Es ist nur eine Hypothese, aber allzu gewagt ist sie nun wahrlich nicht: Wohl nicht mal ein Etappensieg hätte Christopher Froome mehr Sympathiebekundungen einbringen können als jene PR-trächtige Geste am Freitagmorgen. Stunden vor dem Start des siebten Teilstücks der Tour de France hatte Froome die Öffentlichkeit wissen lassen, dass er nicht das Gelbe Trikot des Gesamtführenden tragen werde.
Laut Reglement hätte es ihm genau genommen zwar sowieso nicht zugestanden. Doch seine Zeilen auf Facebook und Twitter sollten vor allem als Respektbekundung für Tony Martin gewertet werden. „Ich wünsche ihm nur das Beste für Operation und Genesung“, schrieb Froome. Und so stieg er am Mittag in Livarot, jenem Städtchen in der Normandie, im dunkelblauen Dress seiner Sky-Mannschaft aufs Rad als sei er einer unter vielen und nicht der Beste im Klassement. „Chapeau“, „große Geste“, „wahrer Sportsmann“, das war der Tenor der Fans auf Froomes Aussagen.
Es war der Tag nach dem Drama um Tony Martin, dem eigentlichen Mann in Gelb, der auch am Donnerstagabend noch die Führung innehatte. Kurz vor dem Ziel aber hatte sich jener folgenschwere, vermutlich selbst verursachte Unfall ereignet. Martin stürzte nicht mal 1000 Meter vor dem Etappenende, drei Teamkollegen schoben ihn die letzten Meter. Später dann die wenig verheißungsvolle Diagnose: Offener Schlüsselbeinbruch, Infektionsgefahr, sofortige Operation. Auch wenn er weiterfahren wolle, was bei Martin wohl immer der Fall sei, diesmal müsse er aus medizinischer Sicht sein Veto legen, hatte Helge Riepenhof, der Mannschaftsarzt vom Etixx-Quick-Step-Team, verkündet.
In einer Woche auf die Rolle
Kurzum, die Tour war für den dreifachen Zeitfahrweltmeister abrupt zu Ende. Für Martin ging es noch am späten Abend mit einem Privatjet des Sponsors nach Hamburg ins Klinikum, die zweistündige Operation folgte am Morgen danach. „Alles ist gut verlaufen“, berichtete Riepenhof. „Wenn sich keine Infektion bildet, kann er in einer Woche schon wieder auf der Rolle trainieren und in etwa sechs Wochen wieder Rennen fahren.“
Das mag für manch einen nach einer waghalsigen Prognose klingen. Im Radsport aber ist das ein durchaus realistischer Zeitrahmen. Am Donnerstag kurz nach der ersten Diagnose hatte die Quick-Step-Mannschaft eilig eine Pressekonferenz im Teamhotel einberufen. Martin saß auf dem Podium, vor ihm lag das Gelbe Trikot. Es hatte durchaus Courage, wie er nicht nur über das folgenschwere Malheur sprach („Ich kann mich gar nicht genau an alles erinnern“), sondern gleich auch ganz selbstverständlich verkündete, an seinem zweiten Saisonziel, der Weltmeisterschaft im September in Richmond (USA) habe sich nichts geändert. Schlüsselbeinbruch hin oder her.
Nur noch 187 von einst 198 Fahrern waren am Freitag zur siebten Etappe angetreten. Der größte Teil jener elf war Opfer von Stürzen geworden und Martin nicht der einzig prominente Ausfall. Fabian Cancellara (Schweiz) etwa gehört dazu, ebenfalls Träger des Gelben Trikots am Unfalltag. Auf der dritten Etappe stürzte er so schwer, dass er sich zwei Lendenwirbel brach. Cofidis-Sprinter Nacer Bouhanni musste auf der fünften Etappen ein Krankenwagen abholen, nachdem er zu Boden gegangen war. „Die spektakulären Stürze haben dem Beginn der Tour de France das Bild von Riesen-Bowling verpasst“, unkt das offizielle Tour-Organ „L’Equipe“.
Martin jedenfalls hatte schon im Vorfeld seine eigene Erklärung dafür: „In die Tour gehst du mit der Gewissheit, in der ersten Woche sehr wahrscheinlich mindestens einmal, zweimal auf dem Pinsel zu liegen. Das Kuriose ist, dass du dir sagst: ‚Für die Tour lohnt sich das Risiko’“. Schmerzhafte Erfahrungen hat er selbst bereits zur Genüge gemacht. 2012 etwa quälte er sich einige Tour-Etappen mit einem Kahnbeinbruch in der Hand.
Auch diesmal war es eine verrückte Tour für den 30-Jährigen. „Einer Achterbahnfahrt der Gefühle“ nennt Martin die vergangenen Tage: „So viele Extreme in so kurzer Zeit. Es ist supertraurig, das Rennen so zu beenden.“
Was aber bleibt, sind die zwei Tage in Gelb, zum ersten Mal in seiner Karriere. Auch deswegen ließ er noch aus dem Krankenhaus übermitteln: „Ein Traum wurde wahr bei dieser Tour.“ Alles in allem „ziehe ich ein positives Resümee“. Und überhaupt, er freue sich jetzt schon wieder auf die großen Emotionen bei der Tour. Denn der nächste Juli kommt bestimmt.

