Berlin –

„Ich würde niemals etwas vertuschen“

Weltverbandschef Brian Cookson über Fortschritte im Kampf gegen Doping und die Erfolge der Deutschen

Berlin –. Seit September 2013 ist Brian Cookson, 64, Präsident des internationalen Radsportverbandes UCI. Unter der Führung des Briten, der den skandalumwehten Iren Pat McQuaid ablöste, hat die UCI an Reputation gewonnen – auch wegen einer erkennbar strengeren Anti-Doping-Politik.

Berliner Morgenpost: Was ist die erste Erinnerung Ihres Lebens an die Tour de France, Mister Cookson?

Brian Cookson: Wie ich als Kind in einem Klubhaus im Norden Englands saß, die Wände voll mit Radsportmagazinen, mit wundervollen Schwarz-Weiß-Fotos von Männern auf Fahrrädern in den Pyrenäen, auf Kopfsteinpflaster und anderswo. Ich erinnere mich, wie ich dachte: Wow, so was gibt es? Darüber muss ich mehr herausfinden. So entstand mein lebenslanges Interesse am Radsport.

Wie hat sich die Tour de France im vergangenen Jahrzehnt aus Ihrer Sicht verändert?

Wir haben ein bemerkenswertes Phänomen beobachten können: in fast jedem Jahr einen anderen Sieger nämlich. In der heutigen Fahrergeneration dominiert nicht ein Einzelner, wie es davor der Fall gewesen ist. Heute schaust du die Tour und weißt nicht, ob sie einer dominieren wird. So wie dieses Jahr: Es gibt vier Favoriten, ja, aber fünf oder sechs, die ebenfalls zu etwas Besonderem in der Lage scheinen. Wir werden ein fantastisches Rennen sehen.

Alle Jahre wieder ist die Tour de France das alles überstrahlende Zentrum der Radsportwelt. Für andere Rennen fällt weniger Aufmerksamkeit ab. Ungerecht?

Es ist, wie es ist. Die Tour de France ist eine Institution, ein wunderbares Schaufenster für unseren Sport, für Frankreich und für alle Orte, an die sie kommt. Denken wir an den Start in Yorkshire in meinem Heimatland voriges Jahr. Die Tour ist eine große Show und hat einen Rieseneffekt auf unseren Sport. Darüber sind wir froh, dafür sind wir dankbar. Klar würde ich anderen Rennen die gleiche Aufmerksamkeit wünschen. Aber die Tour war und wird vermutlich immer das größte Event der Welt sein in unserem Sport.

Es gab Jahre, in denen das Verhältnis zwischen UCI und dem Tour-Veranstalter ASO angespannt war. Wie würden Sie die Zusammenarbeit heute beschreiben?

Auf jeder Ebene als gut. Natürlich gibt es in manchen Fragen unterschiedliche Ansichten. Die ASO ist ein Privatunternehmen, ihr Ziel ist Profit. Das ist normal. Wir bei der UCI hingegen haben dafür zu sorgen, dass alle Stakeholder zufrieden sind, dass sich unser Sport möglichst breit aufstellt und entwickelt in der ganzen Welt. Wir werden deshalb aber keinen Krieg mit der ASO oder einen Konflikt anzetteln.

Die Historie des Radsports ist eine extrem ambivalente. Welche Story hat Ihr Sport dem Publikum heute zu erzählen?

Dass wir Probleme hatten und dass wir uns diesen Problemen gestellt haben, auf so transparente Weise wie möglich. Etwa durch die Veröffentlichung des Circ-Reports einer unabhängigen Untersuchungskommission. Nichts wurde in diesem Bericht von der UCI verändert, alles so publiziert, wie sie es uns übermittelt hat. Eine schöne Lektüre war das ganz sicher nicht – aber eine notwendige. Die Welt ist kein perfekter Ort, und wir tun auch nicht so. Nach meinem Eindruck unternehmen wir aber inzwischen die größtmöglichen Anstrengungen, die sauberen Athleten zu schützen, Doping zu bekämpfen und Betrüger auszusortieren. Wir sind nicht die einzige Sportart, die diese Probleme hatte – aber heute führend unter denen, die es angehen.

Wie zum Beispiel?

Wir haben neue Dopingmethoden im Blick. Wir versuchen stets, unsere Kontrollen noch intelligenter zu machen. Und seit ein paar Wochen, kann ich verraten, gibt es die ersten Dopingkontrollen während der Nacht. Das war früher nicht erlaubt. Niemand kann sich nun mehr sicher sein, dass es nicht eines Nachts auch an seiner Tür klopft – während oder außerhalb eines Wettkampfs.

Über solche nächtlichen Dopingkontrollen wird kontrovers debattiert. Nicht nur von Athleten, auch von Juristen.

