Worum es hier geht, darüber soll niemand lange rätseln müssen. Eine große Folienwand bedeckt die Stirnseite des Raumes, gut zwei Meter hoch und vier Meter breit. Etliche Logos der Gewerkschaft der Polizei sind aufgedruckt, dazwischen steht gefühlte einhundert Mal „Gerechtigkeit für Claudia Pechstein“. Obendrüber thront der Schriftzug noch einmal in fetten Lettern.
Ob Claudia Pechstein ihre Gerechtigkeit bekommt, wird sich ab der nächsten Woche in München entscheiden. Dort verhandelt am Mittwoch das Landgericht über ihre Klage gegen den Eislauf-Weltverband ISU und die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG). Die fünfmalige Olympiasiegerin fordert Schadensersatz, Schmerzensgeld, vor allem aber ihre Rehabilitation und die Wiederherstellung ihres Rufes. „Ich freue mich darauf, dass mein Fall endlich von einem deutschen Zivilgericht behandelt wird“, sagt die Berlinerin, die eine Woche vor dem Prozessauftakt noch einmal in Erinnerung rufen möchte, was in den vergangenen Jahren alles vorgefallen ist.
Das übernimmt hauptsächlich Thomas Summerer. Der Anwalt referiert alle Etappen im Fall Pechstein. Von der Blutprobe bei der Weltmeisterschaft 2009 über Verfahren bei der ISU, dem Internationalen Sportgerichtshof Cas, dem Schweizer Bundesgericht bis hin zu einer Selbstanzeige beim Weltverband. Das dokumentiert einerseits, wie hartnäckig die Sportlerin darum kämpft, dass die zweijährige Sperre, die wegen erhöhter Blutwerte gegen sie verhängt worden war, ein Fehlurteil war. Andererseits soll die Auflistung belegen, wie umfangreich die Instanzen versagt haben.
Anwalt hat schon Krabbe geholfen
„Hier sind Grundrechte mit Füßen getreten worden. Verbände tun, was sie wollen, und stehen schon fast auf Kriegsfuß mit rechtsstaatlichen Standards“, sagt Summerer. 1996 hat er bereits der Sprinterin Katrin Krabbe geholfen, sich gegen Verbände zur Wehr zu setzen. Das brachte der Leichtathletin damals gut eineinhalb Millionen D-Mark ein. Auch bei Pechstein geht es um einen Millionenbetrag.
Die Berlinerin war nur auf einen Verdacht hin der Blutmanipulation für schuldig befunden worden, ohne klaren Beweis. Ihr Weg durch die Instanzen, alle in der Schweiz ansässig, führte dabei mehr und mehr zu Unverständnis gegenüber der Sportgerichtsbarkeit. „Entlastende Hinweise wurden durchgängig ignoriert“, sagt Summerer. Pechstein schaffte immer neue Gutachten heran, die eine vom Vater vererbte Blutanomalie als Grund für die erhöhten und schwankenden Retikulozytenwerte benennen. Inzwischen haben sich selbst die Sachverständigen des Weltverbandes dieser Meinung angeschlossen. Der Verurteilung fehlt damit die Basis.
Angriff auf das Sportrechtssystem
Das wollen die Anwälte nun in München darlegen. „Das ist der größte Fall, der in dieser Art in Deutschland verhandelt wurde und wird bestimmt Sportrechtsgeschichte schreiben“, so Summerer. Mit den Kollegen greift er das ganze Sportrechtssystem an, in dem der Ausschluss staatlicher Gerichte durch die zwangsweise Unterwerfung der Athleten unter eine Schiedsklausel verankert ist. Summerer weiter: „Wir halten den Cas für kein echtes Schiedsgericht.“ Die Beweislaststandards seien „unterirdisch“ und das Bundesgericht als übergeordnete Instanz wenig wert. „In der Schweiz ist man nicht gut aufgehoben, wenn man Gerechtigkeit will“, sagt der Anwalt. In München rechnen sich alle bessere Chancen aus. Selbst DESG-Präsident Gerd Heinze.
Als Zuhörer weilt er bei Pechsteins Termin, obwohl sich die Klage auch gegen seinen Verband richtet. Damit hat die DESG aber kein Problem, sie stand immer auf Pechsteins Seite, musste aber die Sanktionen der ISU durchsetzen. Dass der klamme Verband vor Probleme gestellt werden könnte, glaubt Summerer nicht: „Da gibt es auch Dachorganisationen, die in solchen Fällen einspringen könnten.“ Pechstein beschäftigen solche Dinge nicht. „Ich mache mir erst mal Gedanken über meine Person“, sagt die 41-Jährige, die sich auf Olympia 2014 vorbereitet. Jetzt muss das Landgericht nur noch die Zuständigkeit in dem Fall bejahen, damit der Prozess beginnen kann. Pechstein ist zuversichtlich, endlich Gerechtigkeit zu erfahren.



