London 2012

Warum in den Olympia-Arenen so viele Plätze frei bleiben

Leere Zuschauerränge sorgen bei den Olympia-Organisatoren für Ärger. Jetzt sollen reservierte Tickets täglich neu in den Verkauf gehen.

Foto: Getty

Nun ist er eingetreten, der Krisenfall, und prompt muss die Armee eingreifen. Diesmal brauchen sich die britischen Soldaten aber nicht tarnen, ganz im Gegenteil. Auffallen sollen sie, damit eine Peinlichkeit eben nicht so auffällt. Auf manchen Tribünenabschnitten bleiben reihenweise Sitzschalen leer, Großbritanniens Presse vermerkt indigniert „beschämende Szenen“ an vielen Wettkampfstätten. Aufgefüllt werden sollen die Lücken nun eben unter anderen mit Soldaten.

Längst beschäftigt das Problem das Organisationskomitee Locog. Bis zuletzt hatte Locog-Chef Sebastian Coe insistiert, die Wettkampfstätten seien „bis unter die Ladeluke voll mit Leuten“, Fotos von unbesetzten Sitzreihen tat er als „Urlaubs-Schnappschüsse“ ab. Inzwischen jedoch wächst sich die Chose zu einem Problem aus. Nicht zuletzt, weil jene Sportfans aufbegehren, die kein Ticket ergattert hatten vor den Spielen, nun aber mit ansehen müssen, wie lückenhaft angeblich ausverkaufte Tribünen vielfach sind.

Coe verspricht: „Wir nehmen das ernst. Ich möchte keine Schneisen mit leeren Sitzen sehen. Deswegen werden wir sicherstellen, wo wir können, dass sich dort Leute hinsetzen.“ Am kritisierten Ticketing-Verfahren soll es nicht gelegen haben, meint der Lord. Wer ist aber nun Schuld an den ärgerlichen Lücken? Die Sponsoren sollen es angeblich nicht sein, das Locog kapriziert sich in seinem Verdacht auf Athleten, Offizielle und Medienvertreter, die trotz gültiger Eintrittskarten den Wettkämpfen fernbleiben. Dass sie alle im IOC-Duktus als „olympische Familie“ bezeichnet werden, macht die Sache nicht besser. Was sagt es aus, wenn schon die Familie kein Interesse zeigt?

Nachfrage auf dem Markt war riesig

8,8 Millionen Tickets sind verfügbar gewesen. Offiziell gingen 75 Prozent davon in den freien Verkauf, zwölf Prozent an die Nationalen Olympischen Komitees (NOK), acht Prozent an Sponsoren und die restlichen fünf Prozent an die „Familie“, rechnet genüsslich noch einmal die Zeitung „Daily Mail“ vor. Die Nachfrage auf dem Markt war riesig, Hunderttausende weltweit blieben nach Ende der Vergabephasen enttäuscht zurück.

Schon seit langem ist daher Bewegung in den Schwarzmarkt geraten. Scotland Yard ermittelt, laut „Sunday Times“ hat es bereits 16 Festnahmen gegeben. Einer der beschuldigten Schwarzhändler soll ein 57 Jahre alter Deutscher sein. Pikanterweise sind neben Tickets offizieller Wiederverkaufsagenturen auch solche im Umlauf, die an NOKs weltweit vergeben wurden.

Schon einige Wochen vor dem Beginn der Spiele war ja ruchbar geworden, dass Dutzende von NOKs gegen Regeln des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) verstoßen hatten, indem sie Eintrittskarten aus ihrem Kontingent in den freien Handel gebracht hatten – zum zehnfachen Preis. 54 Länder sollen betroffen sein, mehr als ein Viertel aller IOC-Mitgliedsnationen also.

Ein Skandal sondergleichen, der auch sportpolitisch für Nachbeben sorgen könnte. In der Ukraine etwa musste der prominente NOK-Präsident Sergej Bubka – ihm werden perspektivisch Ambitionen auf den Posten des IOC-Präsidenten nachgesagt - seinen Generalsekretär und Vertrauten Wladimir Geraschtschenko rauswerfen. Auch er hatte sich mit Schwarzmarkttickets einen Nebenverdienst erschließen wollen.

Gänzlich die Hoffnung aufgeben müssen bislang ausgesperrte Zuschauer noch nicht. Angesichts des unschönen Bilds in der Öffentlichkeit, das verwaiste Sitzschalen mit sich bringen, hat das Locog damit begonnen, den internationalen Verbänden Eintrittskarten wieder abzuluchsen. Sie werden ab sofort über die offizielle London2012-Homepage verkauft, nach dem Prinzip: first come, first serve.