Auf Deutschlands Volleyballer wartet ein tolles Erlebnis. Im Weltmeisterschafts-Halbfinale treffen sie am Sonnabend vor über 12.000 Zuschauern auf Gastgeber Polen (20.15 Uhr, Sport1), am Sonntag können sie die erste deutsche WM-Medaille seit 44 Jahren gewinnen. Der Berliner Denis Kaliberda, 24, ist einer von sechs deutschen Spielern, die in Polens Liga ihr Geld verdienen, zudem arbeitet Bundestrainer Vital im Zweitjob als Vereinstrainer in Bromberg. Denn Volleyball wird in Polen gut bezahlt, kann dort durchaus mit Fußball konkurrieren.
Berliner Morgenpost: Gegen Polen erwartet Sie in Kattowitz ein wahrer Hexenkessel. Was erwarten Sie von dieser Partie?
Denis Kaliberda: Das wird ein wahnsinniges Spiel, die Zuschauer werden ihre Mannschaft nach vorne peitschen. So etwas erlebt man wahrscheinlich nur einmal in seiner Karriere. Angst haben wir aber nicht. Wir wollen die Chance auf eine Medaille beim Zopfe packen, am besten gleich bei der ersten Gelegenheit.
Deutschland hatte einen Tag länger Pause als Polen, das zudem viermal hintereinander über die volle Distanz von fünf Sätzen gehen musste. Ein Vorteil?
Ein kleiner. Wenn die Polen aber erst einmal auf dem Spielfeld stehen, wird ihre Müdigkeit wie weggeblasen sein.
Sie spielen in der polnischen Liga bei Jastrzębski Węgiel, nicht weit von Kattowitz entfernt. Werden die Fans des Klubs Ihnen am Sonnabend die Daumen drücken?
Ich glaube nicht, dass irgendein Pole uns im Halbfinale die Daumen drückt. Trotzdem erwarte ich keine feindliche Stimmung. Die Polen erzeugen positive Stimmung, anstatt den Gegner auszubuhen. Bei unseren anderen Spielen haben Fans aus Węgiel für Deutschland gejubelt.
Welchen Stellenwert hat Volleyball in Polen, einen anderen als in Deutschland?
Einen sehr hohen. Es ist eine Sportart, in der die Polen in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich gewesen sind, das erzeugt natürlich Interesse, auch von Sponsoren. Die hiesigen Klubs haben einen deutlich höheren Etat als die meisten deutschen, vielleicht mit Ausnahme der Berlin Recycling Volleys und des VfB Friedrichshafen. In Deutschland fällt das Finanzniveau danach aber stark ab – in Polen nicht. Jeder hier kennt Volleyball, jeder versteht Volleyball. Die Spieler werden auf der Straße erkannt, auch weil die Sportart regelmäßig im Fernsehen läuft. Wenn die Nationalmannschaft spielt, gibt es sogar Public Viewings.
Im Fernsehen schauten die deutschen Fans bislang in die Röhre, auch wenn Sport1 nun das Halbfinale übertragen wird. Ärgert das?
Ich habe aufgehört, mich darüber zu ärgern, weil ich es ja sowieso nicht ändern kann. Natürlich ist das traurig. Früher hieß es, dass wir Erfolge vorweisen müssten, damit das Fernsehen überträgt. Jetzt waren wir Olympiafünfter und stehen bei der WM im Halbfinale – und trotzdem interessiert sich bei den Sendern kein Schwein für uns.
Könnte eine WM-Medaille etwas ändern?
Ich fürchte, selbst ein Weltmeistertitel würde nichts ändern.
Mit Ausnahme von drei Spielern, darunter dem Berliner Sebastian Kühner, spielen alle deutschen WM-Spieler im Ausland. Kann die Liga so von dem erfolgreichen Abschneiden bei der WM überhaupt profitieren?
