Titelverteidigung

Berlins Box-Weltmeister Hernandez brauchte viel Glück

Der Boxer musste mehr Mühe aufwenden als erwartet, um seinen Titel zu verteidigen. Für die mäßige Leistung gab es Pfiffe aus dem Publikum.

Foto: DPA

Die Antwort war ehrlich: „Ich habe nicht gut geschlafen. Eigentlich gar nicht richtig.“ Für Yoan Pablo Hernandez (27), alter und neuer Profibox-Weltmeister im Cruisergewicht nach Version der International Boxing Federation (IBF), gab es gleich zwei Gründe für den eklatanten Mangel an Nachtruhe. Da waren zunächst die zwölf Runden seiner ersten Pflichttitelverteidigung gegen das kanadische Kraftpaket Troy Ross (37) und die eigenen Gedanken, die sich immer wieder um den Fight in der Bamberger Stechert-Halle gedreht hatten. Um die eigene Leistung, die eigene Freude und gleichzeitig auch Enttäuschung und – nicht weniger intensiv – um die nicht zu überhörenden Pfiffe im Publikum.

Zu viele Kopftreffer

„Über die Pfiffe bin ich enttäuscht. Es war von uns beiden ein guter Kampf für die Fans. Wir haben bis zum Ende gut geboxt. Ich weiß, dass ich Fehler gemacht habe. Er hat mich zu oft hart am Kopf getroffen. aber ich habe mich doch immer wieder selbst in eine gute Position gebracht“, haderte Hernandez am Sonntagvormittag mit der Stimmung im Saal. „Ross ist ein Boxer, der immer nach vorn geht und viel Kraft hat. So einen kann man nicht zwölf Runde stoppen. Ich finde es richtig, dass ich gewonnen habe“, sagte Hernandez, aber zufrieden klang er dabei nicht.

Richtig wütend, auch dafür gab es zwei Gründe, war Trainer Ulli Wegner. „Bei so einem knappen Ding sollte das Publikum auf unserer Seite sein“, schimpfte der 70-Jährige noch im Ring.

Einige Stunden später gab sich Wegner etwas analytischer: „Der Ross ist ein Weltklassemann. Vielleicht hat Pablo geglaubt, der würde nicht durchhalten, weil er schon 37 ist. Aber ich muss sagen, nach den harten Treffern von Ross hat sich Pablo doch gut wieder reingekämpft. Da war er unheimlich diszipliniert. Natürlich war es knapp, aber Pablo war aktiver, weil er oft die Ringmitte behauptet hat und er hat sauber und teilweise klasse geboxt. Vor allem in der neunten Runde, die für mich den Ausschlag gegeben hat. Trotzdem haben wir noch viel zu verbessern.“

„Der wahre Sieger”

Troy Ross beließ es bei wenigen, aber klaren Worten. „Ich habe gezeigt, dass ich der wahre Sieger bin. Das Publikum hat das auch so gesehen“, sagte er nach dem wohl besten Kampf seiner Karriere. Sein Trainer Christopher Amos gratulierte Hernandez, trotz aller Enttäuschung. „Das ist Boxen. Troy war der bessere Mann, aber er ist nicht belohnt worden. Ich hoffe, wir bekommen ein Rematch.“ Dass das eine gute Idee wäre, vereinte alle Beteiligten. Ebenso das Empfinden, dass das einstimmige Urteil ((114:113, 115:112, 116:112) zu deutlich auf Hernandez zugeschnitten war. Revanche ja oder nein? Einer der das maßgeblich mitentscheiden wird, ist Hernandez-Manager Wilfried Sauerland. Der 72-Jährige war ganz entgegen seiner Gewohnheiten nicht am Ring dabei. Geschäftliche Verpflichtungen hielten ihn an seinem Wohnsitz Kapstadt fest. Via TV war er dennoch Zeuge. Sein Fazit: „Ein interessanter, spannender Kampf. Auf ein bisschen Spannung hätte ich gern verzichtet. Pablo wirkte nicht konzentriert genug und war nicht so explosiv wie sonst. Anstatt den Kampf mit der Führhand zu kontrollieren, ließ er sich auf den Schlagabtausch ein und suchte den K.o. Damit gab er Ross die Chance, mit seinen Haken zu kontern. Am Ende war es ein glücklicher Sieg für Hernandez. Auch ein Unentschieden wäre vertretbar gewesen.“

Und was war schließlich ausschlaggebend für das aus Sauerland-Sicht glückliche Urteil? „Ross hätte als Herausforderer mehr tun müssen, um zu gewinnen. Er verließ sich zu sehr aufs Kontern. Ich glaube, eine Revanche wäre gut.“ Neben den sportlichen Aspekten ist der Sieg von Hernandez für den Profiboxstall von Wilfried Sauerland auch wirtschaftlich wichtig. Gut vermarkten lassen sich im Zusammenspiel mit Fernsehpartner nur Titelkämpfe, genauer gesagt nur WM-Duelle.

WM-Titel wichtig für TV-Partner

Wie schwer das ohnehin ist, zeigt die Hernandez-Einschaltquote. 2,57 Millionen Zuschauer bei der ARD entsprachen einem Marktanteil von 18 Prozent. Hernandez hat also noch reichlich Nachholbedarf beim Thema Zuschauergunst. Die Popularitätswerte der beiden anderen Sauerland-Weltmeister (neben der Norwegerin Cecilia Braekhus), Arthur Abraham und Marco Huck, liegen regelmäßig im Bereich der fünf Millionen.

„Ich rede mir den Mund fusselig indem ich den Jungs immer wieder sage, ihr kämpft auch für unser Team. Die Weltmeister ebnen den Weg für die, die hinterherkommen. Das ist für unser Team einfach ganz wichtig“, machte Trainer Wegner auch keinen Hehl aus seiner Erleichterung über den glücklichen Ausgang.

Abraham (Champion im Super-Mittelgewicht bei der World Boxing Organization) und Huck (Weltmeister im Cruisergewicht der World Boxing Association) hätten ein Remis als gerechteste Wertung empfunden. „Pablo wäre Weltmeister geblieben und man hätte schnell einen Rückkampf machen können“, so Huck. „Ich finde, dass das Urteil nicht passt. Und ich verstehe die Reaktion des Publikums“, sagte auch ARD-Experte Henry Maske über seinen derzeitigen Lieblingskämpfer.

Im Nachhinein hat es sich als Fehler erwiesen, Yoan Pablo Hernandez nach einer siebenmonatigen Zwangspause wegen seiner gebrochenen linken Hand keine freiwillige Titelverteidigung gegönnt zu haben. Eine entsprechende Regelung wäre sicher zu bewerkstelligen gewesen. Die Verletzung stammt aus dem WM-Duell des Berliners gegen den Amerikaner Steve Cunningham im Februar. „Meine Hand hat mich nicht”, behindert“, suchte Hernandez aber nicht nach einer Ausrede.