Rot gegen Montenegro

Englands Rüpel Rooney ist für die EM gesperrt

England lästert über seinen des Platz verwiesenen Stürmer und fragt: Wie viel hat die Familie wohl für Waynes Rooneys Rote Karte kassiert?

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Es ist mal wieder eines dieser englischen Wochenenden. Wenn das Mutterland des modernen Sports von seinen Athleten einen Film vorgesetzt bekommt, den es schon zu oft gesehen zu haben glaubt. Die Rugby-Nationalmannschaft veredelte am Samstag ihren wochenlangen Pubcrawl durch Neuseelands Wirtshäuser mit dem WM-Aus gegen Erzfeind Frankreich.

Tags zuvor hatten sich die Fußballer zwar, immerhin, mit Ach und Krach für die EM 2012 qualifiziert und damit die Dämonen des vorzeitigen Scheiterns von 2008 vertrieben. Allerdings strahlten sie beim 2:2 (2:0) in Montenegro ungefähr so viel Titelfähigkeit aus wie ein brasilianisches Rugbyteam. Was jedoch zur Randnotiz verkam, da Englands bester Fußballer ein erprobtes Schauspiel der ganz persönlichen Art aufführte. Rote Karte für Wayne Rooney – auch das ist ja nichts wirklich Neues.

Nachtreten ohne Provokation

Dieses Mal war es höchstens besonders bescheuert, denn der Platzverweis kam sowohl mit Ansage als auch mit schwerwiegenden Folgen, nur nicht mit irgendeiner Not. England führte 2:1, als Rooney in der 74. Minute gegen Miodrag Dzudovic nachtrat und vom deutschen Schiedsrichter Wolfgang Stark zum Duschen geschickt wurde.

Er war nicht übermäßig provoziert worden – okay, es gab diese eine Szene, als ihm Montenegros erster Torschütze Zverotic über das transplantierte Haar strich und ihn ein bisschen schief von der Seite anquatschte, aber mehr vermochte die empirische Aggressionsforschung bislang nicht vorzubringen.

Dafür lieferte die hobbypsychologische Abteilung ein umso bestechenderes Motiv. Schließlich waren Vater und Onkel des Spitzenstürmers von Manchester United am Vortag wegen Verdachts auf Wettbetrug vorübergehend festgenommen worden. Wayne sr. und Richie sollen mit einem Spieler des schottischen FC Motherwell dessen Platzverweis abgesprochen haben und dafür bei Wetten bis zu 5000 Pfund den zehnfachen Einsatz kassiert haben.

Automatisch für das erste EM-Spiel gesperrt

„Solche Sachen sind ernst, es ist nicht leicht, sich dann auf das Spiel zu konzentrieren, und vielleicht tat er deshalb, was er tat“, vermutete der montenegrinische Trainer Branko Brnovic. „Ehrlich gesagt, ich hätte nicht gedacht, dass er spielt.“ So viel zum Thema Ansage, und was die Folgen betrifft: Da England seine Qualifikation am Freitag beendete, ist Rooney jetzt automatisch für das erste EM-Spiel gesperrt. Je nachdem, als wie schwer Stark das Vergehen in seinem Spielbericht einstuft und was das Videostudium der Uefa-Disziplinarkommission ergibt, ist eine härtere Sanktion zu erwarten.

„Das Minimum ist ein Spiel, wahrscheinlich sind zwei, möglich drei“, erklärte Ex-Schiedsrichter Graham Poll seinen Landsleuten im „Daily Mail“. Drei Spiele dauerte bei der EM die Vorrunde. Gerade da es sich um England handelt, „den kranken Mann Europas“ („Guardian“), könnte es danach leicht schon wieder nach Hause gehen. Im schlimmsten Fall würde Wayne Rooney also im ganzen Turnier kein Spiel machen.

Züge einer verkorksten Ehe

„Idiot“, schreit nun der Boulevard, staatstragender formuliert der „Daily Telegraph“, Rooney „selbstzerstört sich selbst, sein Team, seine Nation“ – nicht ohne das verhängnisvolle Wort „wieder“ einzustreuen. Die Beziehung zwischen „weißem Pele“ und den „drei Löwen“, sie trägt mittlerweile alle Züge einer verkorksten Ehe, dabei begann sie einst so spielerisch im warmen portugiesischen Sommer 2004. Ein 18-Jähriger schoss England mit vier Toren auf Titelkurs, und womöglich hätte es auch geklappt, womöglich wäre der ganze Fatalismus nur eine verblasste Erinnerung, wäre Rooney nicht im Viertelfinale gegen Portugal früh verletzt ausgeschieden.

Es war das Ende der Unschuld. Zwei Jahre später sah er im WM-Viertelfinale für einen Fußstupser ins Gemächt von Portugals Ricardo Carvalho die Rote Karte, offenbar gereizt durch einen Fußbruch vor dem Turnier und den unerbittlichen Hype um seine Person. Zuletzt in Südafrika 2010 gehörte er zu den Schwächsten unter den Schwachen. Neben einer Blessur belasteten ihn wohl Gerüchte um Seitensprünge mit einer Prostituierten.

Im aktuellen Fall will Nationaltrainer Fabio Capello von einer Wechselwirkung zwischen Familienproblemen und Platzverhalten allerdings nichts wissen. „Er war unzufrieden, weil er ein paar Ballannahmen und Pässe vermasselt hatte, und seine Reaktion ist, den Gegner zu treten.“ Tatsächlich ist bekannt, dass eigene Unzulänglichkeiten oder auch Fehler der Mitspieler bei Rooney leicht zu Cholerik und Jähzorn führen.

Zuletzt galt er, auch dank sportpsychologischer Betreuung, als gereift, nun ist er der einzige Engländer neben David Beckham, der es auf zwei Rote Karten im Nationaltrikot bringt. Seinen Coach hinterließ er einigermaßen ratlos: „Ich kann nicht in den Kopf von Wayne Rooney steigen, wenn er spielt.“ Zweifel an Starks Entscheidung gibt es keine. „Es war Rot, und es ist nicht zu rechtfertigen“, so Capello.

Rooney erwartete ihn nach Schlusspfiff in der Kabine, um sich zu entschuldigen, derweil Montenegros Fans nach dem Ausgleich in der Schlussminute euphorisiert den Platz stürmten – wegen der Niederlage der Schweiz in Wales hat das 625.000-Einwohnerland die Teilnahme am Play-off sicher.

Dass sich die eigene Elf als Steigbügelhalter für eine Fußball-Sensation betätigte, finden sie auf der Insel nur konsequent. „Dieses englische Team ist gefangen in einem sich selbst erhaltenden schlechten Witz“, ächzt der „Independent“. Konsequenterweise hat das Land nach dem ersten Schock inzwischen zu seinem typischen Humor zurückgefunden und fragt sich: Wie viel hat Familie Rooney wohl für Waynes Rote Karte kassiert?