Boxen

Arthur Abrahams Weg kann kein leichter sein

Arthur Abraham bleibt Boxweltmeister im Super-Mittelgewicht. Er überzeugte in Kiel gegen den Briten Paul Smith. Nun hoffen viele Fans, dass sich der Berliner seinen einstigen Bezwingern stellt.

Foto: Daniel Reinhardt / AP/Reinhardt

Sie sind ein kongeniales Duo, der Meistertrainer und sein boxender Schützling. Im Ring stark, außerhalb durch wechselseitig ebenbürtige Entertainer-Qualitäten ebenso. Ulli Wegner und Arthur Abraham, seit elf Jahren ein Team. Dazu formulierte der 34 Jahre alte Boxer in Kiel ganz süffisant: „Ich bin seit elf Jahren im Gefängnis“.

Im gereiften Alter von 72 ließ sich der Coach gar zum einem Küsschen auf Abrahams Wange hinreißen, ob der gerade gezeigten Leistung im Ring. Denn Abraham verteidigte in seinem 45. Kampf als Profi, dem achtzehnten der über zwölf Runden ging, seinen Weltmeistergürtel im Super-Mittelgewicht nach Version der WBO gegen den Briten Paul Smith.

Der Mann aus Liverpool, drei Jahre jünger als der Berliner, war sehr gut vorbereitet nach Deutschland gekommen, gab alles, hatte aber nicht wirklich eine Siegchance. Das klare Punkturteil wurde von seinem Team lautstark angezweifelt, das gehört mittlerweile schon zu einem festen Ritual, war aber gerechtfertigt. Viel mehr, weil rundum erfreulich, ist zum sportlichen Ablauf des WM-Duells nicht zu sagen. Im Vorfeld jedoch, und das hat Bezug auf die Zukunft, gab es großes Kino im Berliner Profiboxstall im Team Sauerland – perfekt vorgetragen vom oben erwähnten kongenialen Duo.

Emotionale Darbietungen

Von Besucherstopp im Trainingslager über Entzug des Handys bis zu Rücktrittabsichten des Trainers wurde die ganze Palette von emotionalen Darbietungen geboten. Wegner versteht es meisterhaft, ernst und drängend seine Nöte mit Abraham zu schildern. Abraham schaut stets mit seinen dunkelbraunen Augen in die Welt – und verspricht eigentlich immer ganz lieb zu sein. Am Ende stehen 41 Siege in 45 Kämpfen. Hätten sie wirklich signifikante Probleme miteinander, hätte es diese Bilanz nie gegeben.

„Wenn Arthur und Sauerland es ernst meinen, dann müssen sie jetzt gegen Carl Froch, Andre Ward oder Andre Dirrell boxen. Da hat er dreimal Dresche bekommen und öfter gesagt, es sein noch eine Rechnung offen.“ Ein glasklarer Satz, formuliert vom Berliner Ex-Champion Graciano Rocchigiani. Der 50-Jährige bringt auf den Punkt, an welcher Stelle künftig die Weichen im bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Team zu stellen sind. Die Berliner Truppe um Teamgründer Wilfried Sauerland ist qualitativ exzellent aufgestellt, braucht aber nach Auslaufen des ARD-Vertrages attraktive Veranstaltungspakete. Erstens um den Ansprüchen der Boxfans gerecht zu werden, zweitens um auch eigenen Ansprüchen (und Aussagen) zu genügen.

Zu bieten hat man einiges. 3,4 Millionen Fans saßen beim Abraham-Smith-Duell zu später Stunde am TV-Gerät (Marktanteil 22,4 Prozent). Dass dürfte auch andere Anbieter überzeugen. Was weniger überzeugt, ist die Aussicht auf ein viertes Aufeinandertreffen von Arthur Abraham und Robert Stieglitz. Der Magdeburger boxt am 8. November gegen den Wahl-Kölner Felix Sturm (Leverkusen), Abraham (und auch sein Team) sprechen von einem Kampf gegen den Sieger.

Geheimnis wird gehütet

„Ganz ehrlich“, so Rocchigiani, „die sollen einen der drei, die gegen Arthur gewonnen haben, holen. Oder bei denen boxen. Das wollen die Leute sehen. Das wäre echte Klasse. Nichts gegen Stieglitz oder Sturm, aber gegen Froch, Ward und Dirrell sind sie im Moment doch nur zweite Wahl. Und Arthur würde zeigen, dass er ein wirklich Großer ist. Stieglitz hat er zweimal besiegt, gegen Sturm hätte er vor Jahren boxen sollen. Da hat keiner was gemacht.“

Eventuell erfüllt sich ja Rockys Wunsch. Im Team Sauerland ist man zurecht ein bisschen stolz darauf, das kleine Geheimnis „Wie geht es weiter“ zu hüten. „Geben sie uns zwei, drei Wochen Zeit. Es gibt interessante Verhandlungen“, hatte Kalle Sauerland, 37, im Vorfeld des Kieler Abends schon für Neugier und Spannung gesorgt. „Wir haben ein paar echt geile Pläne“, sagte Abraham-Kollege und Cruisergewichts-Champion Marco Huck der Berliner Morgenpost. Um den 29-Jährigen ranken sich interessante Gerüchte bis hin zu einem WM-Duell im Schwergewicht gegen den Kanadier Bermane Stiverne, der den WBC-Titel des zurückgetretenen Vitali Klitschko trägt.

Was Arthur Abraham angeht, stehen zwei Fakten fest. Der einstige „Schlumpf-Boxer“ hat sich im Wegnerschen Gefängnis aus einem zeitweiligen Leistungstief befreit. Aber die körperlichen Ressourcen des Routiniers sind nicht unbegrenzt. Die ganz großen Gegner sollte er bald vor die Fäuste bekommen. Taten würden Worten folgen.

Chance auf weitere Küsschen

Würden, denn in Kiel wurde die nahe Zukunft eher so umrissen. „Ich würde gern dem Gewinner aus dem Kampf Sturm gegen Stieglitz eine Chance geben, um die Weltmeisterschaft zu boxen“, so Abraham. „Der Kampf gegen den Sieger zwischen Stieglitz und Sturm steht ganz oben in unserer Gunst“, wird Wilfried Sauerland zitiert.

Um seine Ankündigungen wahr zu machen, er habe mit Froch, Ward und Dirrell noch offene Rechnungen zu begleichen, müsste sich Abraham für den härteren Weg entscheiden. Über die Frage, was er für weitere Küsschen seines Trainers zu leisten bereit ist, muss er sich in den kommenden Wochen klar werden. Aber: Er benötigt dabei die Unterstützung seines Teams. Mit dem Erfolg gegen Paul Smith hat sich Abraham auf jeden Fall für höhere Aufgaben empfohlen. Das wird man auch bei Sat1, wo Stieglitz und Sturm unter Vertrag stehen, oder RTL (Wladimir Klitschko) gesehen haben. Gut für das Team Sauerland.