Champions League

Dortmund hofft auf das Wunder von Westfalen

Gegen Marseille muss ein Sieg mit vier Toren Unterschied her. Und das soll Lewandowski richten, der in der Liga an der Hälfte aller BVB-Treffer beteiligt war.

Foto: AFP

Als die Frage nach der Champions League kam, musste Robert Lewandowski einen Moment nachdenken. „Na ja“, sagte er dann und lächelte ein wenig gequält: „Noch sind wir nicht ausgeschieden.“ Die Hoffnung, daran klammert sich auch der polnische Nationalstürmer von Borussia Dortmund, sterbe zuletzt.

Doch der Glaube daran, dass sich der Deutsche Meister tatsächlich noch in der Königsklasse halten kann, fällt schwer. Denn die Konstellation verlangt den Dortmundern einiges ab.

Zum einen muss der BVB am Dienstag (20.45 Uhr, Sky) im letzten Gruppenspiel gegen Olympique Marseille mit mindestens vier Toren Unterschied gewinnen, und gleichzeitig müsste Olympiakos Piräus zu Hause gegen den bereits für das Achtelfinale qualifizierten FC Arsenal, der möglicherweise nur mit einer B-Elf antreten wird, verlieren.

Sollte Piräus unentschieden spielen, müsste der BVB sogar mit fünf Toren Unterschied gewinnen, weil in dem Fall ein Dreiervergleich mit den dann punktgleichen Konkurrenten Marseille und Piräus zur Anwendung käme. Möglicherweise aber werden die Borussen auch nur Tabellenvierter und dürften so nicht einmal mehr in der Europa League spielen.

Um die Voraussetzung für ein Happy End zu schaffen, wäre es hilfreich, wenn speziell Lewandowski seine Form der vergangenen Monate auch gegen Marseille auf den Rasen bringen könnte. Der Pole war an 15 der 30 Dortmunder Tore in der Bundesliga beteiligt. Er glänzt sowohl als Vollstrecker (zehn Treffer), als auch als Vorbereiter (fünf Vorlagen. Von allen Spielern hat sich Lewandowski in dem guten halben Jahr seit dem Gewinn der Meisterschaft am meisten weiterentwickelt.

Die Probleme aus seinem ersten Bundesligajahr sind überwunden. Eine schlechte Chancenverwertung sowie Anpassungsschwierigkeiten an das hohe Tempo des Dortmunder Spiels hatten dem 23 Jahre alten Stürmer den Start erschwert, nachdem der polnische Nationalspieler im Sommer 2010 für 4,5 Millionen Euro Ablöse von Lech Posen geholt worden war.

Mittlerweile ist er sogar aus dem Schatten von Lucas Barrios, im Vorjahr gesetzte Sturmspitze im 4-2-3-1-System von Klopp, herausgetreten. Die Verletzungspause des Südamerikaners nutzte Lewandowski, sich in der Stammelf zu etablieren.

Versierter Kombinationsspieler

„Er ist ein Beispiel dafür, was sich mit Beharrlichkeit erreichen lässt“, lobt Klopp Lewandowski, der mit zunehmenden Deutsch-Kenntnissen auch Selbstvertrauen entwickelt hat. Er ist, im Gegensatz zu dem Strafraumspieler Barrios, auch ein versierter Kombinationsspieler.

Die Zeiten sind vorbei, als er wie ein Bremser für das schnelle Spiel der Dortmunder wirkte, weil er den Ball zu lange hielt. Mittlerweile könnte er möglicherweise zusammen mit Barrios spielen. Bereits beim Derbysieg über Schalke (2:0) hatte Klopp Lewandowski hinter Barrios aufgeboten. Eine äußerst offensive und somit auch riskante Variante, doch gegen Marseille scheint sie angebracht. Es zählen schließlich nur Tore.

Und zu vielen Treffern sind die Dortmunder durchaus fähig. Schließlich hätten er und seine Kollegen bereits bewiesen, dass hohe Siege möglich sind, sagt Lewandowski: „In dieser Saison haben wir in der Bundesliga schon 4:0 und 5:0 gewonnen.“ Der Torjäger erinnert an Triumphe in der Bundesliga über den FC Augsburg (4:0), den 1. FC Köln (5:0) und den VfL Wolfsburg (5:1).

Auch Klopp hat Fehler gemacht

Trainer Klopp ließ in den vergangenen zwei Tagen jedenfalls nichts unversucht, seinen Spielern ins Bewusstsein zu rufen, dass noch nicht alles verloren sei. „Wer meine Mannschaft kennt, der weiß, dass sie um jede Möglichkeit kämpfen wird, egal wie klein sie auch erscheinen mag“, sagte Klopp.

Persönlich wäre es für ihn eine späte Genugtuung, sollte der BVB tatsächlich ein Fußballwunder – und das müsste es schon sein – schaffen und doch noch in der Champions League überwintern.

Schließlich hat der Trainer genau wie seine Spieler einen Lernprozess in Sachen internationale Reife durchlaufen müssen. Es seien Fehler gemacht worden, hatte er bereits zugegeben. Und das gelte auch für ihn.

Fehlende Erfahrung

Die Dortmunder hatten sich in den ersten drei Spielen nicht groß um ihre weitgehend fehlende Erfahrung geschert und waren so dreimal gescheitert: Zunächst wurden sie vom FC Arsenal im eigenen Stadion ausgekontert (1:1), dann gingen sie in Marseille (0:3) und Piräus (1:3) unter.

„Wir haben häufig davon gelebt, dass die Jungs die Spiele mit ganz viel Herzblut angegangen sind und nicht groß taktiert haben. So sind wir schließlich dahin gekommen, wo wir jetzt stehen – auch in der Champions League“, hatte Klopp sein Team in Schutz genommen. Es gab ja auch viele Komplimente, nur die Punktausbeute war mehr als enttäuschend.

Erst als es fast schon zu spät schien, begriffen die jungen Spieler, dass auch Pragmatismus für Punktgewinne gegen international erfahrenere Teams notwendig ist. Klopp verordnete eine defensive Taktik und eine tiefere Staffelung der Abwehr. Durch einen zähen 1:0-Heimsieg über Piräus im Rückspiel hielt sich der BVB so im Wettbewerb, doch die anschließende Niederlage in London (1:2) konnte auch durch eine vorsichtigere Gangart nicht verhindert werden.

Aus Fehlern gelernt

Dennoch glaubt Klopp, dass seine Mannschaft mittlerweile verinnerlicht hat, wie in der Champions League gespielt werden muss. „Wir haben unsere Erfahrungen gesammelt und haben daraus lernen“, sagte er. „Und wenn es für diese Saison vielleicht nichts mehr nutzen wird, dann aber im Hinblick auf kommende Spielzeiten.“

Am Dienstagabend jedoch müssen die neuen Lehren nicht unbedingt herbei gezogen werden. Die Mannschaft sollte in einer nahezu ausweglosen Situation einfach so spielen, wie sie in der vergangenen Saison die Bundesligaspitze erstürmt hat, erklärt Michael Zorc. „Wenn uns in der ersten Hälfte das eine oder andere Tor gelingt, ist im Fußball vieles möglich“, sagt der Sportdirektor. Nötig wäre es allemal.