Kolumne "Querpass"

Das Wunder der Wiedergeburt in Mönchengladbach

Borussia Mönchengladbach ist nach dem 14. Spieltag Tabellenzweiter. Und auch Bayern-Präsident Uli Hoeneß rechnet mit den "Fohlen" im Titelkampf.

Foto: Bongarts/Getty Images/Getty

Selbst in der schönsten Freude vergaß Gladbachs Kapitän nicht die Sorgen. Nein, nicht Filip Daems. Der trug statt der Binde noch Pampers an jenem Jubelabend, an dem Berti Vogts mit zerfurchter Stirn den Fans zurief: „Schaut Euch den Pott genau an – es kann lange dauern, bis Ihr so ein Ding wieder zu sehen bekommt!“ Der Pott, den er stemmte, war der Uefa-Cup, und es war 1979, also tiefes vergangenes Jahrtausend.

Als kleiner Hosenscheißer in Belgien hat Daems, der heutige Spielführer, von alldem nichts mitbekommen, womöglich weiß er nicht einmal, wer Vogts war. Außerdem tragen die Fans, die Berti seinerzeit vorwarnte, inzwischen die dritten Zähne, haben das Gedächtnis verloren oder sind weitgehend ausgestorben – aber spätestens seit Freitag trommeln sogar die Toten mit dem gestreckten Fuß gegen den Sargdeckel, sie wollen wieder raus.

Die Gruft bebt, denn Gladbach lebt. Das Wunder der Wiedergeburt ist im Gange. Tabellenführer. Es hat zwar zunächst nur für eine Nacht gereicht, „aber spätestens seit Freitag“, haben wir Uli Hoeneß im ZDF-„Sportstudio“ zittern hören, „müssen wir auch mit Gladbach rechnen“ .

Auch Rensing staunt

Sie haben Bilder eingeblendet vom jungen Hoeneß, Modell ’71, gertenschlank, auf Taille geschnitten, der Kopf ist ihm noch nicht aus den Haaren gewachsen – damals, als auch die Gladbacher noch so jung und windhundschnell waren, wie sie es jetzt wieder sind.

„Bärenstark“, staunt auch der Torwart Rensing. Der bislang letzte Kölner Schlussmann, der wegen der Borussen so den Rüssel hat hängen lassen, war Gerd Welz im Pokalfinale ’73. Damals wechselte sich Günter Netzer selbst ein und schoss ihm das entscheidende Tor um die Ohren.

Aber wer kennt noch Welz? Und welcher Zuspätgeborene weiß noch, dass Netzer der King vom Bökelberg war und Mönchengladbach zur Monarchie machte? Auf dem Mythos liegt dermaßen der Staub und der Schimmel, dass Jan-Age Fjörtoft selbst kaum glauben konnte, was er am Wochenende vom TV-Expertentisch verkündete: „Das ist ja ein supergroßer Verein in Deutschland!“

Der Almanach meldet: Gladbach hat sich mit den Bayern die 70er-Jahre geteilt, beim Rest der Liga wurde der Spielbetrieb damals wegen Sinnlosigkeit eingestellt. Wir sagen nur 11:0 gegen Schalke oder 12:0 gegen Dortmund. Die Philosophie stand in der Autonummer: MG wie Maschinengewehr.

Und plötzlich fliegen die Salven wieder, 5:0 gegen Bremen , 3:0 in Köln , und Hoeneß sagt: „Lucien Favre macht einen tollen Trainerjob.“ Vor kurzem noch abstiegsreif, nun das Gegenteil. Das ist wie bei Juan Arango. Seinen linken Zauberfuß hatte der virtuose Venezolaner immer, aber das filigrane Füßchen schoss nur Flanken und Freistöße und war faul.

„Vorige Saison“, sagt Altborusse Ewald Lienen (die Guterzogenen mögen bitte kurz weghören), „hat Arango nur seine Eier geschaukelt, jetzt reißt er sich den Arsch auf.“ Mit Ball war er immer Klasse – nun klappt es auch gegen den Ball.

Immer stürmisch

So wie Arango war Gladbach schon anno Tobak: Gestürmt haben sie immer – aber Titel holten sie erst, als sie auch hinten dicht machten. Wobei wir in unserer unsterblichen Verehrung nicht leugnen wollen, dass wir als Jungfans nicht wegen Sieloff und Luggi Müller ins Mekka auf den Bökelberg pilgerten – sondern wegen Netzer.

Gladbach war mehr als ein Kick im Gras, es war ein Lebensgefühl, und Netzer war unser Rebell. Wenn er mit Schuhgröße 47 aus der Tiefe des Raumes kam und mit dem Innenrist gegen den Ball trat, den ihm Berti per Grätsche vorgelegt hatte, ging die Luftpost ab.

Seine Pässe auf Heynckes, Laumen und Rupp waren hemmungslos und weltoffen, da blieb nichts übrig von der Enge der Nachkriegszeit. Netzer, der Playboy, also der Spielgestalter, war der erste kickende Rockstar, er führte die Disco „Lovers Lane“, fuhr Ferrari, trug die Federn schulterlang – und genauso unverwechselbar war der Fußball, den die Borussen spielten. Sie haben derart geballert, dass gegen Bremen einmal das Tor zusammenbrach. Und dann: der jähe Zerfall.

Unerträgliches haben wir Gladbach-Liebhaber jahrzehntelang aushalten müssen. Der Pokalsieg ’95 war nur der Sprung einer toten Katze. Effenberg ging, kam und ging, und irgendwann stand nur noch Toni Polster da – beweglich in der Hüfte war der Wiener Altbomber nur auf der Bühne, wenn er mit den „Fabulösen Thekenschlampen“, einer Frauenrockband, seinen Hit „Toni, lass es polstern!“ hinausschmetterte.

Selbst die Taschendiebe waren auf dem Bökelberg plötzlich gefährlicher, einer hat dem rasenden ZDF-Reporter Rolf Töpperwien mitten im Interview den Geldbeutel mit 1380 Mark aus der Hose geklaut – jedenfalls erinnerte an den alten Gladbacher Rausch irgendwann höchstens noch Friedel Rausch, der erfolglose Trainer.

Und nun das: Ist der Allmächtige ein Ästhet, dreht er das Rad zurück? Scharenweise träumen die Fans im Land, und die ersten holen das alte Transparent aus der nostalgischen Ecke, auf dem steht: „Gott muss Borussen-Fan sein, sonst hätte er nicht seinen Sohn für uns spielen lassen“.

Reus ist der neue Netzer

Gemeint war ursprünglich Netzer, aber es gilt auch so wieder – denn der hinreißende Blonde ist noch einmal auf die Welt gekommen, diesmal mit kürzeren Federn, statt der raumgreifenden Schritte und Pässe dribbelt er plötzlich und schießt Tore, und er heißt jetzt Marco Reus .

Den kleinen Zeh hat der sich am Freitag gebrochen, aber aussteigen? „Ich hatte zu viel Lust am Spiel“, sagt Reus und beißt auch nächsten Samstag auf die Zehen. Denn dann heißt es Borussia gegen Borussia. Anno ’78 ging es 12:0 aus. Wir werden die Tore im Fernsehen oft sehen diese Woche. Gladbach lebt.