Fed Cup

Besonders Sabine Lisicki enttäuschte beim Aus von Sotschi

Die Berlinerin vergab in ihrem Einzel sogar einen Matchball. Nach der bitteren 2:3-Niederlage im Halbfinale in Russland gibt es auch Kritik an der riskanten Taktik von Trainerin Barbara Rittner.

Foto: Maxim Shipenkov / dpa

Beim mitternächtlichen Drink an der Hotelbar können Sabine Lisicki & Co. schon wieder lachen.

Nachdem die Stimmung während des Abendessens im Restaurant „Filini“ im Untergeschoss des Mannschaftshotels direkt am Schwarzen Meer noch eher gedämpft ist, tröstet sich die Damen-Auswahl des Deutschen Tennis Bundes am späten Sonntagabend mit dem einen oder anderen Getränk über die enttäuschende 2:3-Niederlage im Fed-Cup-Halbfinale hinweg.

Auch Bundestrainerin Barbara Rittner ist nach der ersten Verbitterung über die verpasste Neuauflage des Vorjahres-Endspiels gegen Tschechien wieder besserer Laune. Viel Zeit zum Grübeln bleibt ihr und ihren Spitzenkräften ohnehin nicht.

Schon in dieser Woche steht in Stuttgart das wichtigste deutsche WTA-Turnier an, bei dem sich Petkovic, Angelique Kerber, Sabine Lisicki und Julia Görges allen Strapazen zum Trotz bestmöglich präsentieren wollen.

Um 11 Uhr sollte es am Montagvormittag per Charterflug von der Olympia-Stadt von 2014 direkt in die baden-württembergische Landeshauptstadt gehen.

Und so verständlich das Bedürfnis nach Ablenkung und so bemerkenswert das nach außen demonstrierte Zusammengehörigkeitsgefühl auch im Moment der Niederlage sind, die verpasste Chance auf ein weiteres Endspiel und den möglichen dritten Titelgewinn nach 1987 und 1992 sollte dem Team durchaus bewusst sein.

Enttäuschung gegen russische B-Mannschaft

Gegen eine russische B-Mannschaft ohne die Top-Ten-Spielerinnen Maria Scharapowa und Jekaterina Makarowa hätte die deutsche Auswahl gewinnen können, wenn nicht sogar müssen. Ein Heim-Finale am 14. und 15. November hätte auch dem hierzulande in der Öffentlichkeit eher darbenden Tennis wieder mehr Aufmerksamkeit verschafft.

Dabei ist die Diskussion über die vermeintlich falsche Nominierung Rittners mittlerweile müßig. Die Chance war trotz des 0:2-Rückstandes da – aber im abschließenden Doppel verloren Petkovic und die an diesem Wochenende völlig indisponierte Lisicki gegen Anastasia Pawljutschenkowa und Jelena Wesnina klar mit 2:6, 3:6.

„Wir sind leider am Ende nicht belohnt worden“, sagt Rittner. Den Fragen nach ihrer letzten Endes misslungenen Personalrochade mit dem Verzicht auf Petkovic und Kerber in den ersten beiden Einzeln entgegnet sie auch beim zehnten Nachhaken freundlich-bestimmt.

Ihre Position innerhalb des Verbandes ist so gefestigt und unumstritten, dass sich die 41-Jährige um ihren Job keine Sorgen machen muss.

Und doch hinterlässt die Woche Spuren bei Rittner. Während der abschließenden Pressekonferenz wirkt sie so mitgenommen wie selten zuvor in ihrer zehnjährigen Amtszeit und quittiert die eine oder andere Aussage ihrer Spielerinnen sogar mit einem Kopfschütteln.

Kein Finale „dahoam“

Auf dem Sandplatz von Sotschi hatten zuvor die Spielerinnen ihren Emotionen freien Lauf gelassen: Bei Andrea Petkovic brachen alle Dämme, als der Traum vom „Finale dahoam“ jäh geplatzt war.

Völlig verheult verließ die verhinderte Heldin des Tages den Centre Court nach der 2:3-Niederlage der deutschen Mannschaft im Fed-Cup-Halbfinale gegen Gastgeber Russland in Sotschi.

Und nicht nur bei Petkovic saß der Frust über die 2:6, 3:6-Niederlage im entscheidenden Doppel mit Sabine Lisicki gegen Anastasia Pawljuschenkowa/Jelena Wesnina tief.

