Das lief nicht nach Wunsch, daraus machte Tony Martin, 30, keinen Hehl. Mit fünf Sekunden Rückstand Zweiter zum Auftakt der Tour de France, dann an den Folgetagen um drei und dann eine Sekunde immer wieder hauchdünn am Gelben Trikot vorbei – was bewirkt das in einem, der so ambitioniert ist wie der deutsche Radprofi vom Etixx-Quick-Step-Team? Martin will einfach weiter auf Angriff fahren. An mangelhafter Faszination für das größte Radrennen der Welt soll es jedenfalls nicht scheitern. Das wird im Interview mit dem dreimaligen Zeitfahrweltmeister klar.

Berliner Morgenpost: Was ist die Tour de France eigentlich, Herr Martin? Eine Mischung aus Jahrmarkt, Abenteuer, Fernreise und Hochleistungssport?

Tony Martin: Exakt. Das alles trifft zu. Für uns Fahrer ist der sportliche Teil der wichtigste. Wir sind uns bewusst, dass die Tour jedes Jahr der Mittelpunkt der Radsportwelt ist. Wenn du eine gute Tour de France fährst, hast du das Jahr gerettet – egal, ob es vorher nicht gelaufen ist und was danach kommt. Da kannst du bei kleineren Rundfahrten noch so viele Etappen gewinnen. Und ein ähnliches Umfeld wie bei der Tour haben wir vielleicht noch bei einer Handvoll Eintagesrennen. Aber das war’s auch schon.

Was ist Ihre erste Erinnerung an die Tour gewesen als Kind?

Die spannenden Stunden vor dem Fernseher und das Mitfiebern bei den Duellen Ullrich gegen Pantani oder Ullrich gegen Armstrong. Das hat mich motiviert, selber aufs Rad zu steigen.

Damals, Ende der 90er-Jahre, boomte Radsport in Deutschland. Würden Sie sich manchmal wünschen, damals Radprofi geworden zu sein?

Das ist ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite waren da natürlich die Zighunderttausenden deutschen Fans an den Straßenrändern, wenn die Tour mal nach Deutschland kam. Das war toll. Andererseits wissen alle, dass die Zeit vor 2006, 2007, 2008 eine unschöne gewesen ist in Zusammenhang mit Doping. Ich bin heilfroh, dass ich erst nach dieser Ära in den Profiradsport gekommen bin (Martin startete seine Profikarriere 2008 – d.R.). Auch wenn das breite Interesse an meinem Sport kurz danach am Tiefpunkt gewesen ist. Aber es hat sich viel getan, was das betrifft, und es ist schön, Teil der Gruppe zu sein, die viel bewirkt hat, dass Fangemeinde und Medieninteresse wieder wachsen. Eine schöne Aufgabe, die ihren Reiz hat.

Erstmals seit 2011 berichtet die ARD wieder live von den Tour-Etappen. Macht es Sie ein wenig stolz, an diesem Sinneswandel bei den Verantwortlichen mitgewirkt zu haben?

Zunächst mal überwiegt die Freude, dass die ARD wieder einsteigt. Stolz macht mich, dass ich einen kleinen Teil dazu beitrage, dass es dem Radsport in Deutschland ein Stück besser geht, dass er wahrgenommen wird.

In Ihrem Quickstep-Team sind Sie ein wichtiger Helfer für den Sprinter Mark Cavendish, und der wiederum ist ein großer Konkurrent Ihres Freundes Marcel Kittel vom Giant-Alpecin-Team. Durch Kittels Nichtnominierung für die Tour bleibt Ihnen nun zumindest ein Gewissenskonflikt erspart.

Ich bin immer hin- und hergerissen, wenn Mark gegen Marcel sprintet. Für mich gibt es dann keinen Verlierer. Wenn „Cav“, der ebenfalls ein guter Freund von mir ist, mal hinter Marcel Zweiter oder Dritter wird, steht am Ende eben ein sehr guter Freund von mir oben. Ich müsste lügen, würde ich sagen, dass mich das nicht interessiert. Ich finde es sehr schade, dass Marcel nicht am Start ist. Es ist eine Schande. Gerade er hat in den vergangenen Jahren für den deutschen Radsport sehr, sehr viel erreicht, etwa mit seinen beiden Gelben Trikots 2014. Was sein Team dazu bewegt hat, ihn außen vor zu lassen, weiß ich nicht. Die Mehrheit der deutschen Fans ist traurig.

Radsport ist normalerweise ein Teamsport, Zeitfahren aber macht einsam. Woher rührt Ihre Faszination für diese ganz besondere Disziplin?

Das hat sich über die Jahre so eingespielt. Im Zeitfahren hatte ich im Nachwuchsbereich die meisten Erfolge. Ich glaube, Zeitfahren ist typenabhängig. Ich bin jemand, der gern allein trainiert, gern für sich ist. Zeitfahren ist für mich die reinste Disziplin im Radsport. Äußere Einflüsse wie Windschatten oder Taktik entfallen. Es geht nur um einen Mann, sein Fahrrad, Start und Ziel. Meine Leidenschaft dafür ist im Laufe der Zeit gewachsen. Sie ist bis heute unvermindert.

Am Ende sind nur Sie dafür verantwortlich, ob es gut oder schlecht gelaufen ist.

Genau. Keine Ausreden (lacht).

Mit 1,86 Meter und 76 Kilogramm sind Sie nicht gerade eine „Bergziege“. Was empfinden Sie, wenn bei der Tour de France die Bergetappen beginnen?

Man muss sich das so vorstellen: Bei jeder Tour stehe ich vor mindestens ein, zwei Etappen, wo ich mir spontan denke: „Oh Mann, wie soll ich da drüberkommen?!“ Allein schon innerhalb der Karenzzeit zu bleiben, mutet dann unmöglich an. Gerade in der dritten Woche, wenn du schon ausgepowert bist und das eine oder andere Wehwehchen hast. Mit Panik komme ich da nicht weit. Insofern ist die große Angst vor den Bergetappen eher der Angriffslust gewichen, auf vermeintlich harten Etappen seine Chance zu suchen.

Kommt es zu Stürzen wundert sich manch Beobachter, wie locker die Fahrer darauf reagieren. Sie haben sich nach einem Sturz mal als „fahrendes Schnitzel“ bezeichnet. Woher rührt diese Gelassenheit?

In die Tour gehst du mit der Gewissheit, in der ersten Woche wahrscheinlich einmal, zweimal auf dem Pinsel zu liegen. Das Kuriose ist, dass du dir sagst: „Für die Tour lohnt sich das.“ Also, nicht die Stürze an sich, aber zumindest das Risiko. Bei der Tour ist jeder vier bis sieben Meter später an der Bremse als anderswo. Wer nichts riskiert, kann nichts gewinnen. Die Tour ist nicht nur körperlich enorm anstrengend, sondern auch mental.

Sind auch Sie risikobereiter?

Ja. Um einiges. Eine Niederlage in der Tour ist nur schmerzlich zu verkraften. Gerade wenn ich weiß, dass ich in der einen oder anderen Situation mit etwas mehr Risiko eine bessere Position hätte erreichen können.

In welchen Momenten genießen Sie die Tour am meisten?

Zum einen am Tag vor dem Ruhetag, wenn ich über die Ziellinie rolle (lacht). Sie können sich gar nicht vorstellen, wie ich mich während der Tour nach so einem Ruhetag sehne. Zum anderen ist die Einfahrt auf die Champs-Élysées in Paris jedes Mal herrlich, wenn ich weiß, dass Freunde und Familie auf mich warten und ich meine Lieben in die Arme schließen kann.