VfL Wolfsburg

Im Sommerschlussverkauf setzt Magath auf Oldies

Der Wolfsburger Trainer tut wieder das, was er am besten kann: einkaufen. Um weitere Zugänge finanzieren zu können, muss Diego abgegeben werden.

Foto: pa/ dpa (3) / pa/ dpa (3)/Dominique Leppin

Kritische Fragen zu seiner Personalpolitik lächelt er einfach weg, süffisant und ein wenig spöttisch. Als Felix Magath am Dienstag zwischen Trainingsplatz und Spielerkabine erklären sollte, ob der Kader des VfL Wolfsburg mit mittlerweile 34 Profis nicht doch ein wenig großzügig besetzt sei, hob der 58-Jährige zu einer kuriosen Erklärung an. „Irgendwann müssen wir auch mal was verpflichten. Wir können ja nicht immer nur vom Nachwuchs leben“, sagte Magath.

Sätze wie diese muten aus dem Mund eines Fußballtrainers, dessen Team sich zu einer Ansammlung erfahrener, aber von der Konkurrenz eben auch aussortierter Routiniers wandelt, merkwürdig an. Um den Erfolg kurzfristig zu erzwingen, genehmigt sich Magath einen ähnlichen Kaufrausch wie zu seiner turbulenten Zeit bei Schalke 04. Beim VfL Wolfsburg kauft er jetzt aus Angst vor Niederlagen fertige Spieler in Serie, von denen die Mehrheit bereits ein fortgeschrittenes Alter erreicht hat.

Wirtschaftlich vernünftig handeln, das war Magaths Maxime für seine neue Saison mit dem VfL Wolfsburg. Nach dem 3. Spieltag bleibt festzuhalten, dass die Wolfsburger zwar nur noch in Ausnahmefällen hohe Ablösen überweisen. Aber die Verpflichtungen von ehemaligen Größen, die zuletzt keinen neuen Arbeitgeber finden konnten und jetzt mit langfristigen Verträgen an den Mittellandkanal gelockt werden, haben eben auch ihren Preis. Zu früheren Stars wie Hasan Salihamidzic (34) und Thomas Hitzlsperger (29) haben sich am Montag der Grieche Sotirios Kyrgiakos (32, FC Liverpool) und der Kroate Hrvoje Cale (26, Trabzonspor) gesellt. Auch der Brasilianer Chris (32), in der vergangenen Saison nach einer Bandscheibenoperation von Eintracht Frankfurt aussortiert, wird wohl in den nächsten Tagen Magaths Ruf folgen.

„Wenn Fußballspieler gute Leistungen bringen, spielt das Alter keine Rolle“, versichert der frühere Nationalspieler Hitzlsperger, den Magath aus der Arbeitslosigkeit heraus zum Stammspieler gemacht hat. Gleiches wird dem schwergewichtigen Innenverteidiger Kyrgiakos widerfahren, der am Samstag in der Partie beim SC Freiburg bereits zum Einsatz kommen soll.

Das Nachbessern an einem Kader, mit dem der VfL Wolfsburg am Ende der vergangenen Saison fast abgestiegen wäre, wollten sie still und heimlich vollziehen. Der leicht ramponierte Ruf von Felix Magath, den er sich mit einem gnadenlosen Heuern und Feuern von Spielern auf Schalke erworben hat, sollte nicht noch weiter leiden. Und die Bilanz seines vom Volkswagen-Konzern bezahlten Lieblingsklubs, für den sein Vorgänger Dieter Hoeneß im Winter noch sechs Zugänge nachgekauft hatte, sollte ein wenig geschont werden.

Aber nach dem blamablen Ausscheiden im DFB-Pokal beim Viertliga-Verein RB Leipzig und einem schwachen Bundesliga-Start mit gerade einmal drei Punkten aus drei Begegnungen sieht sich Magath zu einer frühen Kurskorrektur gezwungen. „Wir haben keine Zeit mehr. Ich brauche Spieler, die die Bundesliga kennen und sofort einsatzbereit sind“, sagt der Trainer, Manager und Geschäftsführer der Niedersachsen.

