Es könnte sein, dass Lukas Podolski am Sonnabend in Mailand mit einem Ohrwurm aufgewacht ist. Der Song, der dem 29-Jährigen nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte, hatte die Melodie von „Guantanamera“, und der Text ging so: „Uno di noi. Podolski, uno di noi. Uno di noi!“ Das ist Italienisch und bedeutet: „Einer von uns. Podolski, einer von uns.“
Mehr als hundert aufgeregte Anhänger von Inter Mailand hatten den deutschen Weltmeister mit jenem Gesang am späten Freitagabend auf dem Flughafen der lombardischen Hauptstadt empfangen. Wie die Ankunft eines Heilsbringers mutete das an. Podolski, bisher in Diensten des FC Arsenal, schließt sich bis Saisonende dem 18-maligen italienischen Meister an.
Ausleihe mit Kaufoption
Am Sonnabend unterzog er sich dem Medizincheck und unterschrieb einen Vertrag bei den „Nerazzurri“. Inter leiht Podolski für etwa 600.000 Euro plus möglicher Zusatzzahlungen von 400.000 Euro bis zum Sommer aus und hat sich darüber hinaus eine Kaufoption gesichert (6,5 Millionen Euro werden genannt). Nach einem gemeinsamen Mittagessen mit seinem neuen Trainer Roberto Mancini nahm der Angreifer bereits am Nachmittagstraining teil und könnte schon am Dienstag auflaufen bei der Partie gegen den Tabellenführer der Serie A, Juventus Turin.
„Ich kenne die italienische Liga. Sie ist stark. Ich hoffe, ich kann der Mannschaft helfen, in die Champions League zurückzukehren“, sagte Podolski. Er grinste, trug einen Schal in Inters Vereinsfarben Schwarz und Blau um den Hals und schob noch ein „Forza Inter!“ hinterher. Das ist volksnah und spornte die Tifosi im Flughafen nur noch mehr zu Lobeshymnen auf ihn an.
„Einer von uns“ – das hörte Podolski schon häufig in seiner Karriere. Jene drei Worte beschreiben einerseits den Zauber, der von ihm ausgeht, aber sie künden auch von seiner Schwäche. Lukas Podolski ist immer die große Projektionsfläche für Fans gewesen. Vor allem in Köln und im Trikot der deutschen Nationalmannschaft.
Eine Projektionsfläche für Fans
Im polnischen Gleiwitz geboren und in Bergheim im Speckgürtel der Domstadt aufgewachsen, stand er für den unerschrockenen Emporkömmling aus den eigenen Reihen, der nie Zweifel an der Liebe zu seinem Klub lässt. Fans verehren solche Spieler, weil sie sich mit ihnen identifizieren können – und andersrum. Ein ähnliches Potenzial entwickelte Podolski in der Nationalelf als Jungspund, der bei der Heim-WM 2006 für Furore und gute Laune sorgte. Danach blieb er immer der nahbare Star.
Doch das „Einer von uns“ hat Podolski auch nie überwinden können. In seiner Vereinskarriere schaffte er es bisher ausschließlich bei seinem Heimatklub zum unumstrittenen Stammspieler. In München wirkte er wie in einer bayrischen Diaspora und kehrte nach drei Jahren beim FC Bayern zum 1. FC Köln zurück. In England beim FC Arsenal schaffte er nie den Durchbruch: In der vergangenen Saison bestritt er – auch verletzungsbedingt – nur fünf Ligapartien über 90 Minuten. In der Hinrunde der aktuellen Spielzeit wurde er lediglich sieben Mal eingewechselt.
Die fehlende Spielpraxis hat auch bewirkt, dass ihn andere im DFB-Team überholten. Der 121-malige Nationalspieler kam bei der WM in Brasilien nur zu zwei Kurzeinsätzen. „Für Lukas ist es zwingend notwendig, dass er irgendwo regelmäßig spielt“, sagte Bundestrainer Joachim Löw im November. Mit dem Wechsel zu Inter beginnt für Podolski deshalb der Kampf um seinen Platz bei der EM 2016 in Frankreich.
Es ist das Ringen gegen das Abrutschen ins Mittelmaß und das eint ihn mit seinem neuen Klub. Die Namen Lukas Podolski und Inter Mailand stehen für Glamour und Erfolg, doch es sind jeweils Glamour und Erfolg vergangener Tage. Die Lombarden, die 2010 unter José Mourinho noch die Champions League gewannen, haben zuletzt drei Mal die Königsklasse verpasst. Nur Fünfter wurden sie in der vergangenen Saison, was wenigstens zum Mitspielen in der Europa League berechtigte. In der Zwischenrunde geht es dort im Februar gegen Celtic Glasgow.
Wie einst Matthäus und Klinsmann
Aktuell steht Mancinis Team nur auf Platz elf mit 18 Punkten Rückstand zur Tabellenspitze. Podolskis Konkurrenten um einen Stammplatz im Angriff heißen Mauro Icardi, Rodrigo Palacio und Pablo Osvaldo. Echte Stars gibt es kaum noch bei Inter – und wenn, sitzen sie wie der serbische Verteidiger Nemanja Vidic nur auf der Bank. Podolskis Plan, bei den Schwarz-Blauen Spielpraxis zu bekommen und sich damit dem Vergessenwerden in der Nationalelf entgegen zu stellen, hat hier Raum.
Mancini, der selbst erst im November kam, freut sich jedenfalls auf seinen Weltmeister: „Ich kenne ihn sehr gut. Er kann auf verschiedenen Positionen spielen, hat sehr viel Erfahrung und Qualität“, sagte der Trainer. Und dann rückte er Podolski in eine Reihe mit früheren deutschen Nationalspielern bei Inter wie Lothar Matthäus, Andreas Brehme, Jürgen Klinsmann und Matthias Sammer: „Wenn wir in der Geschichte zurückschauen, dann haben die deutschen Spieler bei Inter immer überzeugt.“
Das Problem mit jenem Vergleich ist, dass all diese Spieler in ihrer Blütezeit Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre kamen, was auch die Blütezeit des italienischen Fußballs war. Lukas Podolski und Inter Mailand stemmen sich ab sofort gemeinsam dagegen, dass ihre schon vergangen ist.


