Box-Weltmeister

Klitschko – "Jeder Kampf könnte mein letzter sein"

Box-Weltmeister Vitali Klitschko spricht nach dem Fight gegen Tomasz Adamek über seinen kleinen Ausrutscher, seine Vorliebe für hartes Training und das Karriereende.

Vitali Klitschko erfüllte die Prophezeiung seines Trainers Fritz Sdunek , der behauptet hatte, der 40-Jährige werde trotz seines fortschreitenden Alters immer besser. Eindrucksvoll verteidigte der Schwergewichtler aus der Ukraine in der neuen Fußballarena von Breslau gegen den polnischen Lokalmatador Tomasz Adamek (34) seinen Weltmeistertitel des World Boxing Council (WBC). Zehn Millionen Fernsehzuschauer bei RTL und 44.500 Augenzeugen im ausverkauften Stadion sahen, wie das ungleiche Duell 20 Sekunden vor Ende der zehnten Runde abgebrochen wurde.

Morgenpost Online: Herr Klitschko, Sie sehen aus, als hätten Sie einen Ihrer geliebten Fallschirmsprünge absolviert und nicht einen WM-Kampf.

Vitali Klitschko: Es stimmt, vom Sparring hatte ich mehr blaue Flecken im Gesicht. Glauben Sie mir aber: So leicht, wie es aussah, war es nicht!

Morgenpost Online: Wann hatten Sie den Kampf im Griff?

Klitschko: Nach Adameks ersten Führhänden. Für den Bruchteil einer Sekunde sah ich, dass er, wenn er den linken Jab schlägt, in meinen rechten Cross fällt. Da wusste ich, irgendwann knocke ich ihn aus.

Morgenpost Online: Sind Sie enttäuscht, dass der Ringrichter Sie um einen klassischen Knockout gebracht hat?

Klitschko: Ein wenig schon. Die Krönung ist nun mal ein K.o.-Schlag, gerade im Schwergewicht. Der Ringrichter hat aber richtig gehandelt, denn was Adamek an Schlägen nehmen musste, war an der Grenze zur Gesundheitsschädigung.

Morgenpost Online: Tat er Ihnen leid?

Klitschko: Nein, das ist Boxen. Wer in den Ring steigt, weiß, worauf er sich einlässt.

Morgenpost Online: Der einzige echte Aufreger war, als Sie in Runde acht am Boden lagen.

Klitschko: Ich bin auf Adameks Fuß getreten und ausgerutscht, also nichts Besonderes.

Morgenpost Online: War es das erste Mal, dass Sie zu Boden gegangen sind?

Klitschko: Bitte! Ich bin nicht zu Boden gegangen, sondern unglücklich ausgerutscht. Ich war nie auf dem Boden, und das passiert auch nicht.

Morgenpost Online: Adamek ist sechs Jahre jünger als Sie, er war Weltmeister im Halbschwer- und im Cruisergewicht. Sie waren trotzdem beweglicher und reaktionsschneller. Wie erklären Sie Ihre Dominanz?

Klitschko: Echte Schwergewichtler wie ich und mein Bruder sind ein anderes Kaliber als ein aufgepeppter Cruisergewichtler, der nicht nur viel weniger wiegt, sondern auch noch wesentlich kleiner ist. Allerdings habe ich mich speziell auf Adamek vorbereitet. Am Samstag wog ich nur 107 Kilogramm und war damit etwa sieben kg leichter als sonst. Ich wusste, meine Chancen stehen besser, wenn ich leicht wie nie bin.

Morgenpost Online: Normalerweise nimmt ein Boxer mit dem Alter zu.

Klitschko: Ich weiß, was ich will. Dafür arbeite ich hart. Durch die Verletzungspausen habe ich gelernt, wie entscheidend es ist, auf den Körper zu achten. Heute bin ich dankbar dafür, dass ich öfter mal aussetzen musste, ansonsten würde ich nicht mehr boxen.

Morgenpost Online: Wie ordnen Sie Ihren Sieg ein?

Klitschko: Ich habe gezeigt, dass ich der Stärkste der Welt bin.

Morgenpost Online: Abgesehen von Ihrem Bruder.

Klitschko: Gut, da haben sie recht (schmunzelt).

Morgenpost Online: Wladimir hat angekündigt, am 3. oder 10. Dezember seine Titel der WBA, WBO und IBF zu verteidigen. Boxen Sie 2011 auch noch einmal?

Klitschko: Vielleicht. Jetzt aber widme ich mich erst einmal meiner politischen Arbeit.

Morgenpost Online: Warum boxen Sie in Ihrem Alter überhaupt noch? Geld haben Sie genug verdient, und als Parteivorsitzender Ihrer Ukrainischen Demokratischen Allianz für Reformen mangelt es auch nicht an Herausforderungen.

Klitschko: Ich liebe hartes Training. Es ist der beste Ausgleich zur politischen Arbeit. Lange boxe ich aber nicht mehr.

Morgenpost Online: Was heißt das?

Klitschko: Jeder Kampf könnte mein letzter sein, und so bereite ich mich vor.

Morgenpost Online: Wer wäre denn ein reizvoller Gegner?

Klitschko: Robert Helenius, Alexander Powetkin. Wissen Sie: Ich will mir einen Traum erfüllen. Welchen, sage ich aber nicht.

Morgenpost Online: Vielleicht David Haye k.o. zu schlagen, was Wladimir nicht geglückt ist?

Klitschko: Bei ihm würde ich mich rächen wollen, für sein respektloses Verhalten uns gegenüber. Wenn er bewusstlos am Boden liegt, kann auch ein kaputter Zeh nicht mehr als Ausrede dienen.

Morgenpost Online: Wäre es keine Motivation, den Altersrekord von George Foreman zu brechen, der mit 45 Jahren, zehn Monaten und 25 Tagen noch einmal Schwergewichts-Weltmeister wurde?

Klitschko: Nein, auf keinen Fall!

Morgenpost Online: Oder mit den meisten Titelverteidigungen in die Geschichte einzugehen. Rekordhalter ist Joe Louis mit 25.

Klitschko: Auch das ist illusorisch.

Morgenpost Online: Oder derjenige zu sein, der am längsten einen WM-Titel besessen hat?

Klitschko: Wer ist das?

Morgenpost Online: Auch Louis – mit elf Jahren, sieben Monaten und 252 Tagen.

Klitschko: Das sind alles Rekorde, die Wladimir brechen kann. Er ist noch jung.