Kalter Krieg

Deutschland förderte laut Studie jahrelang Doping-Missbrauch

Zu Zeiten des Kalten Krieges wurde nicht nur in der DDR betrogen, zeigt eine Untersuchung der Berliner Humboldt-Universität. Politiker fordern eine lückenlose Aufklärung.

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Der Aufschrei am Tag danach war groß. Staatsdoping im Westen während der Zeit des Kalten Krieges, systematisch und organisiert, die Politik war nicht nur eingeweiht, sie förderte das auch noch.

Das ist das Ergebnis einer bislang unveröffentlichten Studie der Humboldt-Universität Berlin mit dem Titel „Doping in Deutschland von 1950 bis heute aus historisch-soziologischer Sicht in Kontext ethischer Legitimation“. Die „Süddeutsche Zeitung“ hatte am Sonnabend die wichtigsten Erkenntnisse der Forschungsarbeit aus einer Version von 2012 veröffentlicht, die nun für reichlich Wirbel sorgen.

„Die schlimmsten Befürchtungen sind eingetreten. Das ist mehr, als je vermutet worden ist“, sagte Martin Gerster, sportpolitischer Sprecher der SPD, zur Studie, die zeigt, in welchem Umfang auch in der BRD Doping und Dopingforschung betrieben wurden.

„Das ist unter keinen Gesichtspunkten zu rechtfertigen oder zu entschuldigen“, sagte CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach der Morgenpost. Wenn der Anlass gewesen sein sollte, dass Athleten des Ostblocks durch Doping immer erfolgreicher geworden seien, könne dieses Verhalten der kommunistischen Sportler für das Doping in Westdeutschland weder Rechtfertigung noch Entschuldigung sein. „Auch dann nicht, wenn die Siege als Aufwertung der kommunistischen Regime gewertet wurden“, sagte Bosbach.

Seit 1970 lief alles planmäßig

Es geht um die Einnahme leistungsfördernder Substanzen wie Anabolika, Testosteron, Östrogen oder das Blutdopingmittel Epo. Es geht um Dopingpraktiken, die auch an Minderjährigen verübt wurden, um umfangreiche Dopingforschung, die durch Steuergelder finanziert wurde und um Doping-Kontrollen, die gezielt umgangen wurden. Begonnen hat das Staatsdoping demnach im Oktober 1970 mit der Gründung des Bundesinstituts für Sportwissenschaft (BISp), das bis heute dem Bundesinnenministerium (BMI) untersteht.

Bislang schienen die deutschen Befindlichkeiten in Sachen Doping zumindest in der landläufigen Meinung klar zu sein. Auf der einen Seite der böse Osten, gedopt bis obenhin, geregelt per Staatsplan 14.25. Auf der anderen Seite der gute Westen, sportlich zwar unterlegen, aber bis auf Ausnahmen weitgehend sauber. So in etwa war der Duktus. Doch nun scheinen auch westdeutsche Sporthelden entzaubert. „Die Polarisierung Ost kontra West ist jetzt beendet. Jetzt zeigt sich deutlich, dass der Sport auf beiden Seiten politisch benutzt wurde“, sagte der frühere DDR-Zehnkämpfer Christian Schenk der Morgenpost.

Die Reaktionen der einstigen westdeutschen Größen sind entsprechend. Frei nach dem Motto: Ich doch nicht, so äußern sich ehemalige Topathleten wie Rolf Danneberg, Diskus-Olympiasieger von 1984: „Nun will man offenbar zeigen, dass es im Westen genauso gelaufen ist. Das ist für mich dummes Zeug. Wenn es bei uns systematisch gelaufen sein soll, war ich nicht involviert. Ich halte das für ein starkes Gerücht. Die Beweise möchte ich gern sehen. Bisher kann ich da nur drüber lachen.“ Dass auch der deutsche Fußball, die Weltmeister von 1974 etwa, betroffen sein sollen? „Das ist für mich eine Null-Meldung und deshalb kein Thema“, wetterte Paul Breitner.

