Birgit Prinz

"Ralf Rangnick wird gestärkt zurückkehren"

Im August beendete Birgit Prinz ihre Karriere. Mit Morgenpost Online sprach die studierte Psychologin über die WM, ihr Verhältnis zu Silvia Neid und Ralf Rangnick.

Mit 214 Länderspielen ist Birgit Prinz (33) Rekordnationalspielerin des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Die Frankfurterin, die über 30 nationale und internationale Titel gewann, beendete nach der Heim-WM im Sommer ihre aktive Karriere.

Morgenpost Online: Dank einer persönlichen Einladung von Sportkollegen verbringen Sie gerade mit Welt- und Europameistern aus anderen olympischen Sportarten eine gemeinsame Urlaubswoche im Robinson Club Camyuva in der Türkei, an deren Abschluss die Athleten wie immer ihren eigenen "Champion des Jahres" wählen. Eine willkommene Abwechslung oder wären Sie lieber mit ihren Kolleginnen aus dem WM-Team hier?

Birgit Prinz: Selbst wenn wir Weltmeisterin geworden wären, wäre das Team ja nicht hier dabei, weil die Bundesliga und die Champions League läuft (am Mittwoch; d. Red.). Was nicht heißt, dass wir den Titel nicht gern gewonnen hätten. Wir waren ja nicht mit der Ambition angetreten, im Viertelfinale auszuscheiden.

Morgenpost Online: Haben Sie dieses Misserfolgserlebnis inzwischen verarbeiten können?

Prinz: Das ist grundsätzlich abgehakt, auch wenn sicher immer wieder noch mal Frust hochkommt. Ich habe viel darüber geredet, mit meinem Umfeld, und so alles verarbeitet.

Morgenpost Online: Sie haben Psycholgie studiert, inwiefern hat Ihnen das dabei geholfen?

Prinz: Ich habe das ja nicht studiert, um eine Selbsttherapie zu machen. Aber natürlich erweitert jedes Wissen den Horizont und ermöglicht einem, Leute kennenzulernen, mit denen man gut reflektieren kann. Dadurch habe ich für mich einen anderen Blick auf die Sache gekriegt.

Morgenpost Online: Wären Sie als Psychologe anders mit der Mannschaft umgegangen als Neids Vertrauter Dr. Arno Schimpf?

Prinz: Ja, das ist ja auch normal. Aber Arno hat das getan, von dem er dachte, dass es das Beste ist. Im Endeffekt hat es nicht perfekt funktioniert, daher muss man es nun hinterfragen. Aber Nachhinein ist man halt immer schlauer.

Morgenpost Online: Mit Bundestrainerin Silvia Neid , die Sie während der WM auf die Bank verbannte und so einen wenig würdevolles Karriereende zugestand, hat es auch eine große Aussprache gegeben. Wie verlief die?

Prinz: Das Treffen war ja unser beider Wunsch, da wir beide das Gefühl hatten, das nicht alles optimal verlaufen war. Und es war ein gutes Gespräch, in dem wir beide mal ausführlich geschildert haben, wie wir die Situation erlebt haben. Den Standpunkt der anderen zu kennen, bringt uns beide sicher weiter.

Morgenpost Online: So ein Gespräch wäre während des WM-Turniers aber sinnvoller gewesen, oder?

Prinz: Teilweise hatten wir es ja probiert, aber es ist natürlich etwas anderes, nachdem wir beide Zeit hatten, etwas abzukühlen und dem Druck des Turniers zu entkommen und das Ganze zu reflektieren. Im Rückblick sieht man, was man hätte besser machen können, was damals noch nicht möglich war. Im Nachhinein waren wir uns einig, dass wir die DInge früher so hätten besprechen sollen.

Morgenpost Online: War dieses Gespräch wichtig für Ihren Seelenfrieden, für die Rückschau auf Ihre Fußball-Karriere?

Prinz: Nein, meinen Seelenfrieden hätte ich auch so wieder gefunden. Ich hatte einfach das Gefühl, es würde die Sache rund machen.

Morgenpost Online: Also finden SIe auch gut, dass Silvia Neid nun Bundestrainerin bleibt ?

Prinz: Ich sehe keinen Grund, warum Sie hätte zurücktreten sollen. Sie hat Fehler gemacht wie wir alle. Sie ist deswegen aber keine schlechte Trainerin geworden, nur weil wir jetzt mal im Viertelfinale ausgeschieden sind und es Probleme gab, die so nicht absehbar waren. Jetzt zu sagen, sie ist an allem schuld, finde ich zu einfach.

Morgenpost Online: Woran lag es denn nun genau, dass die Erwartungen nicht erfüllten werden konnten?

