Tabellenletzter

Könnten Diego oder Rosicky dem HSV helfen?

Nach der Heimpleite gegen Köln geht der HSV als Schlusslicht in die Länderspielpause. Eventuell soll das Team mit einem Regisseur verstärkt werden.

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Es war ein rasantes Spiel, eine Achterbahnfahrt der Emotionen, keine Frage. Aber dass die Verantwortlichen des Hamburger SV n ach der Niederlage im Kellerduell mit dem 1. FC Köln (3:4) und dem Absturz auf den letzten Tabellenplatz der Fußball-Bundesliga in der Gruppe an einem Schwindelanfall litten, kam dennoch überraschend. Zumindest ließen einige ziemlich wirre Aussagen in den Minuten nach dem Abpfiff darauf schließen.

Den Anfang machte Michael Oenning. „Es gibt keinen Anlass, Trübsal zu blasen. Die Mannschaft hat zum ersten Mal gezeigt, welche Möglichkeiten in ihr stecken. Diese Leistung dient als Grundlage, um zu sagen: ‚Das war der erste Schritt in die richtige Richtung’“, stellte der Trainer fest. Dann gab er allen Anhängern des HSV noch einen sicher nett gemeinten Rat mit auf den Weg: „Wir sollten uns von der Tabelle lösen, nach vorn schauen und alle Kräfte bündeln. Wenn wir das auf eine gute Art und Weise machen, dann werden wir gestärkt aus dieser Situation hervorgehen.“

Oenning, der im März nach der Entlassung von Armin Veh vom Assistenten zum Chef befördert worden war, darf sich weiter darin versuchen, das Team zu stärken. Trotz seiner historisch miesen Bilanz, nur eines von zwölf Meisterschaftsspielen gewonnen zu haben – nie zuvor seit der Gründung der Bundesliga 1963 war ein Trainer des HSV schlechter. „Wir halten zu ihm und werden das gemeinsam durchstehen. Ich habe eine deutliche Entwicklung gesehen“, sagte Sportdirektor Frank Arnesen, der sich ebenso krampfhaft wie der Trainer darum bemühte, positive Aspekte in den Vordergrund zu stellen: „Ich laufe jetzt nicht durch das Stadion und rufe: ‚Hurra, hurra!’ Aber ich habe viele Ansätze gesehen, die mir Hoffnung machen.“ Noch einmal zur Erinnerung: Der HSV hatte gerade im eigenen Stadion gegen Köln verloren, den einzigen Klub, der zuvor noch schlechter dastand.

Arnesen hielt sich an Oennings Vorschlag und klammerte aus, dass die Hamburger erstmals seit vier Jahren – damals unter Thomas Doll, der dann von Huub Stevens abgelöst wurde – das Tabellenende zieren. „Es ist zu früh, alles nur am Klassement festzumachen. Es liegen noch 30 Runden vor uns. Wir haben unsere beste Saisonleistung geboten, in 90 Minuten mehr Chancen herausgearbeitet als in den drei Spielen zuvor zusammen. Und wir haben drei Tore geschossen“, fasste der Sportdirektor zusammen. Und fügte an: „Leider haben wir vier Gegentreffer zugelassen. Wichtig ist, dass wir jetzt zusammenhalten und gemeinsam hart arbeiten.“

Dieser Meinung schloss sich Carl-Edgar Jarchow an. Der Vorstandschef des HSV war von der Ehrentribüne in die Katakomben der Arena geeilt, um zu versichern, dass die Führung nicht die Nerven verlieren werde. Für den 56-Jährigen, der im März die Nachfolge von Bernd Hoffmann angetreten hatte, ist es die erste sportliche Krise als Vereinsboss. Mit Mangel an Erfahrung ließe sich der Schlingerkurs erklären, den er vor den verschiedenen Stationen im Arbeitsbereich der Reporter vollzog. „Ich führe keine Diskussion über Michael Oenning, das Thema gibt es bei uns nicht“, sagte er zunächst. Dann stellte Jarchow fest, dass die Führung den Profis „kein Alibi“ geben wolle und er der Meinung sei, ein Trainer müsse grundsätzlich „bis Weihnachten“ die Chance erhalten, sich zu beweisen. Ein paar Minuten später schien er dann weich geklopft: „In diesem Moment halten wir zu ihm. Dass er am Ende Punkte holen muss, wissen wir alle. Das weiß auch er.“

In der zweiwöchigen Länderspielpause, erklärte Jarchow, sei Oenning auch als Psychologe gefordert. Der Mannschaft fehle es nämlich nach den jüngsten Rückschlägen am Vertrauen in die eigene Stärke und daher an der nötigen Stabilität. „Wir müssen die Zeit nutzen, uns wieder aufzurichten. Bevor es in der Bundesliga weitergeht, haben wir ja Freundschaftsspiele, in denen sich die Jungs Selbstvertrauen holen können.“ Am Mittwoch geht es zum Fünftligaklub FC Bremerhaven.

Während ihr Vorgesetzter gedanklich schon zum Testkick am Elbe-Weser-Dreieck abschweifte, waren Oenning und die Hamburger Profis dabei, das Geschehene zu verarbeiten. „Das Spiel spiegelt vieles wider, was wir durchmachen. Wir waren voller Emotion, Ehrgeiz und Optimismus, aber was in den letzten Minuten passiert ist, lässt sich schwer erklären“, sagte Linksverteidiger Dennis Aogo.

Der HSV war durch Mladen Petric (11.) in Führung gegangen, dann trafen Adil Chihi (21.) und Milivoje Novakovic (49.) für Köln. Die Hamburger wehrten sich, Zugang Slobodan Rajkovic (59.) und Heung Min Son (62.) drehten das Spiel, doch die Gäste schlugen durch Christoph Clemens (84.) und Kevin McKenna (88.) erneut zurück. Beide profitierten von groben Fehlern der Hausherren. Beim Siegtreffer griff Torwart Jaroslav Drobny daneben, dem schon gegen Hertha BSC (2:2) ein Schnitzer unterlaufen war.

„Wenn du solche Tore kassierst, ist das wie auf dem Schulhof“, ärgerte sich Mittelfeldspieler David Jarolim, und Angreifer Petric stellte genervt fest: „Das ist auch eine Sache der Konzentration. Es kann nicht angehen, dass wir uns alles selbst kaputt machen.“ Oenning berichtete, dass seine Mannschaft nach dem Schlusspfiff in der Kabine „wie ein Häuflein Elend“ gewirkt hätte.

Nach dem Fehlstart mit einem Punkt aus vier Spielen wollen die Verantwortlichen vor dem Ende der Transferperiode am Mittwoch Veränderungen am Kader vornehmen. Eljero Elia steht zum Verkauf, zuletzt hatte Juventus Turin acht Millionen Euro geboten. Kommt es zu einer Einigung, soll das Geld in einen „kreativen Mittelfeldspieler“ (Arnesen) investiert werden. Als Kandidaten gelten der beim VfL Wolfsburg aussortierte Diego und der frühere Dortmunder Tomas Rosicky (FC Arsenal).