Nach seinem Sprint riss Radprofi John Degenkolb die Arme in die Höhe und schüttelte auf der ehrwürdigen Betonpiste von Roubaix immer wieder den Kopf. In der sogenannten „Hölle des Nordens“ raste der 26-jährige Thüringer am Sonntag zum ersten deutschen Sieg seit 119 Jahren – dem zweiten überhaupt erst – und erfüllte sich selbst einen Kindheitstraum. Degenkolb siegte beim Frühjahrsklassiker Paris–Roubaix nach 253,5 Kilometern, davon 57,5 über das gefürchtete Kopfsteinpflaster, vor dem Tschechen Zdenek Stybar und dem Belgier Greg van Avermaet. „Ich bin so glücklich und stolz“, sagte Degenkolb mit Dreck verschmiertem Gesicht, nachdem er seiner Frau Laura samt Söhnchen Leo-Robert im Zielbereich in die Arme gefallen war. „San Remo war schon sehr emotional, aber das übertrifft alles. Das ist das Rennen, das ich immer verfolgt habe. Es ist der größte Traum meiner Karriere, den ich mir hier erfüllt habe. Unglaublich.“
Wiggins ohne Happy End
Für den Mann vom deutschen Giant-Alpecin-Team war es bereits der zweite Klassiker-Sieg in diesem Jahr, nachdem er drei Wochen zuvor bei Mailand–San Remo triumphiert hatte. Dies war zuvor nur dem Belgier Cyrille Van Hauwaert (1908) und dem Iren Sean Kelly (1986) gelungen. Für den bislang einzigen deutschen Paris–Roubaix-Sieg hatte zuvor der Münchner Josef Fischer bei der ersten Auflage des Rennens im Jahre 1896 gesorgt.
Beim Start stand noch Bradleys Wiggins im Blitzlichtgewitter. Der Tour-de-France-Sieger und Olympiasieger von 2012 widmet sich zukünftig wieder dem Bahnradsport und will in Rio 2016 seine Medaillensammlung aufstocken. 30 Kilometer vor dem Ziel startete der Brite eine Attacke, wurde aber wieder eingeholt. Somit blieb das heiß ersehnte Happy End im letzten Straßenrad-Rennen aus. Er kam nicht unter die besten zehn Fahrer.
Im Vorjahr noch auf Platz zwei
Der Hauptdarsteller bei der 113. Auflage des Rennens war aber Degenkolb. Nachdem die Belgier Yves Lampaert und van Avermaet zwölf Kilometer vor dem Ziel attackiert hatten, begab sich der Wahl-Frankfurter allein auf die Verfolgung und schloss sechs Kilometer vor dem Ziel auf. „Keiner wollte mit mir zusammenarbeiten, also bin ich selbst gefahren. Ich hatte keine Angst davor, dass es schiefgehen könnte“, erklärte Degenkolb die Situation kurz vor dem Ziel. Vier weitere Fahrer kamen hinzu, so dass eine siebenköpfige Spitzengruppe das Rennen unter sich ausmachte. Schon 2014 hatte er den Sprint gewonnen, damals ging es aber „nur“ um den zweiten Platz hinter Sieger Niki Terpstra.
rh/sid/dpa


