Champions League

"Neapel war oft am Boden, doch wird nie sterben"

Bayern trifft auf den Ex-Klub von Diego Maradona. Bei Morgenpost Online spricht Kapitän Paolo Cannavaro über die Wiedergeburt des italienischen Kultvereins.

Foto: AFP

Am Dienstag besucht der FC Bayern in der Champions League den SCC Neapel. Als Diego Maradona in den Achtzigern dort spielte, waren die Süditaliener der Verein mit den weltweit meisten Zuschauern und gewannen Titel in Serie.

Nach Abstieg (1998) und Konkurs (2004) gelang mit Filmproduzent Aurelio De Laurentiis als Hauptaktionär ein beeindruckender Neubeginn, der das Team auf Platz 5 in Italiens Liga führte. Neapels Kapitän ist Paolo Cannavaro, 30, der Bruder von Weltmeister Fabio, 38.

Morgenpost Online: Herr Cannavaro Können Sie sich eigentlich noch an die Maradona-Zeiten erinnern?

Paolo Cannavaro: Beim ersten Titel 1987 war ich noch sehr klein. An die zweite Meisterschaft 1990 erinnere ich mich hingegen gut. Ich hüpfte und sang mit Freunden draußen in den Straßen, alle feierten eine ungeheure Sause. Für Neapel waren die Jahre mit Maradona eine unbeschreibliche Zeit der Freude.

Morgenpost Online: Kann man das mit heute vergleichen?

Cannavaro: Auch jetzt ist der Enthusiasmus grenzenlos – wie ein plötzlich geöffnetes Ventil, weil man seit 21 Jahren nichts mehr gewonnen hat. Dazwischen lagen für Napoli mit zweiter, dritter Liga und Bankrott hässliche Zeiten, in denen die Leidensfähigkeit auf eine harte Probe gestellt wurde. Schaue ich nun durch die Stadt, geht mir das Herz auf: Alle Kinder laufen beispielsweise wieder in Napoli-Trikots herum, das war vor einigen Jahren anders. Da hatte manch einer die Leidenschaft verloren und die Kleinen interessierten sich eher für Milan, Inter oder Juventus.

Morgenpost Online: Deshalb haben Sie ja auch mal Ihren Sohn zurechtgestutzt.

Cannavaro: Richtig. Als er vier Jahre war, wollte er in einem Laden unbedingt das Juve-Trikot haben. Das ging gar nicht. Da bekam er einen hinter die Löffel (lacht). Er versuchte es mit der Tränendrüse, doch ich blieb hart. Es wäre ein Terror gewesen, wenn mein Sohn in Neapel mit dem Juve-Trikot zur Schule gegangen wäre. Vernünftigerweise hält er mittlerweile zu Napoli, hat meine Erziehung also doch was genutzt (lacht).

Morgenpost Online: Für Sie muss die Renaissance des Klubs etwas Besonderes sein.

Cannavaro: Das ist schwierig in Worte zu fassen. Ich bin in Neapel geboren und seit Ewigkeiten ein Riesenfan von Napoli. Jetzt, da ich das Trikot des Klubs trage, sind die Emotionen verdreifacht. Das kann einen manchmal ganz schön schaffen.

Morgenpost Online: Vor allem als Kapitän.

Cannavaro: Natürlich ist diese Erfahrung phänomenal, sich in den Leuten der Stadt und auf den Rängen widerzuspiegeln. Ich war jahrelang selbst Fan im Stadion und weiß, wie es den Tifosi ergeht. Das gibt dir als Spieler oft einen extra Schub. Ganz zu schweigen davon, die Kapitänsbinde zu tragen, was mich mit ungemeinem Stolz erfüllt.

Morgenpost Online: Man sagt, Napoli sei kein Fußballklub, sondern das Seelenleben der Stadt. Stimmt das?

Cannavaro: Absolut richtig. Wenn der SSC gewinnt, spürt man bis zur nächsten Partie eine andere Atmosphäre. Nicht nur bei den Tifosi, sondern der ganzen Stadt. Alle sind fröhlicher, ausgelassener - die Menschen vergessen dann auch ihre zahlreichen privaten oder sozialen Probleme.

Morgenpost Online: Stört Sie das negative Image, das Neapel stets aufgedrückt wird?

Cannavaro: Das ärgert mich ungemein. Zweifelsohne bedrücken Neapel eine Menge akute Problematiken, aber da ist sie doch nicht die einzige Stadt der Welt. Neapel besitzt so viel Schönheit, wird gerne nur auf alles Negative reduziert - wenn es darum geht, uns in den Dreck zu ziehen, formt sich eine kilometerlange Schlange. Aber man kann uns schlecht reden so lange man will: Neapel war oft am Boden, doch Neapel wird nie sterben.

