Basketball

Dirk Nowitzki steht in Dallas ohne Mannschaft da

Das Team der Mavericks ist stark geschrumpft: Viele Leistungsträger haben das Weite gesucht. Die Kollegen raten auch Nowitzki zum Wechsel.

Foto: AFP

Donnie Nelson hat mit seinen 49 Jahren schon mehr erlebt als die meisten 89-Jährigen. Noch als Student flog er im Auftrag der nordamerikanischen Basketball-Profiliga in die damalige UdSSR, um den ersten Sowjetspieler in der Geschichte der NBA in die Staaten zu locken. Ein paar Tage und etliche Verhandlungsrunden mit sowjetischen Regierungsbeamten später unterzeichnete der Litauer Sarunas Marciulionis das politisch brisante Schriftstück.

Anderthalb Dekaden darauf arbeitete er zwei Jahre lang am Import des ersten Chinesen in die NBA. Blöderweise hatte sich Wang Zhizhi lebenslänglich beim chinesischen Militär verpflichtet. Sieben Pekinger Behörden mussten der Freistellung und dem Wechsel zustimmen, der ein noch größerer Marketingcoup wurde als der von Marciulionis.

Zuversicht schwindet

Und in Würzburg brachte er vor 14 Jahren als General Manager der Dallas Mavericks genug Überzeugungskraft auf, einen gewissen Dirk Nowitzki in einem durchgerosteten, weißen Golf zum neuen Leben in Texas zu überreden. Dieser Donnie Nelson, den so schnell nichts aus der Fassung bringt, sagt: „Um in dieser Saison ins Play-off zu kommen, brauchen wir vor allem Glück.“ Der kartenhausartige Zusammenbruch von Dallas' Transferplanungen hat ihm die Zuversicht geraubt.

Wunschspieler nicht bekommen

Es ist ja nicht so, dass die Mavericks nur ihre Wunschspieler Deron Williams, Steve Nash und Dwight Howard nicht bekommen haben. In Jason Kidd und Jason Terry haben sich auch zwei Hauptdarsteller des Titelmärchens vor gut einem Jahr verabschiedet. Der Markt an potenziellen Leistungsträgern ist weitgehend abgegrast, drei Monate vor dem Saisonstart haben die Mavericks quasi keine Mannschaft mehr. Nelson und Teameigner Mark Cuban haben sich verpokert. Sie schrumpften Kader und Budget, um im Sommer Handlungsspielraum bei Transfers zu haben. Doch nicht einmal Überredungsfachmann Nelson konnte einen Allstar zur Vertragsunterschrift drängen.

Vergleich mit Baseballteam

Es ist einsam geworden um Dirk Nowitzki, der als letzter Leistungsträger geblieben ist. So einsam, dass die US-amerikanische Medien den Kollaps der Mavericks mit dem des chronisch scheiternden Baseballteams aus Atlanta vergleichen. 15-mal hintereinander schafften es die Braves ins Play-off, nur einmal gewannen sie die World Series. Danach zerbrach das Team in seine Einzelteile. Genau das passiert nun bei den Dallas Mavericks.

Nowitzki bleibt treu

Er sei zu alt für einen Neuaufbau der Mannschaft, hat Nowitzki unlängst gesagt. Die Zeit, die ein junges Team zum Zusammenwachsen benötige, habe er mit inzwischen 33 Jahren nicht mehr. Diese Aussage geistert nun durch Dallas wie ein fauler Gestank. 13 Monate nach dem triumphalen Finalsieg über das Starteam aus Miami, der die Millionenmetropole tagelang in einen Siegestaumel gestürzt hatte, ist nicht mehr viel geblieben von der Euphorie. Stattdessen grassiert die Angst, dass mit dem Deutschen der letzte Basketballheld abwandern könnte, die Brooklyn Nets etwa haben schon ihr Interesse angemeldet.

Doch Nowitzki hat als einziger NBA-Profi neben Kobe Bryant einen Passus in seinem Arbeitspapier, der verhindert, dass er gegen seinen Willen zu einem anderen Team transferiert werden kann. Und zwei Jahre vor dem Vertrags- und eventuell auch Karriereende wird er sich kaum freiwillig in ein neues Abenteuer stürzen, in der Vergangenheit hat er immer wieder betont, wie wichtig ihm die Treue zu den Mavericks ist. Offensichtlich sogar wichtiger als die Chance auf einen zweiten Meisterring mit einem anderen Team. Die Furcht der Texaner vor dem Verlust ihres Lieblings ist wohl unbegründet, Nowitzkis Unzufriedenheit nicht.

Enttäuschung über Dallas

„Das ist ein Nackenschlag“, gestand er zähneknirschend der „Bild am Sonntag“. Als sein Kumpel Terry den Wechsel zu den Boston Celtics verkündete, äußerte er zugleich auch seine Enttäuschung über das Verhalten seines bisherigen Arbeitgebers: „Ich dachte wirklich, sie wollen mit mir weitermachen. Aber so war es nicht. Es gab kaum Angebote. Aber Dallas war überhaupt nicht am Verhandlungstisch. Ich war sehr überrascht, wirklich sehr überrascht.“ Spielgestalter Kidd, der fortan die Angriffe der New York Knicks koordinieren wird, sagte zum Abschied, eine Vertragsverlängerung in Dallas hätte sich „nicht richtig angefühlt“. Und der Meistercenter Tyson Chandler, der bereits seit einem Jahr im „Big Apple“ spielt, sagte gar: „Für Dirk tut mir das leid.“ Wenn es zu schlimm würde, könne Nowitzki gern nachkommen.

Wie Nowitzki Dallas im Sommer 2011 mehr oder weniger allein, teilweise erkältet und mit verletztem Finger zum ersten Titel geführt hat, hat allen im Land imponiert. Doch die Mavericks wurden zu lange und zu nachhaltig von Nowitzki geprägt, um noch attraktiv zu sein für die großen Egos der neuen Generation.