Wie ein Preisboxer sah Klaas-Jan Huntelaar zuletzt aus. Beim 0:0 seines Klubs Schalke 04 in der Europa League gegen AEK Larnaka hatte er sich einen doppelten Nasenbeinbruch zugezogen. In der Bundesliga musste der Stürmer (zehn Saisontreffer) pausieren. Morgenpost Online sprach vor dem Länderspiel der Niederlande am Dienstag (20.45 Uhr/ZDF) gegen die deutsche Mannschaft mit Huntelaar.

Morgenpost Online: Werden Sie gegen Deutschland spielen?

Klaas-Jan Huntelaar: Ich würde sehr gerne dabei sein. Spiele gegen Deutschland sind immer etwas Besonderes. An die Maske, die ich im Training trage, habe ich mich gewöhnt. Ich habe auch keine Kopfschmerzen mehr, und die Schwellungen an den Augen sind zurückgegangen.

Morgenpost Online: Stehen sich zwei Favoriten auf den Europameistertitel gegenüber?

Klaas-Jan Huntelaar: Ja, natürlich. Wir haben wie Deutschland eine gute Qualifikation gespielt. Schon bei der WM 2010 haben beide Mannschaften bewiesen, was sie können. Wir haben in Südafrika zwar nicht so auffällig gespielt wie die Deutschen bei ihren Siegen über England und Argentinien, als sie richtig viele Tore geschossen haben. So eine Partie haben wir nicht gemacht. Unser Spiel war nicht so spektakulär, aber als Mannschaft waren wir sehr stabil. So sind wir bis ins Endspiel gekommen.

Morgenpost Online: Trauen Sie Ihrer Mannschaft bei der EM 2012 noch mehr zu?

Klaas-Jan Huntelaar: Wir wollen zeigen, dass wir noch besser geworden sind und wieder ins Finale kommen. Da musst du dann gut sein und auch ein bisschen Glück haben.

Morgenpost Online: Hat Weltmeister Spanien nach wie vor das beste Team?

Klaas-Jan Huntelaar: Ja. Sie haben das beste Mittelfeld. Und das ist für eine Mannschaft das wichtigste. Danach kommen mit Deutschland und uns zwei Teams, die bereits bei einem großen Turnier gezeigt haben, dass sie stabil sind. Und danach kommen Länder, die viel Potenzial besitzen, wie England oder Frankreich, die allerdings bislang noch nicht so stabil sind.

Morgenpost Online: Auf der Maske, die Sie wegen Ihres doppelten Nasenbeinbruchs derzeit im Training tragen, steht „Hunter.“ Wie sind Sie eigentlich zu diesem Spitznamen gekommen?

Klaas-Jan Huntelaar: Als ich beim SC Heerenveen gespielt habe, hat ein Fan bei einem Heimspiel ein Bettlaken am Zaun aufgehängt. Darauf stand „Hunter“, und es war ein Gewehr abgebildet. Seitdem habe ich meinen Spitznamen weg. Ich mag ihn.

Morgenpost Online: In Heerenveen haben Sie den Durchbruch geschafft. Davor jedoch hatten Sie einen schweren Start in die Karriere.

Klaas-Jan Huntelaar: Ja, ich musste immer kämpfen. Und ich wollte immer spielen. Beim PSV Eindhoven, meiner ersten größeren Station, habe ich keine richtige Chance bekommen. Die Konkurrenz an Offensivspielern war groß: Ruud van Nistelrooy, Mateja Kezman, Arnold Bruggink, Jan Venegoor of Hesselink. Da habe ich mir gesagt: So, jetzt nehme ich meine Karriere selbst in die Hand und bin nach Heerenveen gewechselt. Dort konnte ich spielen und zeigen, was ich kann. Nach einem Jahr hat mich Ajax Amsterdam dann geholt.

Morgenpost Online: In den Niederlanden gab es in der Zeit, als Sie Ihre Laufbahn begonnen haben, viele große Stürmer. Hatten Sie Vorbilder?

Klaas-Jan Huntelaar: Ja, von guten Spielern kann man lernen und sich einiges abschauen. Van Nistelrooy zum Beispiel ist ein Stürmer, der immer auf seine Möglichkeiten lauert. Und wenn er zum Abschluss kommt, schießt er nicht mit Vollspann, sondern ein bisschen mehr mit dem Innenspann. Dadurch hat er, selbst wenn alles sehr schnell gehen muss, immer noch ein bisschen mehr Kontrolle und kann platzierter schießen. Aber auch Arnold Bruggink war für mich sehr beeindruckend. Im Training in Eindhoven habe ich seine Laufwege studiert.

Morgenpost Online: Wie viel Prozent von dem, was einen Torjäger ausmacht, ist Erfahrung, wie viel ist Talent?

Klaas-Jan Huntelaar: Talent ist wichtig. Aber der Wille ist noch wichtiger. Es hat viel mit Mentalität zu tun, sich auf hohem Niveau durchzusetzen und dann sein eigenes Niveau konstant hoch zu halten. Du darfst nie zufrieden sein.

Morgenpost Online: Haben Sie sich seit Ihrem Wechsel nach Schalke im August 2010 weiterentwickelt?

Klaas-Jan Huntelaar: Ich habe immer an mir gearbeitet. Ob in dem Jahr bei Real Madrid oder anschließend beim AC Mailand, wo es nicht so glücklich für mich gelaufen ist. Bei Schalke musste ich mich erst reinfinden. Ich hatte keinen Rhythmus, weil ich in Mailand vorher nicht so regelmäßig gespielt habe. Zudem hatte ich Probleme mit Verletzungen. Das erste Jahr auf Schalke war nicht einfach.

Morgenpost Online: Ist es in der Bundesliga im Vergleich zur Serie A oder zur Primera Division leichter oder schwerer, Tore zu schießen?

Klaas-Jan Huntelaar: Bei Real Madrid war es vergleichsweise leicht. Real spielt fast immer sehr offensiv und dominant. Die Leistungsunterschiede zwischen Spitzenmannschaften wie Real und Barcelona einerseits sowie dem Rest der Liga sind sehr groß. In der Bundesliga ist es etwas schwerer. Die meisten Mannschaften in Deutschland spielen zwar auch offensiv, aber nicht ohne Absicherung. Sie agieren nicht so defensiv wie in der Serie A, aber auch nicht so offensiv wie Real.

Morgenpost Online: Für Schalke haben Sie in dieser Saison 21 Tore in 20 Pflichtspielen erzielt. Wie wichtig ist für Sie dabei das Zusammenspiel mit Raul?

Klaas-Jan Huntelaar: Es ist sehr wichtig, einen schlauen Spieler in meiner Nähe zu haben. Raul versteht es, Räume für mich zu schaffen. Das ist sehr wichtig für mein Spiel.