Selbstverständlich ist das alles durch den Code der Weltantidopingagentur Wada gedeckt. Ich bin sehr darum bemüht, stets die Unterstützung der Wada sicherzustellen. Sie werden sich erinnern, dass die UCI noch vor einigen Jahren in ständigem Konflikt nicht nur mit der ASO, sondern auch mit der Wada war. Eine meiner ersten Amtshandlungen war, das Arbeitsverhältnis mit der Wada wieder auf ein gutes, professionelles Niveau zu heben. Ebenso mit den Nationalen Antidopingagenturen. Wir werden in Zukunft immer unser Bestes geben, um die sauberen Athleten zu schützen. Der Circ-Report hat gezeigt, dass es heute für die Fahrer möglich ist, clean und damit fair zu gewinnen. Auf diesen Fortschritt bin ich stolz.

Kürzlich hat eine französische Studie alarmierende Resultate geliefert – dass Doping mit Mikro-Dosen binnen kurzer Zeit überhaupt nicht detektierbar ist. Wie sehr beunruhigt Sie das?

Es war kein wirkliches, wissenschaftliches Experiment, sondern Teil einer Fernsehsendung, und das Testprozedere folgte auch nicht der Realität der Wada-Richtlinien. Nichtsdestotrotz ist klar geworden, dass es ein Betrugszeitfenster gibt. Durch nächtliche Kontrollen schließen wir dieses Fenster. Wie gesagt, die ersten dieser Kontrollen haben in den vergangenen Wochen bereits stattgefunden. Weitere folgen.

Lance Armstrong plant, in der zweiten Tour-Woche aus Anlass einer Benefizfahrt zur Tour de France zurückzukehren. Wie gefällt Ihnen dieser Gedanke?

Das ist, denke ich, keine gute Idee (lacht auf). Aber es gibt für mich wirklich wichtigere Dinge, als darüber zu sinnieren, was Lance Armstrong tut und was nicht.

In Deutschland ist die Wahrnehmung von Straßenradsport immer noch ein wenig seltsam. Den Boom der Jan-Ullrich-Jahre folgte eine Phase tiefer Depression. Nun ist eine Art vorsichtiger Renaissance zu beobachten. Wie sehen Sie die Situation in Deutschland?

Nach der, wenn ich das so sagen darf, dunklen Ära gibt es tatsächlich eine Renaissance. Der deutsche Verband und die deutsche Nada haben hart dafür gearbeitet. Ich bin überzeugt, dass die aktuelle Generation deutscher Radprofis sauber fährt, sich an die Regeln hält und eben dennoch in der Lage ist, Rennen zu gewinnen. Das ist ein gutes Zeichen, genau wie die klare, ethisch-moralische Positionierung dieser jungen Männer. Ich freue mich über alle Anzeichen, die darauf hindeuten, dass die Glaubwürdigkeit des Radsports in Deutschland wiederhergestellt wird. Es gibt ein deutsches World-Tour-Team, ein zweites deutsches Team fährt die Tour und noch weitere deutsche Fahrer, außerdem ist das öffentlich-rechtliche Fernsehen wieder in die Live-Berichterstattung eingestiegen. Die Öffentlichkeit in Deutschland kann heute wieder viel mehr Vertrauen in unseren Sport haben als vielleicht noch vor einigen Jahren. Was nicht heißt, dass nicht ein Einzelner so töricht ist zu betrügen. Das liegt wohl in der Natur des Menschen. Aber unser Testsystem ist weit besser als in vielen anderen Sportarten, davon bin ich überzeugt.

Wie viel Anteil hat die UCI an der Entscheidung der ARD, die Tour wieder live zu zeigen?

Ich habe mit den Verantwortlichen der ARD gesprochen und ihnen unter anderem erzählt, was wir mit dem Circ-Report vorhaben, habe über unsere Fortschritte im Bereich Antidoping berichtet, über unsere Unabhängigkeit dabei. Und, ja, ich habe auch gesagt, dass ich mit Sicherheit niemals Positivtests vertuschen würde. Dass wir also alles unternehmen, die Integrität unseres Sports zu gewährleisten. Ich weiß, dass sich die ARD auch bei der ASO rückversichert hat.

Wie wichtig ist der deutsche Markt aus ökonomischer Sicht für den Radsport, für die UCI?

Ein sehr wichtiger, keine Frage. Sie wissen besser als ich, dass Deutschland die größte Wirtschaftskraft in Europa ist – und insofern natürlich ein sehr bedeutender Markt auch für Profisport. Das ist allerdings nicht das Wichtigste, sondern es sind authentische, spannende Wettkämpfe für das Publikum. Was ich besonders gern sehen würde: dass die Tour de France einmal wieder Station in Deutschland macht.

Finden Sie als Radsport-Präsident eigentlich selbst noch Zeit, aufs Rennrad zu steigen?

Viel zu selten, leider. Ich bin ja selber ungefähr 20 Jahre lang als Amateur Rennen gefahren. Vor einigen Wochen war ich mit ein paar Freunden unterwegs. Wir sind sogar rauf nach Alpe-d‘Huez. Ich habe dafür allerdings ein bisschen länger gebraucht, als die Fahrer am Ende dieser Tour de France brauchen werden (lacht).