Twitternde Sportler

Was Petkovic, Nowitzki und Co. auf Twitter treiben

Viele Athleten nutzen Twitter zur Selbstinszenierung und Imagepflege. Die Fans finden das super. Doch PR-Beratern gefällt das nicht: Sie sorgen sich um den Marktwert.

Foto: pa/dpa (4) / pa/dpa (4)/Jan Woitas, epa Christophe Karaba, Marijan Murat, David Ebener

Die Genesungswünsche ließen nicht lange auf sich warten. „Steff mein Junge. Sag mal dem Schweini gute Besserung von mir. Hau rein!“ Die kurze Botschaft von Basketballspieler Dirk Nowitzki platzte in die Nachrichtenwelt, kurz nachdem sich der Fußballer des FC Bayern das Schlüsselbein gebrochen hatte. Die tröstenden Worte sollte Nowitzkis Nationalmannschaftskollege Steffen Hamann überbringen, ein Freund Schweinsteigers. Gleichzeitig ließ NBA-Star Nowitzki seine 330.000 „Follower“ am Mitleid teilhaben, jene Fans, die ihn über den Kurznachrichtendienst Twitter abonniert haben.

Frei von allen orthografischen Regeln und einem intellektuellen Anspruch haben Stars aller Sportarten Twitter als Instrument der Selbstinszenierung und Imagepflege entdeckt. Cristiano Ronaldo tut es, Nico Rosberg , Tiger Woods , Serena Williams und auch LeBron James . Sie zwitschern regelmäßig über ihr Befinden, stellen private Urlaubsbilder ins Netz oder korrigieren das Bild, das andere Medien von ihnen erstellt haben.

Das virtuelle Tagebuch ist eine Nabelschau, die Anhängern skurrile wie banale Einblicke in die Welt der Sportler eröffnet. NBA-Profi Dwight Howard , hünenhafter Center der Orlando Magic, beklagte sich über die Online-Plattform über seine Flatulenz: „Oh mein Gott, ich brauche Hilfe. Ich habe Blähungen. Ich musste den ganzen Tag pupsen, sogar während des Spiels heute.“

Auch immer mehr deutsche Berühmtheiten nutzen den Dienst zu ungefilterten Wortmeldungen. So zwitschert Tennis-Darling Andrea Petkovic etwa: „Die peinlichste Geschichte der Welt: Ein Pärchen nebenan macht – sagen wir mal – Liebe, und du teilst dir ein Zimmer mit deiner Mutter... Oh mein Gott.“ Antwortet Kollegin Sabine Lisicki : „Haha, das Gleiche ist uns in Italien passiert! Dachte die fliegen gleich durch die Wand zu uns ins Zimmer rein!“

Der Internet-Gemeinde wird dabei suggeriert, dass sie teilhaben kann am Alltag der verehrten Athleten. Stündlich, manchmal minütlich werden die Nachrichten in eigener Sache aktualisiert. Durch ständige Updates verkürze sich das Verhältnis zwischen Fan und Star, sagt Holger Schramm, Professor für Medienwissenschaft an der Uni Würzburg. Er spricht aber von einer „parasozialen Beziehung“. Der Fan hat den Eindruck, den Star persönlich zu kennen, obwohl der Athlet nicht einmal von der Existenz seines Bewunderers weiß. Noch einmal Petkovic, diesmal sind es Glückwünsche an die Tennisspielerin Julia Görges: „Noch mal offiziell, um die Unwissenden zu erinnern. Die coolste Olle der Welt hat Geburstag!“

Das Phänomen kommt den Absendern der Botschaften gelegen. Sie können Nähe schaffen, ohne bedrängt zu werden. Twittern erhöht die Reichweite und Bindung zu den Fans. Als Tennis-Ass Lisicki ein Foto von sich im Trikot der Dallas Mavericks twitterte, schickte ihr Dirk Nowitzki prompt ein Kompliment. Anlass für die Medien zu ausgiebiger Berichterstattung.