„Die Enttäuschung ist maßlos. Ich muss mich gerade sehr zusammenreißen“, sagte Teamchefin Barbara Rittner bei Sat.1 Gold und lobte ausdrücklich ihre beiden Topspielerinnen Petkovic und Angelique Kerber: „Ich ziehe alle Hüte vor Petko und Angie.“

Nach dem Wechselbad der Gefühle über zwei Tage konnte sich vor allen Dingen Petkovic („Ich bin wahnsinnig enttäuscht“) nur schwer beruhigen, während auch Rittner die Ernüchterung über das bittere Ende der Titelträume deutlich anzusehen war.

Hoffnung auf das Wunder von Sotschi

Dabei war der zweite Final-Einzug in Folge trotz eines 0:2 nach dem ersten Tag am Sonntag wieder in greifbare Nähe gerückt.

Die wie entfesselt aufspielenden Petkovic (Darmstadt) und Kerber (Kiel) hatten durch ihre Einzelsiege im Schnelldurchgang die Hoffnungen auf das Wunder von Sotschi genährt.

Noch nie hat ein DTB-Team einen derartigen Rückstand im Fed Cup aufholen können. Letztlich nutzte selbst die Anwesenheit von IOC-Präsident und Edelfan Thomas Bach in der Adler Arena (3500 Zuschauer) nichts.

Bach outete sich dennoch als Petkovic-Fan. „Was Andrea geleistet hat, ist unglaublich. Wie sie immer wieder nach schweren Verletzungen zurückkommt, das macht die großen Stars aus“, sagte der 61-Jährige bei SAT.1 Gold.

Vor allen Dingen für Petkovic hätte es ein denkwürdiger Sonntag werden können. Fünf Tage vor Beginn des Semifinals hatte die Weltranglistenelfte noch mit ihrer Absage für das Halbfinale geliebäugelt.

„Ich war körperlich so kaputt und habe Barbara am Telefon gesagt, ich kann nicht spielen“, berichtete Petkovic, die am Sonntag dann einen wahren Kraftakt bewältigte.

„Energie vom Team mitgenommen“

Während ihrer Einzel-Gala gegen Swetlana Kuszenowa (6:2, 6:1) zitterte sie am ganzen Körper. „Mir war auch schwindelig. Aber der Mensch ist ein Absurdum. Wenn es mental läuft, kann man alles schaffen“, sagte „Petko“, nachdem sie Kusnezowa beim 6:2, 6:1 regelrecht überrollt hatte.

Wenig später ließ auch die frischgebackene Charleston-Gewinnerin Kerber beim 6:1, 6:0 gegen Pawljuschenkowa nichts anbrennen. „Ich habe die Energie vom Team mitgenommen“, meinte die deutsche Nummer zwei, die wie die ebenfalls jetlaggeplagte Petkovic am ersten Tag nicht spielte.

Und fast wäre der clever durchdachte Schachzug auch aufgegangen. Petkovic („Hätte ich am Samstag gespielt, wäre der Sonntag nicht gegangen“) und Kerber waren wegen ihrer Teilnahme am Turnier in Charleston erst am Mittwochfrüh um 2.13 Uhr in Sotschi angereist – zwei Tage später als Lisicki und Julia Görges (Bad Oldesloe), die am ersten Tag überraschend im Einzel aufgeboten wurden.

„Es war nicht das Wochenende von Sabine Lisicki“

Die Weltranglisten-63. Görges verlor gegen Kusnezowa (4:6, 4:6), während Lisicki im Duell mit Pawljuschenkowa (6:4, 6:7, 3:6) enttäuschte – und sogar einen Matchball vergab. „Es war nicht das Wochenende von Sabine Lisicki“, so Rittner.

Bitter, dass dann der allerletzte Schachzug misslang: Rittner hatte sich erst nach dem vierten Einzel für eine Doppel-Kombination entschieden: „Mein Bauchgefühl hat Petko und Lisicki gesagt.“

DTB-Präsident Ulrich Klaus tröstete seine Spielerinnen und nahm bereits den Titel 2016 ins Visier: „Kopf hoch! Wir kommen zurück.“

Immerhin: Mit Petkovic, Kerber (beide 27), Lisicki (25) und Görges (26) hat sie mittlerweile ein gefestigtes und ausgeglichenes Team beisammen. Doch die einst als goldene Generation des deutschen Damen-Tennis Gepriesenen muss aufpassen, dass ihr nicht die Zeit davonläuft.

Und das Ziel der Damen-Bundestrainerin kein Traum bleibt: „Irgendwann werden wir dieses Scheiß-Ding gewinnen“, hatte Rittner nach dem verlorenen Fed-Cup-Finale in Prag im vergangenen November gesagt.