Als Julius Caesar, genialer römischer Staatsmann und Feldherr, sich selbst nach der Schlacht von Zela (47 v. Chr.) lobte „Er kam, sah und siegte“, konnte er nicht ahnen, dass 2060 Jahre später diese Worte uneingeschränkte Gültigkeit für den Spanier Marc Marquez haben würden. „Schon als Kind eine Legende“, schrieb die spanische Sportzeitung „El Mundo Deportivo“. Und der Italiener Valentino Rossi, seit fast 20 Jahren der absolute Superstar auf zwei Rädern, sagte über den 20-Jährigen: „Jetzt ist Marc der Beste von uns allen.“ Der Motorrad-Rennsport hat einen neuen Helden.
Respekt für den Verlierer
Stefan Bradl hatte das schon vor zwei Jahren erkannt. Seit wenigen Minuten war der Deutsche im November 2011 Motorrad-Weltmeister der Klasse Moto2, da ging er in die Box seines Rivalen Marc Marquez. Der hatte auf einen Start verzichten müssen, seine Augenverletzung nach einem Sturz in Malaysia zwei Wochen zuvor war schuld. Marquez sah alles doppelt. Kein Training, kein Rennen – damit war Bradl nicht mehr einzuholen und Champion. Dass er als Sieger zum Verlierer ging, entsprang einem Bauchgefühl. Auch wenn er versuchte, es sachlich zu begründen: „Ich bin hingegangen, weil klar war, wie sehr ich von seinem Pech profitiert hatte. Ein bisschen hat er mir leid getan. Er war schon damals ein außergewöhnlicher Fahrer, einer der alles ein bisschen besser und schneller hinkriegt als wir anderen.“
Daran hat sich nichts geändert – im Gegenteil. Marc Marquez hat zwei Jahre später die Hierarchie der spektakulärsten Motorrad-Kategorie weltweit auf den Kopf gestellt, greift als 20-Jähriger in seinem MotoGP-Debütjahr nach dem WM-Titel. Eine Sensation, denn es gilt rund 160 Kilo schwere, gut 250 PS starke und bis zu 350 km/h schnelle Geschosse in atemberaubenden Schräglagen durch die Kurven der Grand-Prix-Strecken zu bewegen.
Marquez kam zu Saisonbeginn in die Königsklasse, sah, lernte schnell und war der erste Fahrer, dem es gelang, nicht nur das Knie, sondern auch den Ellenbogen auf dem Asphalt beständig aufsetzen zu lassen. Er erklärt das ganz pragmatisch: „Wenn du mit dem Knie und dem Ellenbogen unten bist, hast du zwei Stellen, wo du Gegendruck aufbauen kannst und so noch ein bisschen weiter den Körper in die Kurve legen kannst, ohne das Motorrad weiter umzulegen“. Der Effekt, etwas vereinfacht beschrieben: Je aufrechter das Motorrad am Kurvenende ist, je schneller kann der Fahrer wieder Gas geben.
Dr. Jekyll und Mister Hyde
Zweifel an der Richtigkeit seiner These sind unangebracht. Marc Marquez hat bislang 90 WM-Rennen bestritten, 14 davon in der MotoGP. Er hat 32 gewonnen (6 MotoGP) und war 2010 Weltmeister in der Klasse bis 125-Kubik und 2012, als Bradl-Nachfolger, Champion in der Moto2. Bei noch vier ausstehenden Rennen führt der Honda-Pilot die WM-Wertung der Königsklasse mit 278 Zählern an. Ihm folgen seine spanischen Landsleute Jorge Lorenzo (Yamaha, 239) und Dani Pedrosa (Honda, 219). Vierter ist Rossi (Yamaha, 185).
Doch Marc Marquez, das ist auch ein bisschen Dr. Jekyll und Mister Hyde. Der Milchbubi aus Cervera, einer 10.000-Seelen-Stadt in Katalonien, schont weder sich, noch andere. So wie die Charaktere in seinem Lieblingsfilm Django von Regisseur Quentin Tarantino. Jorge Lorenzo (Kollision mit Marquez in der letzten Runde in Jerez), Dani Pedrosa (spektakulärer Sturz nach einer Berührung durch Marquez), und Cal Crutchlow können ein Lied davon singen. Der Zwischenfall mit dem Briten hätte sogar tödlich ausgehen können. Crutchlow war in Silverstone gestürzt, die Helfer damit beschäftigt, ihn und sein Motorrad aus der Gefahrenzone im Kiesbett zu schaffen. Marquez raste trotz Gelber Flaggen, also Langsamfahrgebot, auf die Unfallstelle zu, stürzte ebenfalls. Sein Motorrad schlug wie ein Geschoss an der Stelle ein, an der sich die Helfer Sekundenbruchteile vorher noch befunden hatten.
Marquez fährt seither auf Bewährung. Er hat zwei Strafpunkte auf seinem Konto. Bei deren vier muss ein Fahrer aus der letzten Position starten, bei sieben aus der Boxengasse und bei zehn ein Rennen aussetzen. Für die Kollision mit Pedrosa muss er sich am Donnerstag in Malaysia vor der Rennjury verantworten, ehe am Freitag das Training in Malaysia ansteht. Der gleiche Marquez bedauert aber zutiefst, dass „ich keine Haustiere haben kann, weil ich so oft auf Reisen bin“. Und seine liebste Freizeitbeschäftigung sind Mountainbike-Touren mit Bruder Alex, 17, der in der Klasse Moto3 um WM-Punkte kämpft.
Vater vererbt Motorrad-Bazillus
Dass er sich selbst auch nicht schont, hat Marquez am ersten Juni-Wochenende in Mugello bewiesen. Horrorsturz bei Tempo 338 – Abtransport ins Krankenhaus. Das schier Unglaubliche: Ein paar Prellungen, eine schmerzhafte Verletzung am Kinn, mehr war nicht. Nicht zuletzt weil die Kleidung der Grand-Prix-Stars ein Sicherheitssystem beinhaltet. so öffnet sich bei Unfällen ein Rückenairbag (Reaktionszeit etwa 0,05 Sekunden). Messungen haben ergeben, dass Marquez etwa 0,08 Sekunden nach Sturzbeginn den ersten Bodenkontakt hatte. Am Sonntag startete Marquez mit einem simplen Pflaster am Kinn – nur um fünf Runden vor Schluss, auf Rang zwei liegend, wieder zu stürzen.
Den Motorrad-Bazillus hat Marquez von seinem Vater Julian geerbt. Der Ex-Motocross-Fahrer („Straßenrennen waren zu teuer“) arbeitet als Kranfahrer und gibt seinen Söhnen vor ihren Rennen immer denselben Ratschlag: „Seid vorsichtig, es könnte regnen.“


