Man kennt das aus seiner Kindheit. Das erste Mal ohne Stützräder, Vollgas und schon liegt man auf der Nase. Mit Glück sind nur Arme und Beine aufgeschürft, es gibt Pflaster, dann verkrusten die Wunden und nach ein paar Wochen ist alles wieder gut. Wie nach einem Fahrradsturz muss man sich in diesen Tagen auch Rio de Janeiro vorstellen. Die Sieben-Millionen-Einwohner-Stadt leidet unter den vielen Bauprojekten anlässlich der Olympischen Sommerspiele 2016 – sie wird quasi komplett umgegraben. Täglich staut sich der Verkehr über Hunderte Kilometer in der Region. Während die Infrastrukturbauten wohl allenfalls knapp vor der Eröffnung in einem Jahr fertig werden, sieht es an den beiden großen Sportstätten in den Stadtteilen Deodoro und Barra schon richtig gut aus. Es wirkt, als könne man in drei Monaten beginnen.
Es ist wieder so ein Tag, an dem Rio stillsteht. Pendler fluchen, Taxifahrer fluchen, Geschäftsleute fluchen. Nichts geht mehr am Zuckerhut. Ein Jahr vor Olympia fräsen sie 150 Kilometer Schnellbusspuren in die Stadt, krempeln das einst verruchte Hafenviertel Porto Maravilha komplett zur schicken Wohngegend um und bohren ganz nebenbei Tunnel und U-Bahn-Röhren unter die Stadt. Eine Straßenbahn, die den Stadtflughafen mit dem Busbahnhof verbindet, ist ebenfalls in Arbeit. Nicht umsonst nennen die Carioca ihren Bürgermeister Eduardo Paes „Rei das obras – König der Baustellen“.
Man kann dem Stadtoberhaupt alles vorwerfen, nur nicht Untätigkeit. Es gibt wohl kaum eine Stadt auf dem Planeten, in der derzeit so viel gegraben wird wie in Rio. Paes kennt sich mit Großprojekten aus – auch die Fußball-WM 2014 fiel schon in seine Amtszeit – und bleibt deshalb optimistisch: „Alle Olympia-Projekte bis auf eins werden fertig. Es wird uns aber leider nicht gelingen, die Guanabara-Bucht vollständig zu reinigen. Die Segelwettbewerbe können aber problemlos dort stattfinden.“ Die Bucht ist seit Jahren heftigst mit Fäkalien und Müll verseucht.
Stolz über den Baufortschritt
Auch in der Lagune am Olympic Parc im Stadtteil Barra kann man wohl niemandem ein Bad empfehlen. Immerhin stinkt es dort nicht so erbärmlich wie in der Segel-Basis Marina da Gloria. Die Arenen erheben sich bereits wie Ufos auf dem leicht zur Lagune abfallenden Gelände – die größte soll 16.000 Zuschauer fassen und unter anderem Spielort der Basketballer werden. Drinnen montiert das Heer der Arbeiter bereits erste Sitze, alles wirkt so, als wolle man nicht am 5. August 2016 die Spiele eröffnen sondern schon in drei Monaten. Stolz führen sie derzeit Journalisten aus aller Welt über das beeindruckende Gelände mit dem Küstengebirge als Kulisse, auch das Tenniscenter mit seinen zehn Plätzen und Platz für 20.000 Fans nimmt bereits erstaunliche Formen an. Es wird sogar schon Rasen verlegt, ein Großteil der Pflasterarbeiten ist längst erledigt. Gärtner sind sogar schon dabei und pflanzen tropische Blumen in die Beete. „Uns ist vor allem die Nachhaltigkeit wichtig. Ein Großteil der Bauten wird wieder demontiert und zum Beispiel in Schulen integriert. Wir wollten keine Protzbauten errichten, die nachher niemand mehr nutzen kann. Der Olympic Parc ist komplett privat finanziert“, sagt Bürgermeister Paes voller Überzeugung. Auch das olympische Dorf mit seinen gigantischen Wohntürmen ist schon fertig.
Das größte Problem des Nobel-Stadtteils Barra, wo die Reichen und Schönen in exklusiven und sündhaft teuren Appartement-Blocks residieren, ist seine Entfernung zum eigentlichen Rio. Die Fahrt mit dem Taxi zum Zentrum kostet gut 30 Euro und dauert mit etwas Glück 45 Minuten, auch die Busse kommen bei dem Stau kaum voran. Der Olympic Parc soll in den kommenden Monaten nun mit Schnellbusspuren an die neue U-Bahn-Station Barra angeschlossen werden. Bürgermeister Paes verspricht, dass alles fertig wird, aber das kann man sich als Besucher nach heutigem Stand nur mit ausgeprägter Fantasie vorstellen. Auch zur WM vor einem Jahr wurden in Brasilien längst nicht alle Infrastrukturprojekte umgesetzt.
Um von Barra den zweiten großen Sportkomplex in Rio-Deodoro im Westen der Stadt zu erreichen, ist man beim derzeitigen Verkehrskollaps locker drei Stunden unterwegs und passiert etliche Favelas, die bis Olympia genau wie vor der WM wieder von der Polizei befriedet werden sollen. Auch nach Deodoro sollen Schnellbusse fahren. Wie in einem Jahr die Spuren dafür fertig gestellt werden sollen, ist zumindest fraglich.
Nachhaltigkeit wird betont
Deodoro ist Standort des brasilianischen Militärs – überall in den Straßen patroullieren Soldaten. „Hier ist es wenigstens sicher“, scherzt ein Taxifahrer. Deodoro gilt als der heißeste Ort in Rio, die Bauarbeiter halten die Hitze nur aus, weil sie ihre Gesichter in weiße Tücher verhüllen. Auch im brasilianischen Winter erreichen die Temperaturen leicht über 30 Grad. Die Kanuslalom-Anlage dürfte eines der optischen Highlights von Rio 2016 werden. Nach den Spielen soll das Areal in einen riesigen Park für alle verwandelt werden. Bürgermeister Paes lässt keinen Anlass aus, die Nachhaltigkeit der Olympia-Bauten zu betonen.
Ihm wird von Kritikern allerdings vorgeworfen, Armenviertel ohne Rücksicht auf Verluste für Olympia geräumt zu haben. Die Favela Autodromo zum Beispiel wird komplett abgerissen, um Straßen und Parkflächen zu schaffen. „Alle sind zufrieden“, meint Bürgermeister Paes. Jane, eine 59-jährige Mutter, die nun als Letzte gehen musste, sieht das anders: „Ich wäre gerne geblieben. Und es wäre nach so vielen Jahren auch unser Recht gewesen.“ Als Ausgleich gab es 70.000 Euro Entschädigung und eine Ersatzwohnung.
Viel anfangen lässt sich damit in Barra aber nicht.

