Sabine Lisicki ist nicht dafür bekannt, sich lange mit eigenen Niederlagen zu beschäftigen. Diese Art der Frust-Bewältigung brachte ihr schon oft den Vorwurf ein, beratungsresistent durch die Welt im Profi-Tennis zu schlingern. Als die ebenso talentierte wie unbeständige Berlinerin Anfang Juli bei ihrem Lieblingsturnier in Wimbledon rausflog, weil sie der Schweizerin Timea Bacsinszky zu selten in deren offensichtlich schwächere Vorhand spielte, später aber „keine Erklärung“ für das bittere Aus fand, wunderte sich selbst Bundestrainerin Barbara Rittner über die Einstellung ihrer 25 Jahre alten Nationalspielerin. Immerhin hatte Lisicki 2013 noch das Endspiel in Wimbledon erreicht.
Scheuklappen gehören allerdings genauso in den Kosmos von Sabine Lisicki wie Asse und Doppelfehler – und manchmal sind sie sogar hilfreich. Nur sechs Tage nach der peinlichen Pleite gegen die 44 Jahre alte selbsternannte „Tennis-Oma“ Kimiko Date-Krumm in Stanford gab Lisicki in Toronto nun gegen Venus Williams die passende Antwort. Mit 6:0, 6:3 deklassierte die Berlinerin die siebenmalige Grand-Slam-Siegerin aus den USA, etwas geändert hatte sie nach eigener Auskunft seit der Blamage nicht.
„Ich wusste, dass ich die letzte Woche hinter mir lassen muss“, sagte Sabine Lisicki. Mit Trainer Christopher Kas kam sie überein, „dass wir an den richtigen Dingen arbeiten und dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis alles wieder funktioniert“. Zweifel verbietet sich Lisicki, Zweifel gibt es nicht in ihrer Tennis-Welt. Von ihren Fans und Kritikern fordert sie Geduld, irgendwann werde sie schon das Maximum aus sich herausholen.
Seit Jahresbeginn arbeitet Lisicki mit Ex-Profi Kas zusammen, die Liaison sollte ihr Konstanz und damit einen Schub verleihen, der sie in der Weltrangliste in die Region katapultiert, wo sie nicht nur nach eigener Ansicht hingehört: in die Top Ten. Nach einem verheißungsvollen Frühjahr mit dem Erreichen des Halbfinals in Indian Wells und dem Einzug ins Viertelfinale in Miami verlor sie das Ziel jedoch wieder aus den Augen. Derzeit liegt sie auf Platz 24.
Lisickis eigentümliche Erklärung für den schwachen Sommer: Die Umstellungen vom Hartplatz auf Sand und vom Sandplatz auf Rasen seien ihr nicht geglückt. Zurück auf dem Hardcourt, auf dem ab dem 31. August die US Open in New York steigen, strauchelte sie in Stanford erneut. Umso wichtiger war der Erfolg gegen die ältere der beiden Williams-Schwestern.
Überbewerten darf sie den Erfolg gegen eine 35 Jahre alte Gegnerin nicht, zu harmlos servierte die einstige Branchenführerin Venus Williams, die ihre Karriere trotz der Autoimmunkrankheit Sjögren-Sydrom unermüdlich fortsetzt, mit dem zweiten Aufschlag. Lisicki nahm alle Geschenke inklusive sieben Doppelfehler dankend an und brachte ihre klare Führung ins Ziel. „Das gibt mir viel Selbstvertrauen“, sagte die Berlinerin. „Es macht jedes Mal Spaß, gegen Venus zu spielen, weil ich genau weiß, dass ich mein bestes Tennis spielen muss, um sie zu schlagen.“ Im vierten Aufeinandertreffen mit Venus Williams gewann Lisicki zum dritten Mal. „Ich bin wirklich glücklich über meine Leistung.“
BM

