„Rasta la vista, Rafa“, schrieb Englands Massenblatt „The Sun“ über den Bezwinger des zweimaligen Champions Rafael Nadal. Dustin Brown, 30, bot dabei eine willkommene Abwechslung in der modernen Tennis-Ödnis mit den ewigen Schlagabtäuschen von der Grundlinie. Der „Germaican“ aus Winsen an der Aller siegte mit Pep und Power, mit verzehrendem Ehrgeiz. 99 Mal stürmte Brown ans Netz, holte sich 71 Punkte und weckte Erinnerungen an ein fast vergessenes Wimbledon der attackierenden Profis. „Was Brown gespielt hat, war nichts als fantastisch. So muss Wimbledon sein, mit unverwechselbarem Rasentennis“, sagte Schwedens Ex-Star Mats Wilander.
Berliner Morgenpost: Herr Brown, wie kann die Nummer 102 der Welt den 14-maligen Grand-Slam-Champion Rafael Nadal bezwingen?
Dustin Brown: Ich habe an meine Chance geglaubt. Rasen, das ist mein Belag, da spiele ich mein bestes Tennis. Daher habe ich mich auch sehr gefreut, als ich letztes Jahr gehört habe, dass die Rasensaison verlängert wird. Und ich hatte die perfekte Taktik, um Nadal aus seiner Wohlfühlzone zu bringen.
Viele sehen in Ihnen nur den Instinktspieler, den Tennis-Abenteurer.
Bei mir sind immer auch viele Klischees im Spiel. Ich bin jemand, der seinen Beruf sehr ernst nimmt. Das ist erst recht nötig, wenn man wie ich meist als Einzelkämpfer unterwegs ist, ohne großes Team und Betreuerstab.
Ihre Eltern – Sie haben eine deutsche Mutter und einen jamaikanischen Vater – finanzierten Ihnen einst den Einstieg ins Tennis, halfen mit einem Campingwagen für die Reisen aus.
Dafür bin ich ihnen auch ewig dankbar. Das Geld für teure Hotels war nicht da, so bin ich halt mit dem Buggy rumgefahren, habe sogar für andere Spieler mal die Schläger für ein kleines Honorar bespannt. Von meinen Eltern habe ich auch diese deutsch-jamaikanische Mischung geerbt: Ich bin jemand, der Pünktlichkeit und gute Organisation schätzt. Aber ich bin auch ein Typ, der so eine karibische Entspanntheit hat.
Sie haben ein sehr tolles Tattoo am Körper. Was ist das?
Es ist ein Porträt meines Vaters. Ich habe auch im Schlafzimmer ein Bild meines Vaters. Ich sehe ihn nicht so oft. Es war ein langer Weg für meine Familie und mich.
Was ist an Ihnen deutsch und was jamaikanisch?
Ich bin zum Beispiel sehr pünktlich. Eine Zeit lang hatte ich sogar meine Uhr zehn Minuten früher gestellt, dass ich wirklich nicht zu spät komme. Das sind so Sachen, die sehr deutsch an mir sind. Ich spreche akzentfrei deutsch, das ist wahrscheinlich auch sehr deutsch, weil ich aus der Nähe von Hannover komme (lacht). Ich denke, mein Aussehen und das, was alle anderen immer sagen, dass ich entspannt bin und so, das ist wahrscheinlich dann eher das Jamaikanische an mir.
Die Leute mögen Sie für Ihre emotionalen Ausbrüche. Was denken Sie darüber?
Ich bin, wie ich bin. So war ich mein ganzes Leben lang. Natürlich ist es schön, wenn die Leute das mögen. Aber auf der anderen Seite: Wenn ich mich zu sehr darum kümmern würde, was die Leute über all das denken, was ich tue, hätte ich wahrscheinlich nicht diese Frisur und würde nicht so aussehen, wie ich aussehe.
Sie haben immer wieder mal wieder Sensationsmatches geliefert, aber danach auch wieder bittere Niederlagen kassiert.
Es gab Zeiten, in denen ich damit große Schwierigkeiten hatte. Aber irgendwann habe ich gelernt, das zu akzeptieren: Dass ich kein Weltmeister der Konstanz werde, dass ich nicht wochenlang Siege feiern kann. Aber so ein Sieg gegen Nadal, der entschädigt doch für vieles, auch für viele Erstrunden-Niederlagen anderswo.
Vor ein paar Wochen tourten Sie noch in der Challenger-Serie umher, in der sogenannten Zweiten Tennis-Liga. Jetzt spricht die ganze Welt über Sie.
Vor zwei Jahren war das ähnlich, als ich hier gegen Lleyton Hewitt gewann. Das war auch schon eine verrückte Situation, ein riesiges Medieninteresse. Aber ich konzentriere mich ganz auf das Turnier hier, nicht auf das, was um mich herum geschieht. Wimbledon 2015 ist noch nicht zu Ende mich, ich will ins Achtelfinale, in die zweite Turnierwoche – darum geht es.
In jedem Fall haben Sie Nadal am richtigen Platz, zur richtigen Zeit geschlagen.
Wimbledon ist natürlich wie ein Turbo. Es macht alles noch mal um ein Vielfaches größer. Ich habe auch schon ein paar tolle Siege gehabt, etwa gegen den Weltklassemann Verdasco in Houston, die hat keine Sau daheim interessiert. Nadal, das ist natürlich jetzt auch eine andere Liga, schon nach dem Sieg in Halle letztes Jahr gegen ihn war die Hölle los, tausend Glückwünsche, tausend Mails.
Was bedeutet Wimbledon für Sie?
Ein wunderbarer, traumhafter Ort, den man umso mehr schätzen lernt, wenn man sich in der Qualifikation fürs Turnier durchsetzen muss. Denn die Qualifikation findet ganz woanders statt, in Roehampton, und das ist schon eine Plackerei ohne Grand-Slam-Flair. Da geht’s nur ums nackte sportliche Überleben, ums Weiterkommen. Wimbledon, der All England Club, das ist auch etwas zum Genießen.
Das Spiel gegen Nadal war der erste Auftritt überhaupt auf dem Centre Court.
Besser kann es nicht sein. Die Premiere, ein Sieg gegen Nadal, das Match deines Lebens wohl. Die Turnierleute hatten mir sogar angeboten, vor dem Match mal den Platz betreten zu können, mich an die andere Dimension zu gewöhnen. Aber ich habe es abgelehnt: Ich hatte ein gutes Gefühl nach dem Halle-Sieg, ich wusste, was ich zu tun hatte. Ich war teilweise selber von mir überrascht, dass ich so ruhig war.
John McEnroe sagte, Ihr Auftritt sei einer der größten gewesen, die er je von einem Außenseiter in Wimbledon gesehen habe.
Ein schönes Gefühl, dass er das sagt. Er kommt ja aus einer Generation, die auch Serve-and-Volley gespielt hat und oft ans Netz gegangen ist wie ich.
Bei vielen Profis äußert sich die Persönlichkeit in Ihrem Spiel. Bei Ihnen auch?
Wenn wir uns Matches von mir ansehen, schwankt es zwischen: „Okay, das ist ein guter Schlag“ und „das war dumm“. Es hat gedauert, bis ich verstand, dass ich so ein Match an einem bestimmten Tag gewinnen kann, aber auch mal grottenschlechte spiele. Ich muss akzeptieren, dass mein Spiel eine große Spanne hat.