Mit aller Macht in den Europacup

Mit seinen jüngsten Transfers stellt der Routinier die bestehende Hackordnung seiner Mannschaft auf eine harte Probe. Er hofft darauf, mit altgedientem Personal seine Ziele zu erreichen. Der VfL Wolfsburg soll mit aller Macht in einen internationalen Wettbewerb gehievt werden. Ob Außenstehende sein neues Team als „Rentnerkombo“ oder „Söldnertruppe“ bezeichnen, ist Magath völlig egal. Wie es dabei den fünf Talenten aus dem VfL-Nachwuchs geht, die er vor kurzem noch in den Profikader berufen hat und jetzt an den Rand drängt, vermutlich auch.

Oberflächlich betrachtet hat sich Magath mit seinem Experiment vom 3. Spieltag selbst Recht gegeben. Sein Oldie Salihamidzic musste wegen einer Verletzung früh vom Platz, und Michael Schulze (22) wirkte nach seiner Einwechslung überfordert und hatte bei seinem unglücklichen Bundesliga-Debüt wesentlichen Anteil an der Niederlage in Mönchengladbach (1:4). „Ich habe es mit ein paar Spielern aus der eigenen Jugend versucht, aber der Sprung ist zu groß“, findet Magath und schlägt einen neuen Weg ein, den er deutlich aussichtsreicher findet.

Die aufgerückten Talente des VfL Wolfsburg, dessen A-Junioren immerhin Deutscher Meister sind, hat er in den Trainingslagern gescheucht und zu Extraeinheiten verdonnert. Aber jetzt lässt er lieber die reife Generation auf die Liga los. „Chris hat in der Bundesliga immer überzeugt. Sein Körper wird entscheiden. Aber ich denke, wir werden ihn auch verpflichten“, sagt Magath über den Brasilianer, den die Ärzte in Wolfsburg zwar für bundesligatauglich befunden haben, der aber seit Monaten nur individuelles Training fernab von Wettkampfpraxis absolvieren konnte.

Es lässt sich nur erahnen, was Magath in seiner sportlichen Not mehr antreibt: Sein eigener Ehrgeiz und der Anspruch, zu den besseren Teams in der Tabelle zu zählen, oder die Vorgabe seiner Geldgeber, die ihr millionenschweres Engagement gegenüber den Kunden und Mitarbeitern nicht erneut im Kampf um den Klassenverbleib versinken sehen wollen. Bis zum 31. August bleibt dem VfL-Boss noch Zeit, den unerwünschten Spielgestalter Diego und den überforderten Innenverteidiger Simon Kjaer zu verkaufen.

Diego und Kjaer blockieren weitere Neue

Das von Vorgänger Dieter Hoeneß für mehr als 25 Millionen Euro verpflichtete Duo scheint der Grund zu sein, warum nicht sogar weitere Profis verpflichtet worden sind. Am Dienstag weilte Djair da Cunha, Diegos Vater und Berater, nach „Morgenpost Online“-Informationen in der spanischen Hauptstadt, um einen Wechsel zu Atletico Madrid voranzutreiben. Vollzug wurde noch nicht vermeldet.

„Schaun mer mal“, antwortete Magath am Dienstag auf die Frage, ob er noch weitere Profis holen möchte. Mit seinen bisher unter Vertrag stehenden Spielern, die die hohen Erwartungen nicht erfüllen konnten, hat er wenig Mitleid. „Ich habe der Mannschaft gesagt, dass es Konsequenzen hat, wenn es nicht funktioniert“, sagt Magath. Die angedrohten Repressalien sind nicht die im Training so gefürchteten Medizinbälle, sie heißen Kyrgiakos, Cale und Chris. Dreimal der fleischgewordene Beweis, dass sich unter Magaths Führung kein Profi seines Arbeitsplatzes sicher sein darf.