Fünf Euro ins Phrasenschwein, aber: „Manchmal ist Angriff die beste Verteidigung“. Für die Berliner Sauerland-Profiboxtruppe gilt das allemal. Allen Gerüchten, allen Spekulationen und allem Rätselraten um den teilweisen oder völligen Rückzug der ARD aus dem Faustkampfgeschehen zum Trotz, stellen sich die Berliner neu auf. International und national.

Besonders bemerkenswert: Ken Hershman, Boss des amerikanischen Box-TV-Spezialisten HBO, war in Berlin und hat das Interesse seines Senders an Kämpfen von Marco Huck bekundet. „Wir haben ihn schon seit geraumer Zeit immer wieder beobachtet. Marco hat einen Boxstil, den unsere Fans lieben. Er setzt immer alles auf eine Karte, kann für ihn schwierige Situationen zu seinen Gunsten drehen, hat einen gewaltigen Punch“, sagt der umtriebige Manager und fügt hinzu: „Er kann sogar ins Schwergewicht aufsteigen.“

Für Marco Huck, Weltmeister nach Version der World Boxing Organization (WBO) im Cruisergewicht, sind das lukrative Aussichten. „Das wäre schon eine Supernummer. Meine Fans wissen, dass ich in jedem Ring der Welt boxe und jeden Gegner akzeptiere. Ich bin sicher, dass ich mit meinem Trainer Ulli Wegner auch in Amerika Erfolg haben würde. Ich warte aber erst einmal ab. Die Gespräche sind interessant, Verträge sind aber noch interessanter“, sieht der 29 Jahre alte Berliner dem Gang der Dinge gelassen entgegen.

Kampfstil als Trumpf

„Marco ist der Typ Kämpfer, der in den USA ankommt. Sie mögen die aggressiven Jungs, die eine Entscheidung suchen. Für uns gilt es darüber hinaus, unser Team möglichst breit aufzustellen. Da ist Marco ein wichtiger Baustein“, geht Sauerland-Geschäftsführer Frederick Ness das Thema an. Für Kalle Sauerland, Sohn von Teamgründer Wilfried Sauerland und mittlerweile Teilhaber, zählt noch ein zweiter Aspekt. „Boxen ist international. Wir sind schon seit vielen Jahren in Europa gut vernetzt. Unser Schwerpunkt soll Berlin sein, aber das schließt den Blick nach draußen ja nicht aus.“

Aus diesem Grund ist man beim Berliner Boxstall auch sicher, dass die Fans hierzulande auch künftig mit Live-Boxen versorgt werden. „Die gute Zusammenarbeit mit der ARD ist nicht vom Tisch. Gleichzeitig ist es sicher auch für andere Anbieter – genau wie für uns – von Interesse, über neue Formen der Kooperation nachzudenken. Das könnten einzelne Kampfabende sein oder auch Pakete von mehreren Veranstaltungen“, sinniert Ness.

Wladimir Klitschko kann noch nicht um den WBC-Titel kämpfen

Momentan liegt international der Fokus bei den Berlinern nicht bei Huck, sondern bei Schwergewichtler Kubrat Pulev. Der 33 Jahre alte ehemalige Europameister ist – zugegeben zum wiederholten Male – als Herausforderer von Schwergewichts-Multi-Weltmeister Wladimir Klitschko bestätigt. „Die IBF hat Kubrat gelistet und es steht für Klitschko eine Pflichtverteidigung an. Wladimirs Traum, den einstigen WBC-Titel seines Bruders Vitali zu gewinnen, muss voraussichtlich etwas warten. Der Kanadier Berman Stiverne, der ihn momentan hält, ist verletzt“, sagt Hagen Doering, Technischer Leiter im Sauerland-Team. „Außerdem wartet auf ihn eine Pflichtverteidigung gegen den Amerikaner Deontay Wilder. Das bedeutet, dass das Klitschko-Management und wir in Gespräche eintreten. Einigt man sich nicht, setzt der Weltverband IBF ein Pursebid (Versteigerung, d.R.) an. Das wird auf jeden Fall für Kubrat interessant. Zieht er sich gut aus der Affäre, geht seinen Karriere steil nach oben“, so Döring weiter.

Von einer steilen Karriere träumt auch des jüngste Mitglied der Sauerland-Familie. Stefan Härtel, zuletzt jeweils EM-, WM- und Olympia-Viertelfinalist, tauscht seinen Amateurstatus gegen ein Profidasein ein. Der 26 Jahre alte Lehramts-Student an der Berliner Humboldt-Uni (Sport und Geschichte) hat in seiner Heimatstadt einen Vertrag unterschrieben und wird künftig wieder mit seinen ehemaligen Bundesliga-Kollegen Tyron Zeuge und Enrico Kölling bei Coach Karsten Röwer trainieren. „Mir war ein sauberer Abschied von den Amateuren wichtig. Ich habe dort gute Zeiten gehabt. Trotzdem habe ich mich gefragt, wie es mit mir weiter gehen soll. Also habe ich nachgedacht und bin zu der Entscheidung gekommen – im Profibereich passt für mich mehr zusammen“, beschreibt Härtel seinen Umstieg präzise.

Härtels Debüt am 16. August

Der Mittelgewichtler vom Berliner Klub Lichtenberg 47, der voraussichtlich am 16. August sein Profidebüt gibt, ist zu fair, den desolaten Zustand des deutschen Amateurboxens für den Wechsel verantwortlich zu machen. Fest steht aber: Weder die vom Deutschen Boxsport Verband immer wieder verbal glorifizierte World Series of Boxing (WSB) noch die vom Amateur-Weltverband Aiba angekündigte Pseudo-Profiserie (APB) waren attraktiv genug für Härtel.

Sein künftiger Chef, Kalle Sauerland, hält viel von Neuzugang Härtel. „Wir wollen mit Stefan nicht rumeiern. Er ist ein erfahrener Boxer. Er wird Zeit bekommen, sich einzuleben, aber er wird keine 27 Aufbaukämpfe bestreiten. Wir setzen auf ihn, und wir wissen, wie man Weltmeister macht“, sagte er. Und Sauerland sagte weiter: „Wir haben momentan vier Weltmeister mit Marco Huck, Arthur Abraham, Jürgen Brähmer und Yoan Pablo Hernandez. Aber wir denken auch schon mal bis 2016 oder 17. Dann wollen wir immer noch vier Champions haben. Stefan soll einer davon sein.“