München

„So einen Tag vergisst du nie“

| Lesedauer: 6 Minuten
Patrick Strasser

Aber nicht einmal Trainer Pep Guardiola kann sich den Fünf-Tore-Wahnsinn des Bayern-Stürmers Lewandowski erklären

München.  Gut geschlafen? Aber sicher doch. Bayerns Mittelstürmer Robert Lewandowski strahlte beim morgendlichen Auslauftraining an der Säbener Straße wie ein Honigkuchentorjäger. Alles nur geträumt? Nein, nein. Alles wahr. Alles Wahnsinn. 8:58 Minuten veränderten am Dienstagabend das Leben des Robert L. Mit seinen Saisontoren vier bis acht verewigte sich der 27-Jährige in den Geschichtsbüchern der Bundesliga.

Schnellster Hattrick, schnellster Viererpack und schnellster Fünferpack der Liga-Historie. Die fabelhaften Minuten: 51., 52., 55., 57., 60. – fertig war das 5:1 der Bayern gegen Vizemeister und Pokalsieger VfL Wolfsburg.

„Ich habe noch nie fünf Tore in 45 Minuten geschossen, nun in neun.“ Der Pole war erst nach der Pause eingewechselt worden. „Das war Wahnsinn, eine große Geschichte für mich und auch für Bayern, ein unglaublicher Abend.“ Erst zeigte Lewandowski einen Finger, dann zwei, dann drei, dann vier, schließlich die flache Hand – es war die Geste in den sozialen Netzwerken am Tag danach. Gimme five, Lewy!

Gratulanten allerorten. Bei seinem vierten Treffer hatte sein Trainer Pep Guardiola die Hände über seiner Glatze zusammengeschlagen, als sei ihm gerade der Allmächtige erschienen. Fassungslos blickte der Bayern-Coach zur Anzeigetafel. Bayern gegen Wolfsburg: Fünf zu eins.

Auf dem Fünf-Tore-Ball mussten alle Mitspieler unterschreiben

Fünf Mal Robert Lewandowski. „Ich habe noch nie so eine Situation erlebt, nie als Spieler oder als Trainer“, sagte Guardiola, dann fehlten ihm die Worte. Ungläubig sprach er es noch mal aus, murmelte vor sich hin: „In neun Minuten fünf Tore.“ Pause. Danach kam nur noch ein bewunderndes „Pffft“ von seinen Lippen. „Fußball ist verrückt, das werde ich nicht noch einmal erleben. Manchmal muss man diese Spieler einfach laufen lassen“, sagte er später, „es gibt Spieler, die dieses große Talent haben.“ Und die Taktik? Die Spielidee der ersten Halbzeit ohne Lewandowski? Für die Katz. Guardiola offenbarte, wie machtlos ein Trainer sein kann: „Die Leute fragen mich bei solchen Situationen oft: Was ist da passiert? Ich antworte: Ich weiß es nicht!“

Michael Tönnies, bis Dienstag schnellster Hattrick-Schütze der Bundesliga-Geschichte mit nur fünf Minuten Ballerzeit (27. August 1991 beim Duisburger 6:2 gegen den Karlsruher SC) gratulierte noch am Abend via Facebook: „24 Jahre hab’ ich diesen Rekord gehabt. Dass er jetzt weg ist, ist natürlich ein bisschen schade. Aber was Robert Lewandowski da hingezaubert hat, war einfach sensationell. Das haste dir verdient, Robert! Herzlichen Glückwunsch!“

Was den FC Bayern betrifft, steht Lewandowski mit seinen fünf Treffern nun auf einer Stufe mit Dieter Hoeneß, er war lediglich etwas schneller. Hoeneß brauchte beim 6:0 gegen Eintracht Braunschweig im Februar 1984 ganze 21 Minuten. Wie langsam. Als Augenzeuge im Stadion verfolgte der heute 62-Jährige die Lewy-Show. „Ein gewaltiges Spektakel! Selbst als Zuschauer musst du dich zwicken, ob das alles wahr ist“, sagte Hoeneß der Berliner Morgenpost, „ich freue mich sehr für ihn. Robert ist ein kompletter Stürmer, der alles drauf hat. Ich vergleiche ihn mit Marco van Basten. Robert hat noch eine große Karriere vor sich.“ Bei Hoeneß’ Fünferpack 1984 waren im zugigen Olympiastadion gerade einmal 7500 Zuschauer zugegen. „Wir führten damals zur Pause nur 1:0. Ich war angeschlagen, wollte wegen eines Pferdekusses am Oberschenkel raus, weil ich kaum laufen konnte“, erzählt Hoeneß, „dann kam Uli und meinte, ich müsse weiterspielen.“ So verhalf der Manager seinem Bruder zur großen Show. „Ich habe mich überreden lassen, spielte mit dicker Oberschenkel-Bandage. Und dann fielen mir die Bälle nur so vor die Füße. Fünf Treffer – es war wie im Film. So einen Tag vergisst du nie.“

Ein Andenken ob der Sternstunde behielt Hoeneß nicht: „Ich habe schlicht vergessen, den Ball mitzunehmen.“ Lewandowskis Fünf-in-Neun-Kugel ließ er sich von allen Mitspielern signieren. Lediglich die absolute Krönung blieb ihm verwehrt: der Sechserpack. Die Chance war da. Wolfsburgs Ricardo Rodriguez klärte einen Lewandowski-Schuss auf der Torlinie. „Den sechsten Treffer hätte ich ihm auch noch gegönnt“, so Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge.

Dann wäre „Lewy“ mit Dieter Müller auf einer Stufe gestanden, der im August 1977 beim 7:2 gegen Werder Bremen sechs Mal für den 1. FC Köln erfolgreich war.

Am Dienstagabend saß er in seiner Heimat Offenbach vor dem Fernseher. „Auf einmal wurde ich ständig erwähnt. Mich riefen Leute an und schrieben SMS, die meinten: Dein Rekord ist in Gefahr“, erzählte Müller der „SZ“. Und wenn er den Rekord losgeworden wäre? „Ich habe immer gesagt: Wenn’s einer packt, dann einer von Bayern München. Das war echt knapp am Dienstag.“ Dennoch habe er schon gezittert („Da ging der Puls hoch“), dass sein Rekord zumindest eingestellt wird. Müller sei „ja auch ein Stück weit stolz auf meinen Rekord, das ist schon etwas Außergewöhnliches.“

Was nicht ist, kann noch werden. Bei der nächsten Lewandowski-Show. Am Sonnabend in Mainz wird Guardiola ihn kaum draußen lassen. Das wäre fahrlässig. Lewandowski, mit acht Treffern in der Torjägerliste vorn, drohte schon: „Ich muss mich auf das nächste Spiel fokussieren. Wir müssen weiter Gas geben, es ist erst der sechste Spieltag.“