Südafrika

Philipp Lahm über seine prägendste Begegnung mit Aids

| Lesedauer: 3 Minuten
Philipp Lahm

Foto: picture-alliance/ dpa / picture-alliance/ dpa/EPA

Nur wenige Kilometer entfernt von den Villenvierteln in Südafrika sah Philipp Lahm die erschütternden Auswirkungen des Aids-Virus – und beschloss zu handeln.

Meine prägendste Begegnung mit der Krankheit Aids ist jetzt über vier Jahre her. Es war während meines Besuchs in Südafrika im Sommer 2007. Ich wollte mir das Land anschauen, das drei Jahre später die Fußball-Weltmeisterschaft austragen wird.

Das ganze Land. Nicht nur die Hotels, den Flughafen und die geschützten Villenviertel der Großstädte, sondern auch die Townships außerhalb. Was ich hier erlebte, war eine andere Welt. Eine Welt, die aus Wellblechhütten bestand. Ärmlichste Behausungen ohne Wasser und Strom, in denen mehrere Generationen in einem einzigen Raum zusammen lebten.

Vor allem im harten Kontrast zu den riesigen Villen, die nur wenige Kilometer zuvor noch am Autofenster vorbeigezogen waren, erschütterte mich der Anblick dieser Lebensumstände zutiefst. Vor der schockierenden Kulisse aber traf ich zu meinem Erstaunen auf Menschen, die mich und meine Begleiter trotz all ihrer Probleme mit Freude und Herzlichkeit empfingen.

Alle Verwandte waren an Aids gestorben

Wir waren immer von Neugierigen umringt, bekamen etwas zu Trinken angeboten und kamen schnell ins Gespräch. Die vielen persönlichen Schicksale, die ich dabei erfuhr, machten mir die sonst so anonymen Zahlen greifbar. Am stärksten ist mir noch heute die Begegnung mit Busisiwe in Erinnerung. Sie erzählte mir, dass sie allein mit ihren zwei jüngeren Geschwistern lebte und diese großzog. Ihre Eltern, Onkel und Tanten waren alle an Aids gestorben.

Busisiwe war gerade mal 13 Jahre alt. Ihre Geschichte ist mir damals sehr nahe gegangen. Sie hatte keine Kindheit, keinen der für sie da war. Und alles wegen einer schrecklichen Krankheit, die in ihrem Land zum traurigen Alltag zählt und unzählige Leben auslöscht.

Ich hatte das Glück, in Deutschland und in einer Generation aufzuwachsen, in welcher wir Hunger, Durst oder Krieg nicht mehr kennen. Ein Land, in welchem jeder Zugang zu medizinischer Versorgung hat und gesundheitliche Aufklärung ein wichtiges Thema ist. Dieses dreizehnjährige afrikanische Mädchen aber hatte keine behütete Kindheit, wie ich. Keine Familie, die half und beschützte. Und wie Busisiwe ging es unzähligen Kindern und Jugendlichen in den Townships.

Aids-Aufklärung spielt wichtige Rolle

Bei meiner Rückkehr aus Südafrika stand fest, dass ich helfen wollte. Ich gründete noch im Dezember desselben Jahres die Philipp Lahm-Stiftung . Ich habe es damit zu meiner Aufgabe gemacht, benachteiligte Kinder und Jugendliche in den Bereichen Sport, Bildung und Gesundheit zu fördern. In allen Projekten auf dem afrikanischen Kontinent spielt die Aids-Aufklärung dabei eine wichtige Rolle. Bei allem Engagement bin ich mir darüber im Klaren, dass einige lokale Projekte nicht die Krankheit Aids bekämpfen können.

Aber selbst, wenn ich jedes Jahr nur ein paar jungen Menschen wie Busisiwe erreiche und ihnen Hoffnung und eine Perspektive geben kann, dann hat sich der Einsatz in meinen Augen gelohnt. Sport und insbesondere Fußball ist wie eine gemeinsame Sprache, die dabei hilft, die Kinder und Jugendlichen anzusprechen und ihnen langfristig über Werte, Wissen und Bildung eine Chance zu bieten, der Spirale aus Armut, Gewalt und Krankheit zu entkommen.

Der Autor ist Kapitän der deutschen Fußballnationalmannschaft und Gründer der Philipp-Lahm-Stiftung

Der Artikel wurde von der Organisation one.org zur Verfügung gestellt.