-Doping-Kampf engagiert gemeinsam mit uns führen.
Viele verbinden Hoffnungen mit dem neuen Präsidenten Sebastian Coe. Sie auch?
Sicherlich. Hoffentlich kehren die neuen Besen anders – und der Anti-Doping-Kampf erhält noch einmal einen Schub.
Gerade Läufer aus Afrika wurden oft überführt. Können Sie deren Beweggründe nachvollziehen? Erfolge bergen die Chance, der Armut in der Heimat zu entfliehen.
Der Anreiz ist sicherlich größer und die Hemmschwelle niedriger, wenn ich weiß, dass ich mit 50.000 Dollar Preisgeld eine Farm kaufen kann, die mich bis an mein Lebensende ernährt.
Die gesellschaftlichen Bedingungen in diesen Ländern werden Sie nicht ändern.
Natürlich nicht. Aber es müssten immer mehr Veranstalter mit ins Boot kommen, die ähnlich klar wie die WMM verfahren, sodass der Testpool noch viel größer wird. Das wäre eine Vision.
Vertrauen Sie noch den Athleten?
Ein Grundvertrauen ist noch da, sonst wäre es schwierig für mich, diesen Job auszuführen. Für viele, mit denen wir seit Jahren zusammenarbeiten, steht auch einiges auf dem Spiel, wenn sie gegebenenfalls aus diesem Marathon-Zirkus herausfallen würden. Ich muss auch nicht jemanden einladen, bei dem ich ein schlechtes Gefühl habe.
Gibt es denn Manager oder Agenturen, mit denen Sie nicht zusammenarbeiten, weil deren Athleten Ihnen suspekt sind?
Namen will ich nicht nennen, aber die gibt es schon. Mit dem Vertrauen ist es doch so: Ob man irgendwann einmal merkt, dass man getäuscht worden ist, wird sich leider erst später zeigen.
Was sagen die Sponsoren, sind die Dopingfälle inzwischen geschäftsschädigend?
Noch genießen wir das Vertrauen unserer Partner, weil sie sehen, wie engagiert wir den Anti-Doping-Kampf führen. Es hat sich bislang noch kein Unternehmen zurückgezogen.
Neben den Topathleten startet eine Masse von Hobbyläufern. Die haben es, zynisch gesagt, gut – sie können ungehindert dopen. Die Dunkelziffer soll sehr hoch sein. Wird es irgendwann Kontrollen für alle geben?
Das ist logistisch gar nicht darstellbar. Es ist schon richtig: Eigentlich sollte gleiches Recht für alle gelten, oder gleiche Pflicht. Mit Argusaugen wird auf die Spitzensportler geschaut, die auch Vorbilder sein sollten. Dabei dopen viele im Berufsleben, um immer 110 Prozent Leistung bringen zu können. An die Freizeitläufer können wir nur appellieren. Ob die aber auf uns hören?