Schön wäre es, denn die Liga braucht dringend neue Impulse. Das Niveau stagniert, hinter Berlin und Friedrichshafen klafft eine große Lücke. Ich habe allerdings meine Zweifel, dass die Liga von der erfolgreichen WM profitieren kann. Wenn die große Masse kaum etwas davon mitbekommt, weil die Spiele nicht im Fernsehen zu sehen sind, kommen danach sicher auch nicht mehr Zuschauer in die Halle.
Sie haben beim SC Charlottenburg das Volleyballspielen gelernt, später machten sie beim VC Olympia erste Bundesliga-Erfahrungen. Der Durchbruch kam jedoch erst in Haching und im Ausland. Warum?
Ich wäre damals gerne in Berlin geblieben, aber der Verein wollte mich damals leider nicht, trotz zehn erfolgreichen Jahren in der Jugend. Im Nachhinein war es der richtige Schritt, Berlin zu verlassen. Trotzdem bin ich immer noch stolzer Berliner. Hier bin ich aufgewachsen, hier leben Freunde und meine Freundin.
Sie sind nicht der Einzige im deutschen Team mit Berliner Wurzeln. Marcus Böhme, Tim Broshog, Christian Fromm, Dirk Westphal und Sebastian Kühner sind alle an der Spree geboren, Sebastian Schwarz und Jochen Schoeps haben ebenfalls hier gespielt. Welchen Stellenwert hat Berlin für den deutschen Volleyball?
Berlin ist eine gute Ausbildungsstätte gewesen. Der Nachwuchs, vor allem die Jahrgänge 1987 bis 1990, wurde damals sehr gut betreut und an höhere Aufgaben herangeführt. Mein Eindruck ist aber, dass es heute nicht mehr ganz so viele Talente in der Stadt gibt. Warum, das vermag ich nicht zu sagen. Aus der Ferne habe ich nicht den Einblick. Fakt ist aber, dass die BR Volleys nicht mehr fünf oder sechs Nationalspieler stellen.
Sie glänzen bei der WM als einer der punktbesten Angreifer, dabei sind Sie mit 1,93 Meter für einen Volleyballer eher klein gewachsen. Wie machen Sie das?
Volleyball ist ein sehr komplexes Spiel – da kommt es nicht nur darauf an, stumpf hochzuspringen und den Ball ins Feld zu dreschen. Gerade auf meiner Position in der Annahme zählt auch die Wendigkeit. Größe ist da nicht alles. Mein Spielstil ist anders. Ich spiele clever, mit Gefühl.
Ist der WM-Erfolg ein Ergebnis individueller Qualität oder ein Triumph des Teams?
Beides. Unsere Spieler sind in den vergangenen Jahren individuell immer stärker geworden, auch weil sie sich im Ausland regelmäßig mit den Besten messen. Georg Grozer ist mittlerweile ein echter Weltstar. Trotzdem sind die meisten russischen oder brasilianischen Spieler immer noch besser als wir. Aber unsere Einzelspieler funktionieren eben gut als Mannschaft. Das macht uns so stark.
Bei diesem WM-Turnier mussten die Deutschen in 20 Tagen 13 Partien absolvieren, ein Mammutprogramm. Sind Sie immer noch fit?
Ja, ich bin selbst überrascht. Wir hatten aber sicher auch ein bisschen Glück, dass wir als einzige Mannschaft zwischen den einzelnen Gruppenphasen nicht den Spielort wechseln mussten und uns Reisestrapazen erspart blieben.
Hinzu kam Losglück. Anstatt gegen Titelverteidiger Brasilien und Olympiasieger Russland ging es in der Runde der besten Sechs gegen Frankreich und Iran.
Stimmt, aber auch gegen diese Mannschaften muss man erst einmal gewinnen. Sie standen ja nicht zu Unrecht unter den besten Sechs.
Die erste deutsche Medaille seit 44 Jahren ist zum Greifen nahe, aber es könnte auch noch der undankbare vierte Platz werden...
...alles außer einer Medaille wäre eine Enttäuschung.