Twitter hat sich auch auf die Beziehung der Athleten zu den Journalisten ausgewirkt. Nicht selten wird eine Pressekonferenz durch einen Tweet ersetzt. Unangenehme Nachfragen bleiben den Sportlern so erspart. Als in der Formel 1 etwa McLaren-Wüterich Lewis Hamilton seinen Sauber-Kollegen Kamui Kobayashi in Spa von der Strecke gerammt hatte und wutschnaubend von der Strecke gestapft war, wurde er dafür mit Kritik überschüttet. Die fällige Entschuldigung folgte – über Twitter.

Darüber hinaus hat Twitter auch wirtschaftlich eine große Bedeutung: Der Brasilianer Kaká hat die meisten Follower aller Sportler weltweit. Wenn er also von seinen neuen Fußballschuhen schwärmt, können das 6,6 Millionen Abonnenten verfolgen.

Professionellen PR-Leuten ist das Zwitschern der Stars dennoch ein Dorn im Auge. Wer zu oft auftaucht, senkt seinen Marktwert, heißt es da. Wer schwer erreichbar ist, ist interessant. Außerdem wird in Klubs und Verbänden viel Geld ausgegeben, um die Kommunikation zu steuern. Nach Außen soll nur das dringen, was an die Öffentlichkeit soll. Wenn ein Sportler dazwischen zwitschert, torpediert er zuweilen die Wagenburgtaktik. Denn: „Die Tweets verbreiten sich im Internet rasend schnell“, sagt Sportkommunikationsexperte Schramm.

Weil zum Beispiel der US-Footballliga NFL das Geschwätz ihres Paradiesvogels Chad Ochocinco Johnson auf die Nerven ging, verhängte sie für die Spiele ein Zwitscher-Verbot. Der Passempfänger wollte einen Fan als Strohmann einspannen. Der sollte auf Handzeichen für ihn während der Partien twittern. Auch das wurde ihm verboten, zum Bedauern von Ochocincos 2,9 Millionen Followern.

US Open schränken Twittern ein

Auch die Organisatoren großer Wettkämpfe versuchen die Social Media-Aktivitäten der Sportler zu kontrollieren. Bei den US Open schränkte der Veranstalter das Twittern ein, damit seine Tennisspieler keine Insiderinformationen nach Außen tragen konnten. „Eine lahme Regel“, kommentierte Andy Roddick das und tat es – natürlich – auf seinem Twitter-Profil.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat Athleten und Trainer hingegen ermutigt zu tweeten, stellte allerdings einen Kodex dafür auf. Persönliches soll im Vordergrund stehen. Werbung, Vulgäres und das Verbreiten von Informationen über Konkurrenten sind nicht erwünscht.


Der virtuelle Oenning

Kaum verwunderlich: Der Kult um die Wortmeldungen lockt auch Trittbrettfahrer an. Michael Oenning gab als Trainer des Hamburger SV Einblicke in sein Seelenleben. „Habe mich im Klo eingeschlossen. Dino Hermann (HSV-Maskottchen, d.Red.) hält die Halbzeitansprache. Kann die Fratzen nicht mehr ertragen“, ließ er in der Pause des Spiels gegen Bremen wissen.

Viele staunten über so viel Ehrlichkeit – bis sich herausstellte, dass das Benutzerkonto von Oenning gefälscht war. Der echte Michael Oenning leitete rechtliche Schritte ein, auch weil auf dem Konto in seinem Namen beleidigende Tweets gepostet wurden.

In den USA verzeichnet Twitter die höchsten Nutzerzahlen. Der ehemalige Baseballstar Jose Canseco schrieb kürzlich: „Ich hoffe, es gibt Twitter im Himmel.“ In Deutschland ist die Zahl der Zwitscherer steigend, ein „‚Band-Wagon-Effekt“, wie Medienwissenschaftler Schramm es nennt. „Viele Sportler meinen jetzt twittern zu müssen, weil andere das auch tun.“ Bei der nächsten Blessur kann Bastian Schweinsteiger die Genesungswünsche dann vielleicht schon auf dem eigenen Twitter-Profil entgegennehmen.

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