Auf kaum einen Profiboxer passt das Sprichwort Reden ist Silber, Schweigen ist Gold so perfekt, wie auf Alexander Wladimirowitsch Powetkin. Interviewfragen beantwortet der 32 Jahre alte Russe gern mit „Ja“ oder „Nein“. Wer nachhakt, bekommt per Blickkontakt aus dann stahlharten blauen Augen zu spüren, dass Interviews eine lästige Pflicht für den Mann sind, der zu Beginn seiner Profikarriere 2005 den Kampfnamen „Weißer Löwe“ verpasst bekam. Daraus ist bisweilen „Weißer Tyson“ geworden. Kunststück, war doch Ex-Tyson-Trainer Teddy Atlas seit Sommer 2009 verantwortlicher Coach in der Ecke von Powetkin.
Dass sich die Wege des 55-jährigen Amerikaners und die seines Schützlings ausgerechnet vor dem Duell am Sonnabend mit Marco Huck (22.15 Uhr, ARD) getrennt haben, liegt im Engagement von Atlas für den US-Fernsehriesen ESPN. Dort arbeitet er als Kommentator. „ESPN ist der Job, der meine Familie ernährt. Powetkin ist eine schöne Zusatzbeschäftigung“, so Atlas. Es sei vereinbart gewesen, dass Powetkin in den USA trainiere, wenn er für ESPN in Diensten sei. „Ich verstehe nicht“, so ein enttäuschter Atlas, „dass sich in dem Business die Leute nicht an Vereinbarungen halten.“ Powetkin widerspricht. „Es macht keinen Sinn bei einem Kampf in Europa die zweimalige Zeitumstellung in Kauf zu nehmen.“
Das Pendeln zwischen den USA und Russland sorgt bereits seit einiger Zeit für Spannungen zwischen dem Trainer und Powetkins Promoter Wilfried Sauerland. Die von Atlas beschworene „ständige positive Weiterentwicklung“ seines Boxers wird im Berliner Sauerland-Team „differenziert“ wahrgenommen. Atlas-Ersatz ist der ehemalige Trainer des 2,13-m-Riesen Nikolai Valuev, Alexander Zimin. Ist der Trainerwechsel eine Schwächung für Powetkin? „Nie im Leben. Ich habe mich zwei Monate lang optimal mit Trainer Zimin vorbereitet.“
Vor Kämpfen geht er in die Kirche. Eine Kerze zu spenden hat noch nie geschadet. „Ich fühle mich auf meine Art sehr wohl, habe alles was ich brauche“, sagt er kurz und bündig. Abwechslung bringt gelegentlich eine Trainingseinheit auf dem Gelände von ZSKA Moskau. Eine Zeitreise? Erinnerungen an die eigene Jugend? Powetkin verneint. „Bei ZSKA zu trainieren bietet einfach optimale Möglichkeiten.“ Doch am liebsten arbeitet er in Tschechow. Da, wo auch seine Frau Irina und Tochter Arina (10) stets an seiner Seite sind – und sein knapp zwei Jahre jüngerer Bruder Wladimir. Eine Parallele zu den Klitschkos? „Ich denke mein Bruder und ich verstehen uns ähnlich gut wie die Klitschkos“, sagt Powetkin. Dass er aus PR-Gründen auch mit leicht bekleideten Mädchen bei Fotoaufnahmen posiert, Golduhren und Kettchen präsentiert, ist einfach Teil seines Jobs.
Den Drohbrief gegen seinen Gegner Marco Huck und dessen Familie sieht Powetkin als „unfair und unanständig“ an. Das muss reichen. Huck hat ihn provoziert („Nach meinem Sieg kaufe ich dem Russen einen Lada“) und der Berliner, immerhin Teamkollege im Sauerland-Boxstall, zwingt ihn in eine unangenehme Situation. Verliert er gegen den „angefutterten“ Cruisergewichtler, ist der gute Ruf dahin. Den hat er sich erworben durch seinen Olympiasieg bei den Spielen 2004, zwei EM-Titeln (2002 und 2004) sowie dem Triumph bei der WM 2003 im Amateurlager.
Bei den Professionals ging Powetkins Stern am 26. Januar 2008 in Berlin mit einem Sieg gegen den zuvor in dreißig Profikämpfen ungeschlagenen Eddie Chambers (USA) auf. Damit erwarb er das Recht Weltmeister Wladimir Klitschko herausfordern zu dürfen. Ein Fußbruch beim Waldlauf verhinderte das Duell. Jetzt, via Huck, eine neuer Anlauf. „Es ist eine schwierige Situation. Zwei unserer Leute boxen gegeneinander. Aber es wird richtig knallen“, versuchte Sauerland-Sohn Kalle den Spagat zwischen Fürsorge und Vorfreude.
In einem Punkt steht Powetkin als Sieger bereits fest. Es ist Tradition im Sauerland-Team, dass der eigene Boxer in der blauen Ringecke betreut wird. Huck bleibt die rote – die für die Verlierer?




