Handball-Präsident

"Auch bei Olympia 1972 wurde damals weitergemacht"

Reiner Witte, Präsident der Handball-Bundesliga, erklärt im Interview mit Morgenpost Online, warum nach dem Unfalltod der Methe-Brüder der Spieltag nicht ausfiel.

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Reiner Witte ist seit 2008 Präsident der Handball-Bundesliga. Im Gespräch mit Morgenpost Online äußert sich der Jurist aus Langwedel zu der Tragödie um die beiden Schiedsrichter Bernd und Reiner Methe , die Freitagabend auf dem Weg zum Bundesliga-Spiel zwischen Balingen und Magdeburg in ihrem Auto tödlich verunglückten.

Morgenpost Online: Wie haben Sie die Tragödie um die beiden verunglückten Schiedsrichter Bernd und Reiner Methe aufgenommen?

Reiner Witte (56): Ich bin furchtbar geschockt. Ich wusste im ersten Moment gar nicht, was ich dazu sagen soll. Das ist alles vollkommen unwirklich. Ich habe mit den beiden kürzlich noch gesprochen, und dann erhält man so eine Nachricht. Meine Gedanken sind bei den Familien, bei den Kindern. Das ist schrecklich, beide Zwillinge werden aus dem Leben gerissen, beide Ehefrauen stehen plötzlich allein da. Handball ist da völlig unwichtig.

Morgenpost Online: Wann haben Sie von dem Unfall erfahren?

Witte: Freitagabend so gegen acht Uhr. Uwe Stemberg (Spielwart der Handball-Bundesliga; d. Red.) rief mich an. Danach haben wir dann drei Stunden nur telefoniert, um alle möglichen Leute von diesem tragischen Ereignis zu unterrichten.

Morgenpost Online: Gab es Überlegungen, den kompletten Bundesliga-Spieltag abzusagen?

Witte: Wir haben überlegt, das zu tun. Aber nach Rücksprache mit Peter Rauchfuß (Schiedsrichterwart des Deutschen Handball-Bundes; d. Red.) und anderen Schiedsrichtern, die meinten, dass es im Sinne von Bernd und Reiner gewesen wäre, weiterzuspielen, haben wir entschieden, den Spieltag nicht auszusetzen. Ich glaube auch, dass das die richtige Entscheidung ist. Es gibt ja andere tragische Beispiele aus der Sportwelt, wo ähnlich verfahren wurde. Als bei den Olympischen Spielen in München 1972 israelische Sportler niedergemetzelt wurden, gab es auch Diskussionen um einen Abbruch. Am Ende hat man sich entschieden, doch weiterzumachen. Und rückblickend betrachtet war das richtig.

Morgenpost Online: Ist so eine Tragödie überhaupt zu verhindern?

Witte: Wir haben den Schiedsrichtern freigestellt, wie sie zu den Spielen anreisen – ob mit der Bahn, dem eigenen Pkw oder per Flugzeug. Jetzt war die Entfernung vom Wohnort der Methes bis zum Spielort in Balingen nicht so groß, als dass sie hätten ein anderes Verkehrsmittel nehmen sollen. Die beiden waren ja auch sehr, sehr erfahren. Ich weiß gar nicht, wie viele hunderttausend Kilometer die schon für ihren Sport hinter sich gebracht haben. Natürlich hinterfragt man nun auch sein eigenes Handeln. Ich fahre auch oft nachts noch von Spielen zurück nach Hause. Wäre es da nicht besser, im Hotel zu übernachten und am nächsten Morgen zu fahren? Eines ist aber auch klar: Wir können jetzt nicht alles in Frage stellen und werden keine Patentrezepte aus dieser furchtbaren Tragödie entwickeln können.

Morgenpost Online: Wie lange kannten Sie die beiden Schiedsrichter?

Witte: Seit fast 15 Jahren. Ich habe ihre internationale Karriere begleitet und mich immer sehr für sie gefreut, wenn Sie solche Highlights wie das EM-Finale 2010 leiten durften. Sie waren exzellente Schiedsrichter und menschlich überragend. Man konnte mit ihnen über alles reden. So eine Beziehung wie zu den Methes hat man nicht allzu oft in der Sportwelt. Für mich ist das immer noch unvorstellbar.