Statt mit dem Glücksgefühl sicherer Olympia-Quotenplätze standen die drei Berliner Bogenschützinnen, die bei der WM in Kopenhagen das deutsche Team im Wettbewerb mit dem olympischen Recurvebogen bildeten, am Dienstag mit leeren Händen da. Ein Platz unter den besten Acht wäre das sichere Rio-Ticket gewesen. Vermeintlich eine Pflichtaufgabe für die Nummer sieben der Setzliste.
Gegen Indien führte das Berliner Trio vom BSC Bergmann Borsig mit Karina Winter, Elena Richter und Lisa Unruh bereits mit 3:1 Sätzen, um letztendlich doch noch 3:5 zu verlieren. Statt Olympiaplatz das Aus. Für Winter war damit der Tag noch nicht erledigt, aber er wurde nicht besser. Denn auch im nichtolympischen Mixed musste die 29-jährige mit Partner Christian Weiss (Köln) nach der 2:6-Niederlage gegen Mexiko die Segel streichen. Nun bleibt der Hallen-Weltmeisterin von 2009, zuletzt Siegerin bei den Europa-Spielen in Baku, nur noch eine Chance, ihre erste Olympiateilnahme vorfristig zu sichern. Dafür muss sie am Freitag bei der in die WM eingebauten „Olympic Secondary Tournament Qualification“ unter die besten Acht kommen. Bei dieser Ausscheidung sind nur jene Schützinnen startberechtigt, die noch nicht mit der Mannschaft qualifiziert sind – das heißt die Asse aus Russland, Mexiko, Südkorea, Georgien, China, Japan, Indien und Kolumbien fallen als Konkurrenz aus. Wichtig für Bundestrainer Oliver Haidn (Deggendorf) wird sein, wie die ersten Resultate mental verarbeitet werden. „Wir haben das gesteckte Ziel nicht erreicht“, resümierte er trocken. In den Einzelwettbewerben sei jetzt „jeder Einzelne in der Pflicht“.
Damit dürfte sich vor allem auch Karina Winter angesprochen fühlen. Olympia ist für die Bogenschützen nahezu die einzige Chance, etwas Aufmerksamkeit zu genießen. „Wer diesen Sport macht, weiß, dass er – wenn überhaupt – kaum mal eine Schlagzeile in den Medien bekommt. Und dass man bei uns mit Spitzenleistung richtig Geld verdient, kann man sich auch abschminken“, sagt sie.
Für Karina Winter, 1,58 Meter klein und 60 Kilo leicht, ist Rio die große Überschrift für die WM. Obwohl seit 2003 Europa- und Weltspitze, hat sie Olympia bis jetzt noch nicht erlebt. „Ich will dahin, das ist mein Ziel und großer Traum“, sagt sie. „Ich freue mich immer auf Wettkämpfe, und Kopenhagen ist das größte Championat in der Geschichte des Bogensports.“ 623 Schützen aus 96 Nationen sind gemeldet.
Winter war ursprünglich Turnerin, verletzte sich im Alter von elf Jahren am Rücken. Es war besser für sie eine neue Sportart zu suchen. Es wurde, nach Kontakten zu Vertretern der Sportart, Bogenschießen. „Ich hatte null Ahnung, was da auf mich zukommt. Das Härteste waren die drei Monate, in denen ich nichts anderes tat, als immer wieder den Bewegungsablauf zu trainieren. Ich wollte endlich mal schießen! Es war ein Supergefühl, als man mir sagte: Jetzt kannst du loslegen!“
Ein halbes Jahr später war Karina Winter Vizemeisterin, startete bei den DM. „Es ist wohl so, dass ich dank des Kunstturnens ein gewisses Talent, Bewegungs- und Raumgefühl mitbrachte“, meint sie. Seit 2003 hat sie in nahezu jedem Jahr bei WM, EM oder Weltcups vorwiegend im Team, aber auch im Einzel Medaillen gewonnen und Vorderränge belegt. Dank der Bundeswehr – momentan im Rang eines Oberfeldwebel ist sie bis 2017 sozial abgesichert – kann sie ihrem Sport entspannt nachgehen. denn das ganz große Ziel hat gerade mal drei Buchstaben: Rio.

