Bayerns Gegner

Das Comeback von Maradonas Erben beim SSC Neapel

Lange war es ruhig um den SSC Neapel, der sogar bis in die dritte Liga abstieg. Aber dank Cavani, Hamsik und Lavezzi befindet sich der Klub im Höhenflug.

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Jeder Traum hat in der Stadt des Lottos seine eigene Zahl. Das Glücksspiel ist vor über 300 Jahren in Neapel entstanden, und nach dem Aufwachen schauen viele Bewohner in das Traumdeutungsbuch „Smorfia“.

Wer im Schlaf hübsche Mädchen gesehen hat, soll die 78 spielen. Wer von Diego Maradona geträumt, die 10. Es ist 20 Jahre her, dass der legendäre Argentinier für den SSC Neapel gespielt hat, und doch fällt sein Name in der Stadt derzeit beinahe so oft wie damals.

Am Dienstag (20.45 Uhr, Sky) empfängt der Klub in der Champions League den FC Bayern. Ein Festtag für die Fans, der Erinnerungen an die glorreiche Zeit des SSC weckt. Endlich wieder ein großer Gegner auf großer Bühne, endlich ist Neapel wieder auf dem Weg zu einer Größe im italienischen Fußball.

In der Serie A hat der Tabellenvierte lediglich zwei Punkte Rückstand auf Spitzenreiter Juventus Turin – und kürzlich gegen den AC (3:1) und bei Inter Mailand (3:0) gewonnen. „Neapel ist momentan die beste Mannschaft Italiens. Und wohl auch die stabilste, so habe ich es mir von meinen Freunden in Italien sagen lassen“, sagt Karl-Heinz Rummenigge, Bayern Münchens Vorstandschef, der von 1984 bis 1987 für Inter Mailand spielte.

Der SSC ist nicht einfach nur ein Klub, sagen sie in Italien. Er ist der Seelenzustand der Stadt. Und dass es der Seele gut geht, ist für die Bewohner wichtiger denn je, denn dem Körper geht es schlecht. Mafia, Arbeitslosigkeit, Müll – Neapel hat viele Probleme.

Cavani ist der neue Star

Die Jugend wandert in den Norden ab, und die Regionen dort blicken teilweise abfällig auf Neapel herab, diesen bizarren und autonomen Kosmos, den viele Italiener nicht nur wegen seines Dialekts kaum verstehen. Ministerpräsident Silvio Berlusconi sagte vor dem vergangenen Duell, sein AC Mailand werde den SSC, „den Süden besiegen“. Doch es gewann Neapel, der Süden. Der Sport macht die Menschen hier stolz, so wie am 10. Mai 1987.

Das Team um Maradona gewann damals ihre erste Meisterschaft, und Fans schrieben auf ein Plakat: „Mitten ins Gesicht des anderen Italiens!“ Maradona weinte und sagte: „Jetzt weiß ich, dass Gott gerecht ist.“ Die Neapolitaner bastelten ihm Krippenfiguren, bauten Altare und beteten für ihn. Mit ihm gewann der Klub 1987 auch den italienischen Pokal, zwei Jahre später den Uefa-Cup und 1990 erneut die Meisterschaft. Eine Erfolgsära.

1991 verließ Maradona nach einem Kokain-Skandal Neapel, heute ist er Trainer des Klubs Al-Wasl in Dubai. Und Neapel hat neue Stars: Edinson Cavani, Uruguays Nationalstürmer, Angreifer Ezequiel Lavezzi, wie Maradona Argentinier, und Marek Hamsik, den slowakischen Mittelfeldspieler.

Demütig geblieben

Sie haben Neapel 29,5 Millionen Euro gekostet – inzwischen sind sie das Dreifache wert. Mit ihnen gelang in der Champions League ein 1:1 bei Manchester City und ein 2:0 gegen den FC Villarreal. „Was für ein aufregender Offensivfußball! Neapel scheint gar keine italienische Mannschaft zu sein“, schrieb die englische Zeitung „Independent“.

Und jetzt die Bayern. Kapitän Paolo Cannavaro , Bruder des italienischen Weltmeisters Fabio, sagt: „Der FC Bayern ist eines der stärksten Teams weltweit, die beiden Duelle mit den Münchnern werden zeigen, wo wir international tatsächlich stehen. Für uns ist es bereits ein Triumph, überhaupt in der Champions League zu spielen“, sagt er.

Sie sind trotz der jüngsten Erfolge demütig geblieben. In Neapel wissen sie, wie schnell es bergab gehen kann.

2004 ging der Verein bankrott, bis vor fünf Jahren war Neapel in den Niederungen der dritten Liga verschwunden. Präsident Aurelio de Laurentiis, ein Filmproduzent, hat dem Klub seriöses Wirtschaften beigebracht; seit fünf Jahren schreibt der SSC schwarze Zahlen.

Damit die Euphorie anhält, will der Vereinschef so bald es geht das Trainingsgelände und den Nachwuchsbereich ausbauen. Vorbild ist der große FC Barcelona.

„Nur weil wir jetzt oben stehen, werde ich keine verrückten Summen für neue Spieler ausgeben. Die Stars müssen wir demnächst im eigenen Haus formen. Das ist der einzige Weg, langfristig Erfolg zu haben“, sagt de Laurentiis. Sie wünschen sich, bald wieder einen zu haben wie Maradona, und dann auch noch ein Kind der Stadt. Träume gehören in Neapel eben dazu.