Wer war denn nun der wahre Superstar dieser Leichtathletik-WM? Am Samstagabend hatten die beiden Kandidaten am vorletzten Wettkampftag im Pekinger Vogelnest-Stadion fast zeitgleich ihre Auftritte. Und sie beendeten ihre Vorstellung jeweils mit Superlativen. Erst drehte Zehnkämpfer Ashton Eaton im abschließenden 1500-Meter-Lauf auf der Zielgeraden noch einmal richtig auf, holte das letzte Fünkchen Energie aus dem von zwei harten Tagen geschundendenen Körper und warf sich ins Ziel. 4:17,52 Minuten: Saisonbestleistung. Aber was wirklich wichtig, ja sogar von sporthistorischer Bedeutung ist: Eaton verbesserte damit seinen eigenen Weltrekord auf 9045 Punkte und überbot damit seine drei Jahre alte Höchstmarke um sechs Zähler.
Bronze für Rico Freimuth
Während der 27-jährige Eaton langsam wieder zu Kräften kam und mit seinen Zehnkampf-Kollegen die Ehrenrunde lief, betrat der zweite Superstar-Kandidat die Arena. Usain Bolt, der schnellste Mann der Welt, der seinem amerikanischen Widersacher Justin Gatlin sowohl über 100 als auch über 200 Meter davongeflogen war, wollte seinen dritten goldenen Lauf auf die rote Tartanbahn zaubern. Nach 37,36 Sekunden brachte Bolt den Stab als Schlussläufer seines jamaikanischen Quartetts ins Ziel. Es war insgesamt bereits der elfte Triumph bei Weltmeisterschaften für den 29-Jährigen.
Wer ist der Größere seines Sports, der Zehnkämpfer Eaton, der den einzigen Weltrekord bei dieser WM aufstellte (und dafür 100.000 Dollar Prämie exrra bekam), oder doch Bolt, der Titelsammler, der diesmal seine eigenen Weltrekorde nicht knacken musste und es auch nicht in seinen Beinen gehabt hätte?
Für Rico Freimuth, der als Bronzemedaillengewinner mit 8561 Punkten endlich das abrufen könnte, zu dem er vielleicht schon früher fähig gewesen wäre, stellt sich diese Frage überhaupt nicht. „Bolt oder Eaton? Da kann es nur eine Antwort geben”, sagte der Hallenser. „Eaton ist der größte Leichtathlet aller Zeiten. Er hat bei einer Weltmeisterschaft mit Weltrekord Gold geholt. Er ist der König der Athleten.“ Und dann atmete der 27-Jährige noch einmal kräftig durch und fügte hinzu: „Das kannst du nur nachvollziehen, wenn du es selbst machst. Überlegt euch mal, wie wenig er zwischen den Wettbewerben geschlafen hat, wie er von Disziplin zu Disziplin Superleistungen abgeliefert hat. Solche Gefühle kann ein Bolt beim Weltrekord in 9,59 Sekunden nicht erleben.“
Wenige Meter neben Freimuth stand Michael Schrader, der mit ihm in Halle/Saale in einer WG lebt, und gab seinem Kumpel sofort Recht. „Eaton ist der größte Sportler, den der Planet je gesehen hat. Ich als Zehnkämpfer sehe das jedenfalls so.“
Einen großen Wettkampf legte auch das deutsche Zehnkampf-Trio hin. Wenn es eine Mannschaftswertung geben würde, hätte Deutschland mit großem Abstand gewonnen. Götzis-Sieger Kai Kazmirek wurde mit 8448 Punkten Sechster. Zwei Jahre nach seinem zweiten Platz bei der WM in Moskau musste sich Michael Schrader diesmal mit dem siebten Rang (8418) begnügen.
Diesmal vertrat ihn Freimuth in der Hauptrolle. Der Sportsoldat wirkte völlig erleichtert, er hätte an diesem Samstagabend am liebsten die ganze Welt umarmt. „Es war immer mein Lebenstraum, bei Olympischen Spielen oder bei einer Weltmeisterschaft eine Medaille zu gewinnen“, sagte er. „Wenn ich nicht so wie hier mein Potenzial ausgeschöpft hätte, hätte ich mir dies wahrscheinlich nie verziehen. Deshalb bin ich mega-happy.” Freimuth kommt aus einer sportlichen Familie. Seine Mutter war Junioren-Europameisterin, sein Vater Uwe war WM-Vierter 1983 und hat eine Bestleistung von 8792 Punkten im Zehnkampf, sein Onkel Jörg Freimuth gewann 1980 Olympia-Bronze im Hochsprung. „Das war auch nicht immer so einfach, wenn du einen Vater mit einem so großen Namen hast“, verriet der Junior. „Ich bin reifer geworden, gelassener.“
Chinesen feiern lieber sich selbst
Als Freimuth den deutschen Medien all seine Gefühle erzählt hatte, gab Bolt immer noch Interviews für Fernsehstationen in aller Welt. Eaton war derweil schon längst in der Umkleidekabine verschwunden. „Ich weiß nicht, wer der größere Leichtathlet ist“, sagte Alexander Kosenkow. „Eaton kann alles, aber nichts so in Perfektion wie Bolt.“ Kosenkow kennt die Leichtathletik-Szene wie kein anderer Deutscher. Der 38-Jährige startete zum sechsten Mal bei einer WM. Diesmal gelang ihm mit Julian Reus, Sven Knipphals und Aleixo Platini Menga mit der 4x100-Meter-Staffel als Vierter seine beste WM-Platzierung. „Eaton ist ein toller Sportler“, fügte Kosenkow hinzu. „Aber ein Stadion füllen, wie es Bolt tut, kann er nicht.“ Den meisten Applaus gab es jedoch weder für Bolt noch für Eaton. Den kassierte die chinesische Staffel, die durch die Disqualifikation des US-Quartetts (Wechselfehler) sensationell Silber hinter Jamaika gewann.