Auch in der Politik weist man jede Kenntnis von sich. „Eine Erinnerung an den Sachverhalt habe ich nicht“, sagte Gerhart Baum (FDP), 1978 zum Innenminister der sozial-liberalen Koalition von Helmut Schmidt ernannt. „Nach bestem Wissen und Gewissen kann ich versichern, dass ich von Doping unterstützenden oder Doping tolerierenden staatlichen Maßnahmen keinerlei Kenntnis hatte“, sagte auch Rudolf Seiters (CDU), von 1991 bis 1993 Innenminister im Kabinett von Helmut Kohl.

Wie weit jedoch schon in den Anfangsjahren auch Politiker Einfluss nahmen, zeigt ein von den Historikern dokumentierter Dialog zwischen einem BISp-Funktionär und dem für Sport zuständigen Regierungsmitglied aus dem Jahr 1971: „Von Ihnen als Sportmediziner will ich nur eines: Medaillen in München“, habe demnach der Politiker gesagt. Wie er als Mediziner das machen solle, ein Jahr vor den Olympischen Spielen in München? „Das ist mir egal“, antwortete der Regierungsmann.

Jene scheinbar kleine Episode lässt nicht viel Deutungsspielraum, gewinnen um jeden Preis, das war der Tenor. „Spätestens jetzt sollten alle aufhören, sich die Augen zu verkleistern und zu sagen, Gedopte seien Ausnahmen“, sagte Uwe Trömer der Morgenpost.

Trömer, in den 1980er-Jahren DDR-Radsportler, ist Vorstandsmitglied des Dopingopfer Hilfevereins. Das Ausmaß, das jene Studie offenlegt, wundere ihn nicht, sagte er: „Wir wissen ja schon seit Jahren, dass natürlich auch in Westdeutschland Doping angewandt worden ist. Was mich aber eher wundert ist, wie mit dieser Art Aufarbeitung umgegangen wird. Es wurden extra Wissenschaftler beauftragt, ein System zu enthüllen – und nun werden sie geblockt bei ihrer Veröffentlichung. Das ist aus meiner Sicht absolut scheinheilig. Bis hierhin und nicht weiter? Das geht aus meiner Sicht so nicht.“

Schleppende Veröffentlichung

Mehr als 800 Seiten umfassen die Einlassungen der Berliner Historiker. Bislang wurden sie noch nicht veröffentlicht. Und genau jene Hintergründe sind das Skandalöse. 2008 wurde die Studie für 550.000 Euro vom BISp in Auftrag gegeben, im April 2013 wurde sie fertiggestellt. Der Forschungsgruppe um Giselher Spitzer ging es nicht nur um Fakten, sondern auch um Namen der belastenden Personen, wohl auch um Mediziner, Trainer und Funktionäre, die heute noch im Amt sind. Das BISp aber verlangte laut Süddeutscher Zeitung aus Datenschutzgründen weitgehend anonymisierte Texte und erklärte, die Veröffentlichung der Ergebnisse sei allein Sache der Forscher. Jene wiederum wollten vorher Rechtsschutz vom Auftraggeber für eventuelle Klagen, der wurde ihnen verweigert. So erklärte sich bislang der Stillstand, der nahelegt, dass da mancher kein Interesse an brisanten Fakten hat.

Am Sonnabend nun ließ ein Sprecher des Innenministeriums ausrichten, die Datenschutzbedenken seien ausgeräumt, einer Veröffentlichung stehe „nichts mehr im Wege“. Ganz im Gegenteil, das Ministerium habe „großes Interesse an einer lückenlosen Aufklärung“. Von den Ergebnissen erhoffe man sich einen wichtigen Beitrag. Noch jedenfalls bleiben etliche Fragen. „Wir müssen klären“, sagte CDU-Mann Bosbach: „Ist es richtig, dass mit Wissen des Bundes und unter Einsatz von Steuermitteln systematisches Doping gefördert wurde? Wer hat das auf welche Weise veranlasst? Und wie lange hat diese Praxis gedauert?“