Morgenpost Online: Ihr Bruder Fabio gewann etliche Titel – war das Bremse oder Ansporn?

Cannavaro: Untereinander besaßen wir nie Probleme. Zu Karrierebeginn war es jedoch eine Belastung, ständig mit Fabio verglichen zu werden. Schließlich gehörte er zu den besten Verteidigern der Welt. Irgendwann fand ich dann endlich meinen eigenen Weg. Früher hieß ich in Neapel Fabios Bruder, heute Paolo Cannavaro. In Parma spielten wir einige Male zusammen, gemeinsam für Napoli wäre natürlich das Nonplusultra gewesen, da Fabio ebenfalls seit jeher zum Klub hält. Jetzt ist es allerdings zu spät.

Morgenpost Online: Wie erklärt sich der rasante Aufstieg von Serie C bis in die Champions League in sieben Jahren?

Cannavaro: Das Wichtigste ist, dass der Verein seit dem Neubeginn 2004 in Liga drei ohne Hast ein klares, stringentes Projekt verfolgt. Zunächst mussten viele Opfer erbracht werden. Heute ist es natürlich einfach zum Topklub Napoli zu wechseln, deshalb gilt der Dank vor allem den Spielern, die sich durch die dritte und zweite Liga gekämpft haben.

Morgenpost Online: In der Champions League galt der SSC für viele als schwächstes Team der Gruppe. Nun hat man vier Punkte nach zwei Spielen.

Cannavaro: Für uns Spieler ist das überhaupt keine Überraschung. Wir sind selbstbewusst genug, es mit jedem aufzunehmen. Viele hatten uns als Gruppenletzten auf dem Zettel – sie sehen uns jetzt wohl mit anderen Augen .

Morgenpost Online: Geht es gegen die Bayern also um Platz eins und zwei?

Cannavaro: Nein. Nach den beiden Prüfungen gegen Bayern werden wir sehen, wo Napoli im internationalen Vergleich tatsächlich steht und was wir realistisch erreichen können. Denn die Münchner gehören zu den stärksten Teams der Welt.

Morgenpost Online: Wen fürchten Sie am meisten?

Cannavaro: Mich beeindruckt Robben schon seit Jahren ungemein. Auch wenn er nicht spielen wird, werden wir gegen diese grandiose Offensive alle Hände voll zu tun bekommen. Ich muss jede Sekunde konzentriert sein gegen diese gigantische Bestie da vorne (lacht). Gomez ist ein Klasse-Stürmer, verlierst du ihn kurz aus den Augen, zappelt der Ball schon im Netz. Besonders gern sehe ich Schweinsteiger - aggressiv, überragende Technik und Taktik, gutes Auge, einer der aktuell besten Spieler der Welt.

Morgenpost Online: Was halten Sie generell vom deutschen Fußball?

Cannavaro: Ich mag die Bundesliga, weil du nie genau weißt, wer den Titel holt. Im Gegensatz zu Spanien, Italien, England oder Frankreich, wo stets dieselben Teams alles unter sich ausmachen. Zudem ist es phänomenal, die herrlich vollen Stadien und tollen deutschen Fans zu sehen. Ich freue mich schon riesig auf die Partie in der Allianz Arena, das wird eine besondere Emotion. Auch wenn sich die Neapolitaner dort lautstark Gehör verschaffen werden.

Morgenpost Online: Verglichen zur Bundesliga hat die Reputation der Serie A zuletzt gelitten. Woran liegt das?

Cannavaro: Im Gegensatz zu anderen Ländern gelingt Italien nicht der Schritt nach vorne. Das Gewaltproblem wurde durch Gesetze weitestgehend in den Griff bekommen, doch sonntags weiß man nie genau, was passieren könnte. In puncto Skandale bekommt man fast den Eindruck, dass jedes Jahr ein neuer hinter der Ecke lauert. Das ist ungemein traurig, bedenkt man die Passion, die wir Italiener für den Calcio empfinden. Doch irgendwann bekommen auch wir das irgendwie hin.

Morgenpost Online: Napoli ist derzeit allerdings ein edles Export-Produkt des italienischen Fußballs.

Cannavaro: Der SSC ist sicherlich ein frisches, sauberes Gesicht und erringt Sympathien mit attraktivem, schnellen Offensivspiel. Doch da sind wir nicht die einzigen in Italien. Es existieren reichlich junge Trainer, die offensiv spielen lassen. Im Ausland mag man Italien immer noch mit Catenaccio gleichsetzen, doch der Catenaccio liegt im Sterben.