Doping

Der tiefe Sturz des einstigen Radsport-Idols Lance Armstrong

Der siebenmalige Tour-Sieger gibt den Kampf gegen die Doping-Vorwürfe auf und verliert alle Titel - ein großer Imageverlust für den Texaner.

Dass dieser Mann mal aufgeben würde, davon war eigentlich nie auszugehen. Sein ganzes Leben glich einem Kampf, einem ewigen Wettstreit mit seinem Körper, seinen Gegnern und seinen Feinden. Lance Armstrong gewann immer, er besiegte den Krebs, ließ alle Verfolger stehen und schüttelte auch immer wieder die Dopingjäger ab.

Doch nun ist die Radsport-Legende Lance Armstrong gestürzt. Kurz vor einem möglichen öffentlichen Verfahren gegen ihn verabschiedete sich der US-Amerikaner in die Rolle des zu Unrecht Verfolgten und gab den Kampf gegen die immer wiederkehrenden Dopinganschuldigungen auf. „Es kommt ein Punkt im Leben jedes Menschen, an dem er sagen muss ‚Es reicht.' Für mich ist dieser Punkt jetzt gekommen“, erklärte der einstige Rad-Superstar in einem schriftlichen Statement.

Dem 40 Jahre alten Tour-de-France-Seriensieger sollen alle seine sieben Tour-Siege von 1999 bis 2005 aberkannt werden. Die amerikanische Anti-Doping-Agentur (Usada) sperrte ihn am Freitag lebenslang und will alle Resultate Armstrongs seit 1998 streichen. In der Radsport- und der Anti-Doping-Szene rief die Erklärung unterschiedliche Reaktionen hervor.

Der Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), Jahn Fahey, nannte Armstrong einen „Dopingbetrüger“. Seine Karriere erscheint ohnehin wie ein Wunder. Bei Armstrong wurde 1996 Hodenkrebs im fortgeschrittenen Stadium festgestellt. Metastasen hatten sich bereits in Gehirn und Lunge ausgebreitet. „Mir wurde eine Überlebenschance unter 40 Prozent gegeben“, zitierte ihn einst die „Ärzte Zeitung“. Doch der Texaner ließ sich nicht einfach nur behandeln, er wählte die Chemotherapie danach aus, dass sie die Lungen am wenigsten schädigen durfte, sonst hätte er kaum wieder Rennen fahren können. Die Angst vor dem Verlieren war bei dem erfolgsbesessenen Amerikaner größer als die Angst vor dem Tod.

Seine Hartnäckigkeit und sein Kampfgeist hatten sich schon früh ausgebildet. „Schmerz ist vergänglich, Aufgeben hält ewig“, lautet sein Lebensmotto. Seine Kindheit war nicht schön. Im Alter von zwei Jahren verließ der Vater die Familie, der neue Stiefvater konnte mit dem Jungen nicht viel anfangen, prügelte ihn. „Wenn ich nur lang genug radle, dann führt mich diese Straße aus meinem Elend heraus“, sagte er einmal. So fuhr er oft endlos durch Texas.

Ullrich wiegelt ab

Nun sollen andere die Titel bekommen, die Armstrong innehatte. Demnach dürften sich auch Jan Ullrich und Landsmann Andreas Klöden, Zweite in den Jahren 2000, 2001 und 2003 (Ullrich) sowie 2004 (Klöden) Hoffnungen auf nachträgliche Tour-Triumphe machen. „Das beschäftigt mich nicht mehr groß“, sagte Ullrich aber. „Ich weiß, wie damals die Reihenfolge am Zielstrich war“, betonte Ullrich: „Ich habe mit meiner Profikarriere abgeschlossen und habe immer gesagt, dass ich auch auf meine zweiten Plätze stolz bin.“

Dadurch dass Armstrong aus den Siegerlisten gestrichen wird, „werden sie auch nicht glaubwürdiger“, meinte Ex-Radprofi Steven de Jongh, mittlerweile Direktor des britischen Teams Sky. Noch drastischer formulierte es angesichts der im Radsport scheinbar nie endenden Negativ-Schlagzeilen der deutsche Anti-Doping-Experte Fritz Sörgel. „Das wäre lächerlich. Die Top Ten dürften alle gedopt gewesen sein“, sagte der Professor. Sein Vorschlag: „Ist doch nichts dabei, in den Annalen zu schreiben: ‚Kein Sieger'.“ Ullrich wurde im Februar für zwei Jahre gesperrt; gegen Klöden wurde staatsanwaltschaftlich wegen Dopings ermittelt.