Prinz: Es gab viele Gründe. Einer war natürlich, dass wesentlich mehr Druck auf der Mannschaft lag als zugegeben wurde und dieses Problem intern auch nicht so gut gehandelt wurde. Wir haben so letztlich nie zu unserem Spiel gefunden.

Morgenpost Online: Sie haben Ihre Karriere mit dem Turnier-Aus beendet . Was kommt jetzt?

Prinz: Im Moment bin ich in der Findungsphase. Ich wollte nicht direkt nach der WM anfangen zu arbeiten, sondern mich erst mal orientieren, was ich jetzt wie will. Ab nächstes Jahr werde ich nun aber wohl am Institut für Performance-Psychologie mitarbeiten. Das ist ein neues Institut in Frankfurt, dessen Ziel ist, Sportler zu betreuen, Ihnen Coaching anzubieten zum Beispiel für die Teamentwicklung. Psychologin im Sport soll aber ein Standbein für mich werden, auf der anderen Seite würde ich gern bei der Managementberatung mitarbeiten im Bereich High-Potential-Entwicklung. So würde ich mich auch als Psychologin weiterentwickeln.

Morgenpost Online: Und Fußball spielen Sie überhaupt nicht mehr?

Prinz: Doch, in einer Hobbymannschaft. Mit lauter Männern. Aber das soll im Privaten bleiben.

Morgenpost Online: Im Rückblick: Hat die WM dem Frauen-Fußball nachhaltig einen Schub geben können?

Prinz: Ich selbst hatte ja auch nicht erwartet, dass diese WM ein Meilenstein wird und alles verändert. Sondern dass dieses Turnier ein weiterer Schritt nach vorn wird und den hat es auch gegeben. Wir haben viele Menschen erreicht, höchstwahrscheinlich werden im Jugendbereich nun noch mehr Mädchen mit dem Fußball spielen beginnen, im Moment sind auch mehr Zuschauer in den Bundesliga-Stadien, das bleibt hoffentlich auch so, der FFC Frankfurt hatte schon drei Live-Spiele im Fernsehen, was auch eine sehr gute Entwicklung ist. Insofern ist da nachhaltig etwas erreicht worden mit dieser WM – auch ohne Titel.

Morgenpost Online: Mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) soll ein Abschiedsspiel vereinbart worden sein, wie es zuletzt nicht einmal Michael Ballack bekommen hat.

Prinz: Ich finde es schön, dass der DFB so ein Angebot gemacht hat, da es das ja nicht so oft gibt. Wir haben uns drüber unterhalten, aber da ist noch nichts sicher. Noch passt da nicht alles zusammen.

Morgenpost Online: Ist Ihnen das Abschiedsspiel nicht mehr wichtig nach der frustrierenden WM?

Prinz: Wenn's klappt, wäre das schön, aber mein Seelenheil hängt nicht dran.

Morgenpost Online: Wenn Sie jetzt Fälle wie den von Ralf Rangnick sehen, schauen Sie da anders drauf als Sportlerin und Psychologin? Sehen Sie derartige Gefahren auch im Frauenfußball?

Prinz: Die Gefahren sind überall da, wo Menschen am Limit arbeiten – und das ist im Spitzensport ja überall der Fall. Von daher ist so etwas im Frauenfußball auch möglich, auch wenn der Druck von außen da noch nicht ganz so groß ist, das ständige Beobachtetwerden, wie bei der Männern. Das Phänomen tritt aber nicht nur im Fußball vermehrt auf, sondern auch im normalen Arbeitsleben. Von daher muss darauf gucken und sehen, was man tun kann, um solche Dinge besser aufzufangen und die Leute besser zu unterstützen. Das ist eine Aufgabe, die alle Psychologen in nächster Zeit haben werden.

Morgenpost Online: Was wird Ihrer Meinung nach passieren, wenn Ralf Rangnick genesen ist und wieder in seiner Job zurück will? Heißt es dann vielleicht: "lieber nicht"?

Prinz: Ich sehe keine Grund, der gegen eine Rückkehr in die Bundesliga spricht, wenn er es denn möchte. Rangnick wird aus der Phase eher gestärkt hervor gehen. So eine Erfahrung, auch wenn es nicht unbedingt eine gute ist, lässt einen Menschen auf jeden Fall so reifen, dass es auch einer Mannschaft helfen würde. Wenn ein Trainer sich mal ein Bein bricht, sagt ja auch keiner, wegen dieses Handicaps nehme ich ihn nicht mehr. Doch wie es die Szene letztlich sieht, ist heute schwer einzuschätzen. Aber es wäre ein ziemlich schwaches Bild, wenn es zu einer Ablehnung käme.

Die Teilnahme an der Wahl zum "Champion des Jahres" wurde ermöglicht mit der Unterstützung von Robinson.