Bundesliga-Letzter

HSV entlässt Trainer Oenning trotz Treueschwur

Der Hamburger SV hat sich von Trainer Michael Oenning getrennt. Nun betreut vorerst der Coach der zweiten Mannschaft das Bundesliga-Schlusslicht.

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Am Montagnachmittag rumorte es in der Geschäftsstelle des Hamburger SV, und Michael Oenning wurde von der Klubführung einbestellt. Die Vereinsoberen verkündeten dem Trainer dann, dass ihm nicht mehr zugetraut werde, die rasante Talfahrt der Mannschaft stoppen zu können. Oenning reagiert mit Verständnis. „Es ist auch für mich nachvollziehbar, dass der Verein in der jetzigen Situation einen anderen Weg geht“, sagte er. Für den schlechtesten Bundsligastart in der Geschichte des HSV übernahm er damit die Verantwortung.

Schlussendlich fehlte es ihm an Rückendeckung, denn auch von Spielerseite hatte es bereits Kritik gegeben. Etwa von Stürmer Mladen Petric. Im Rückblick auf das 0:1 gegen Mönchengladbach hatte der Kroate gesagt, er habe sich mangels Anspielen gefühlt „wie ein Kronleuchter, der in der Luft hängt. Aber der Trainer hat uns so aufgestellt, dann spielen wir auch so“. Für Oenning soll nun erst einmal Jugendtrainer Rodolfo Esteban Cardoso (42) in die Bresche springen. Der Klub verkündete, sich „fortan intensiv mit einer Nachfolgeregelung“ zu beschäftigen.

Noch am Tag vor der Entlassung hatte es wenig Hinweise auf diese Entwicklung gegeben. Ganz im Gegenteil, vollmundig wurden da noch Treueschwüre abgegeben. Etwa von Sportchef Frank Arnesen. „Ich stehe 100-prozentig hinter dem Trainer“, versicherte der Däne. Oenning sei sein „Plan A, B und C“, der Trainer sitze gegen Stuttgart am Freitag „zu 100 Prozent auf der Bank“. Wie zum Beweis beschreib er das kommende Szenario: „Nächsten Donnerstag sitzen wir im Flugzeug nach Stuttgart, und Michael Oenning ist dabei.“ Das Ticket wird der HSV nun stornieren müssen.

Kapitän Heiko Westermann war ohnehin schon ins Grübeln geraten. „Ich denke“, antwortete er auf die Frage nach der Rolle des Trainers, „dass jeder an Punkten gemessen wird. Wir haben sechs Spiele und einen Punkt.“ Auch der Vereinsvorsitzende Carl-Edgar Jarchow wollte dem Trainer keine langfristige Jobgarantie geben. Was passiere, sollte es am Freitag in Stuttgart erneut eine Niederlage setzen, ließ der FDP-Politiker offen. „Wir haben vereinbart, darüber keine Aussagen zu treffen. Die sportliche Leitung wird die notwendigen Maßnahmen treffen“, sagte Jarchow am Sonntag. Welche Rolle er bei der Entlassung spielte, ist unklar.

Schon 13 Spiele ohne Sieg

Klar ist nur, dass der HSV in der Zwickmühle steckte. Einerseits sprach nichts mehr dafür, an Oenning festzuhalten. Saisonübergreifend stand der 45 Jahre alte Trainer seit März und damit 13 Spiele ohne Sieg da. Andererseits wollte der Klub vom Image des Vereins wegkommen, bei Gegenwind und aufkommender Krise sofort den Trainer zu entlassen. Seit dem Rauswurf von Frank Pagelsdorf am 17. September 2001 war Oenning der zehnte Trainer beim HSV. Allein der dienstälteste HSV-Spieler David Jarolim (32) bekam es mit neun Vorgesetzten zu tun.

Dass Oenning dennoch vergleichweise lange dilettieren durfte, hatte er zu einem Gutteil dem Erbe des ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Bernd Hoffmann zu verdanken. Der ehrgeizige Macher hatte nach achtjähriger Regentschaft seine Spuren im Verein hinterlassen – nicht nur im finanziellen Bereich, wo aus der vergangenen Saison ein Minus von knapp fünf Millionen Euro aufgelaufen war. Weil die wirtschaftliche Lage insgesamt als prekär eingestuft wurde, musste der Spieleretat von 47 Millionen Euro auf 35 Millionen reduziert werden.

Raum für teure Transfers gab es nicht. Sportchef Arnesen gab zu, dass er angenommen hatte, „dass ein bisschen mehr Geld da ist“. Seine Shoppingtour endete deswegen meist bei seinem ehemaligen Klub FC Chelsea. Allein fünf Bundesliga-unerfahrene Spieler setzte der Däne Oenning vor. Von vornherein war es für den Trainer also eine recht schwierige Mission. Der HSV sei „gerade das größte Projekt in der Bundsliga. Aber das versteht noch keiner“, hatte Arnesen vergangene Woche gesagt. Augenscheinlich aber traute er dem Projektleiter dann doch nicht mehr über den Weg.

Scharfe Kritik von Idol Seeler

Während in Hamburg bereits Namen für die Nachfolge Oennings gehandelt werden, hatte am Vorabend bereits Franz Beckenbauer ein vernichtendes Urteil. „Ich kenne keinen Trainer auf der Welt, der dem HSV helfen könnte“, sagte Beckenbauer in der Fußball-Talkshow „Sky90“: „Ein neuer Trainer müsste ein Zauberer sein – vielleicht kann ein Zauberer vom Zirkus helfen. Ein normaler Mensch hätte kurzfristig keine Chance.“ Auch HSV-Idol Uwe Seeler lässt kein gutes Haar an seinem Klub. „Es wird nicht besser, es wird immer schlechter. Die Mechanismen im Bundesligafußball sind automatisch, wenn du nicht absteigen willst.“

Seeler hat allerdings nicht nur den Trainer als Sündenbock ausgemacht: „Die älteren Spieler haben die Mannschaft auch nicht im Griff. Wir haben in Marcell Jansen, Mladen Petric, Heiko Westermann, Dennis Aogo, David Jarolim und Paolo Guerrero sechs erfahrene Spieler im Team. Das sind alles keine Anfänger, sie müssen das Heft in die Hand nehmen und die jungen Spieler führen. Wenn die nicht in die Socken kommen, dann wird es für den HSV furchtbar schwer.“

Oenning selbst ließ zumindest nichts unversucht. Sechsmal schickte er sein Team aufs Feld, sechsmal wählte er unterschiedliche Aufstellungen. Gegen Mönchengladbach versuchte er es zuletzt mit sieben Defensivspielern – und scheiterte. Das Tor zum 0:1 war bereits das achte Gegentor (von insgesamt 17) nach Standardsituationen. Vorn harmlos, hinten hilflos – der HSV gibt 2011 ein trauriges Bild ab.

Die Ära Oenning wird als eines der dunkelsten Kapitel in die HSV-Chronik eingehen. Denn schaffen die Norddeutschen auch am Freitag in Stuttgart keinen Sieg, droht der saisonübergreifende Minusrekord von 14 Spielen in Serie ohne Erfolg. Das schaffte bisher nur Josef Schneider. Der war seinen Job als HSV-Trainer im Jahr 1967 nach dem 14. Spiel in Folge ohne Erfolg allerdings auch los.