Testspiel gegen die USA

Der Weltmeister aus Deutschland auf Irrwegen

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Jörn Meyn

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Beim Freundschaftsspiel Deutschland gegen die USA hat das DFB-Team 1:2 verloren. Bundestrainer Löw kritisiert nach der Niederlage die fehlende Geradlinigkeit.

Joachim Löw war verloren. Mit suchendem Blick tastete sich der Bundestrainer nach dem 1:2 im Testspiel gegen die USA durch das Innere der Kölner Arena und stand plötzlich zwischen den Journalisten im Spielertunnel. Löw lächelte milde, obwohl er den Ausgang nicht fand. Bis ihn dann irgendwann ein DFB-Mitarbeiter den Weg raus aus dieser Verirrung wies. Löw schaute noch einmal freundlich zurück zu den Pressevertretern, als wollte er sagen: Alles okay. Wir wissen, wo es lang geht. Dann verschwand er.

Wenn man auf die Ergebnisse blickt, welche die deutsche Nationalmannschaft seit dem Titelgewinn bei der WM im vergangenen Sommer erspielt hat, dann muss man ebenfalls zu dem Schluss kommen, dass sich der Weltmeister seit Rio etwas verirrt hat. Von neun Partien verlor die Auswahl des DFB schon drei (gegen Argentinien, Polen und nun die USA). Lediglich vier Mal konnte sie gewinnen. Nie hatte Löw eine schlechtere Bilanz. Ein merklicher Substanzverlust hat sich eingestellt. Das Team um Kapitän Bastian Schweinsteiger ist im Post-WM- und Prä-EM-Zeitalter noch auf der Suche nach sich. Das belegen die Zahlen.

Zu jener Statistik gehört allerdings auch, dass das Spiel gegen die US-Amerikaner unter erschwerten Bedingungen stattfand. Löw hatten sich bei seiner Bewertung deshalb auch Milde verschrieben: „Das Ergebnis ist vielleicht ein bisschen ärgerlich, aber zu verschmerzen“, sagte der 55-Jährige. „In Anbetracht der Situation, dass unsere Spieler schon zwei Wochen raus aus dem Spielrhythmus waren, war ich mit den ersten 45 Minuten unglaublich zufrieden.“

Bierhoff spricht von einem „heißen Herbst“

Die zweiten 45 Minuten waren dann nicht mehr so zufriedenstellend. Und Löw machte deshalb auch nicht den Fehler, die Niederlage als bloßes Missgeschick abzuhaken. In der EM-Qualifikation steht sein Team in Gruppe D aktuell nur auf Platz drei hinter Polen und Schottland. Auch hier muss ein Weg zum Zielort Frankreich 2016 gefunden werden. Teammanager Oliver Bierhoff sprach mit Blick auf die direkten Duelle gegen beide Kontrahenten Anfang September von einem „heißen Herbst“. „Wir müssen sehen, dass wir wieder die Kurve und unsere Dominanz auf den Platz kriegen.“

Für Löw steckt in jener Dominanz allerdings auch das Problem. Es ist nämlich das weltmeisterliche Wissen um die Beherrschung der Ballzirkulation, das seine Mannschaft zunehmend hat abstumpfen lassen. „In manchen Spielen fehlt mir bei manchen Spielern so ein bisschen die Geilheit, ein Tor zu machen“, sagte Löw. Sein Team habe sich zu einer Ballbesitzmannschaft entwickelt. Das wünsche er sich auch grundsätzlich. „Was wir aber verloren haben: Ballgewinn, blitzartig umschalten, Konter fahren. Diese Bereitschaft, in die Tiefe zu gehen und Tore zu erzielen.“ Das fand auch Schweinsteiger: „Wir müssen daran arbeiten, unsere Chancen entschlossener zu nutzen.“

Seit Mittwoch hat der Bundestrainer immerhin einen Spieler mehr, der für diese Schnörkellosigkeit steht: Der Gladbacher Patrick Herrmann gab als 75. Neuling unter Löw sein Länderspieldebüt und wusste nicht nur bei der Vorbereitung des einzigen deutschen Tores durch Mario Götze zu gefallen. „Man hat gesehen, dass er uns helfen kann“, sagte Schweinsteiger über den 24-Jährigen. Auch Löw war zufrieden: „Er hat die Abwehrspieler häufig unter Stress gesetzt.“

„Mir fehlt das Selbstvertrauen und die Spielfreude“

Einer, der früher einmal für genau diese Qualitäten des stresserzeugenden Vertikalspiels stand, befindet sich seit geraumer Zeit auf Irrwegen: Lukas Podolski kam gegen die USA zur zweiten Halbzeit und fiel nur auf, als er nach einem verunglückten Angriff den Ball frustriert Richtung Tribüne drosch. Beim FC Arsenal saß er zu Saisonbeginn nur auf der Bank. Dann kam seine Ausleihe zu Inter Mailand, aber auch in Italien lief es enttäuschend (nur ein Tor und drei Vorlagen). „Mir fehlt das Selbstvertrauen und die Spielfreude“, sagte Podolski. Er hat noch ein Jahr Vertrag in London, aber weil der dortige Trainer Arsene Wenger kein großer Fan mehr von ihm ist, würde der 30-Jährige ungern zum Premier-League-Klub zurückkehren. Aktuell sei noch nichts entschieden. In den kommenden Wochen könne aber immer etwas passieren, sagte Podolski, was letztlich nichts anderes bedeutete, als: Wer Interesse hat, darf sich gern melden. Er werde jedenfalls „nicht ruhig in London meinen Vertrag absitzen“, sagte der Angreifer. „Ich muss eine wichtige Entscheidung treffen: Es ist vielleicht der letzte gute Vertrag, den ich abschließen kann.“

Am Sonnabend in der EM-Qualifikation gegen Gibraltar im portugiesischen Faro wird sich Podolski wahrscheinlich nicht von Anfang an zeigen können. Und auch das von Löw gewünschte geradlinige Spiel ist kaum zu erwarten. Beim 4:0 im Hinspiel machten es die Fußballamateure der DFB-Auswahl mit einer Neuner-Abwehrkette schwer. Aber Löw versprach: „Wir werden es schaffen, die Konzentration hoch zu halten.“ Ein letztes Mal vor dem Urlaub. Dann ist dieses holprige erste Jahr nach dem WM-Triumph überstanden.