Hat Armstrong gedopt oder hat er nicht? Diese alles entscheidende Frage bleibt auch nach seinem Statement ungeklärt. Ein Dopinggeständnis legte er nicht ab. Ganz im Gegenteil: „Ich weiß, wer siebenmal die Tour gewonnen hat, meine Teamkollegen und alle, gegen die ich gefahren bin, wissen, wer die Tour siebenmal gewonnen hat“, betonte der Texaner. „Es gab keine Abkürzungen, es gab keine speziellen Behandlungen. Dieselben Strecken, dieselben Regeln.“

Es waren auch immer Regeln, die er selbst bestimmte. Im Fahrerfeld war Armstrong gnadenlos, ließ jeden Einzelnen spüren, der sich gegen ihn wandte mit kritischen Äußerungen, welche Macht er besitzt. Armstrong spielte mit seinen Kontrahenten, das wurde zu seinem Image. Das auf der anderen Seite immer dieses Bild der unfassbaren Lebensgeschichte prägte. Mit seiner ersten Frau, der Langstreckenläuferin Kristin Richard, hat er drei Kinder. Alle kamen nach der Chemotherapie zur Welt, gezeugt durch künstliche Befruchtung. Trotz der gemeinsamen schweren Stunden verband dies beide nicht für immer, 2004 ließ sich Armstrong scheiden. Man habe sich auseinandergelebt, ließ er damals lapidar wissen.

Bei der zweiten großen Trennung war das schon anders, da musste sogar eine förmliche Mitteilung her. Armstrong war noch vor der Scheidung mit der erfolgreichen Sängerin Sheryl Crow zusammengekommen. Mit ihr wurde er auch im Show-Geschäft noch stärker wahrgenommen, beide verlobten sich sogar. Fünf Monate danach folgte im Februar 2006 das Ende der Beziehung. Crow hatte Armstrong zuvor als Inspiration für ihr Album „Wildflower“ bezeichnet. Doch vor allem Crow wurde das öffentliche Interesse zuviel, die ständigen Spekulationen in den Medien ließen sie zur Entscheidung kommen, dass die Beziehung keine Zukunft habe.

Mit dem Fall der einstigen Galionsfigur gerät auch der Dachverband UCI wieder in den Fokus. Der Radweltverband stärkte dem Texaner seit Jahren den Rücken. In den Usada-Anklagepunkten gegen Armstrong finden sich auch klare Verweise auf die UCI. Deren Präsident Pat McQuaid hat noch in London vehement gefordert, den Fall in seine Obhut zu bekommen und eigene Verstrickungen abgestritten. Danach erfolgten mysteriöse Spenden von Armstrong an die UCI in Gesamthöhe von 125.000 Dollar. Der Dachverband blieb untätig, als Armstrong 2005 in nachträglichen Analysen Epo-Gebrauch bei seinem Toursieg 1999 nachgewiesen worden war.

Immenser Imageverlust

Armstrongs Gegenspieler ließ sich nicht lange bitten. „Das ist ein trauriger Tag für alle von uns, die den Sport und unsere Athleten-Helden lieben“, teilte Travis Tygart in einem Schreiben der Usada in einer ersten Reaktion mit. Der Usada-Chef legte auch noch einmal nach: „Das ist ein Herzen brechendes Beispiel, wie diese Gewinnen-um-jeden-Preis-Kultur im Sport, wenn sie nicht mehr kontrolliert wird, von fairem, sicherem und ehrlichem Wettkampf Besitz ergreift.“

An seinen Tour-Erfolgen könne sowieso niemand etwas ändern: „Schon gar nicht Travis Tygart“, hatte Armstrong gegiftet. Am meisten dürfte den Ex-Profi, der auch schon Ambitionen hatte, in die Politik zu wechseln, der immense Imageverlust zu schaffen machen. Was bliebe, wäre nicht mehr der erfolgreichste Tour-Starter aller Zeiten, ein geheilter Krebspatient mit einer ebenso unglaublichen wie filmreifen Erfolgsstory. Die auch privat noch weitergeht. Armstrong galt als unfruchtbar nach seiner Erkrankung. Doch mit seiner zweiten Ehefrau Anna Hansen bekam er zwei weitere Kinder, beide auf natürlichem Weg gezeugt.

Die Popularität von Armstrong ist groß in Nordamerika, seine Autobiografie wurde ein Bestseller, er vertreibt eine Sportartikellinie, er engagiert sich in seiner eigenen Stiftung für Krebsforschung und Prävention. Aber es schütze ihn nicht vor der unerbittlichen Usada, die hatte ihm keine Wahl gelassen: Entweder akzeptiert er die Anklage oder er stellt sich einem Prozess.

Das wollte Armstrong auf keinen Fall. Die Doping-Jäger werfen Armstrong jahrelanges Doping und Handel mit illegalen Substanzen vor. Er soll Teil einer regelrechten „Doping-Verschwörung“ gewesen sein. Das gesamte Verfahren habe einen „zu hohen Preis“ von ihm und seiner Familie gefordert, erklärte Armstrong seinen Schritt. Wenn er eine Möglichkeit gesehen hätte, in einer fairen Umgebung die Vorwürfe widerlegen zu können, hätte er die Chance wahrgenommen: „Aber ich weigere mich, in einem einseitigen und unfairen Prozess mitzumachen.“

mit dpa