Box-Weltmeister

Warum Vitali Klitschko Sterbehilfe befürwortet

Weltmeister Vitali Klitschko spricht im Interview mit Morgenpost Online über die Risikosportart Boxen, das Krebsleiden seines Vaters und seine ahnungslosen Kinder.

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Die Aufenthalte im Tiroler Prominentenhotel „Stanglwirt“ schätzt Vitali Klitschko für gewöhnlich sehr. Obwohl der WBC-Boxweltmeister im Schwergewicht zum Arbeiten in den Bergen ist, sind Trainingscamps für ihn „wie ein Besuch im Sanatorium“. Doch in der Vorbereitung auf das Duell mit dem Polen Tomasz Adamek am 10. September in Breslau musste sich der 40 Jahre alte Ukrainer zu Beginn mit ungewohnten Unannehmlichkeiten arrangieren. Anfang August reiste er für ein paar Tage in die Heimat, weil die dortigen politischen Verhältnisse seine Anwesenheit erforderten. Die am Montag begonnene Sparringsphase will er jedoch ohne Unterbrechungen durchziehen.

Morgenpost Online: Herr Klitschko, Mitte Juli haben Sie Ihren 40. Geburtstag gefeiert. Manche Menschen stürzt das Älterwerden in eine Krise. Wie geht es Ihnen damit?

Vitali Klitschko: Als Jugendlicher habe ich gedacht, du bist mit 40 schon fast ein Opa. Heute denke ich, dass diese Zahl nur auf dem Papier steht. Wichtig ist allein, wie du dich fühlst. Mein körperlicher Zustand ist Gott sei Dank so, dass es mir besser geht als mit 30.

Morgenpost Online: Haben Sie eine Erklärung dafür, warum das so ist?

Klitschko: Ich passe einfach besser auf meinen Körper auf, weil ich ihn viel genauer kenne als vor zehn Jahren. Und ich achte wesentlich mehr auf meine Ernährung. Ich habe gelernt, dass du einen Sportwagen nicht mit Normalbenzin betanken kannst. Also esse ich nur noch Dinge, die für den Körper wichtig sind. Alkohol und Nikotin habe ich auch früher nicht konsumiert, aber ich arbeite heute professioneller.

Morgenpost Online: Welcher Körperteil tut Ihnen am meisten weh, wenn Sie morgens aufstehen?

Klitschko: Sie mögen es nicht glauben, aber mit 30 taten mir einige Stellen weh. Heute keine einzige. Ich spüre, wie gut es mir tut, dass ich gesund lebe und eine Balance finde aus Belastung und Entspannung.

Morgenpost Online: Als Leistungssportler werden Sie regelmäßig gründlich medizinisch durchgecheckt. Was tun Sie darüber hinaus für Ihre Gesundheit?

Klitschko: Nicht viel, denn dreimal im Jahr werden mein Herz-Kreislauf-System, mein Gehirn und mein Blut untersucht. Das ist eine optimale Versorgung.

Morgenpost Online: Ist es als Boxer schwierig, eine Krankenversicherung zu finden?

Klitschko: Natürlich, keine Versicherung hat gern Klienten, die Risikosportarten betreiben. Aber ich bin privat versichert und sehr zufrieden.

Morgenpost Online: Wie steht es mit Vorsorgeuntersuchungen auf Krebs? Das Thema ist in Ihrer Familie ja leider präsent, Anfang Juli starb Ihr Vater an einem Krebsleiden.

Klitschko: Ja, Wladimir und ich nehmen die Prävention ernst und haben auch schon Magen-Darm-Spiegelungen hinter uns gebracht. Kein schönes Thema…

Morgenpost Online: …aber eines, was Ihnen in den vergangenen Monaten sicherlich sehr präsent war. Schließlich haben auch Sie und Ihr Bruder das Reaktorunglück in Tschernobyl, das mutmaßlich die Krebserkrankung Ihres Vaters ausgelöst hat, hautnah miterlebt. Ist die Angst groß, dass auch Sie geschädigt sein könnten?

Klitschko: Menschen, die in einer Zone mit stark erhöhter Strahlung gelebt haben wie wir, haben ein erhöhtes Risiko, an Krebs zu erkranken. Du musst das wissen, aber du darfst nicht ständig daran denken, sonst wirst du verrückt im Kopf.

Morgenpost Online: War der Tod Ihres Vaters für Sie ein Anlass, über das Thema Sterben genauer nachzudenken?

Klitschko: Selbstverständlich, es war eine schwierige Zeit, und ich wusste nicht wirklich, wie ich damit umgehen sollte. Sehen Sie, lediglich meine Mutter und ich waren von den Ärzten eingeweiht worden, wie schlimm es um meinen Vater stand. Sie haben ihm nur noch wenige Wochen gegeben. Wir haben es ihm nicht gesagt, er hat es nicht erfahren, bevor er eingeschlafen ist, weil wir nicht wollten, dass er sich zusätzlichen Stress macht. Das war für die ganze Familie natürlich eine große psychische Belastung.

Morgenpost Online: Wie haben Sie es Ihren Kindern beigebracht, dass der Opa gestorben ist?

Klitschko: Noch gar nicht. Wir haben noch nicht den Mut gefunden, es ihnen zu sagen, und ich weiß auch noch nicht genau, wie wir es machen werden.

Morgenpost Online: Haben Sie, nachdem Sie Ihren Vater beim Sterben begleitet haben, Angst vor dem Tod bekommen?

Klitschko: Nein, ich habe davor keine Angst, denn wir können es sowieso nicht ändern, dass wir sterben müssen. Deshalb beschäftige ich mich nicht mit solchen Gedanken. Ich hoffe auch auf ein Leben nach dem Tod.

Morgenpost Online: Haben Sie eine Meinung zum Thema Sterbehilfe?

Klitschko: Ich finde, dass jeder Mensch, der nicht die Kraft zum Durchhalten hat, das Recht zum Sterben haben sollte. Wer Schmerzen nicht ertragen will, dem sollte geholfen werden, einen leichteren Abgang zu bekommen. Aber das ist meine private Meinung.

Morgenpost Online: Sie betreiben einen Sport, der im schlimmsten Fall lebensgefährlich sein kann. Haben Sie eine Patientenverfügung? Wer entscheidet, falls Sie nicht mehr selbst entscheiden können?

Klitschko: Mein Bruder – und im umgekehrten Fall ich für ihn.

Morgenpost Online: Haben Sie ein Testament gemacht?

Klitschko: Nein, darüber habe ich auch noch nie nachgedacht. Ich finde, dass es dafür viel zu früh ist.

Morgenpost Online: Die Welt ist derzeit in Aufruhr: Erst die Umwelt- und Atomkatastrophe in Japan, dann die Weltwirtschaftskrise, dazu politische Unruhen in vielen Teilen der Erde. Was macht Ihnen persönlich am meisten Sorgen?

Morgenpost Online: Ich versuche, mir über nichts davon zu viele Sorgen zu machen. Du darfst Dinge, die du persönlich nicht ändern oder beeinflussen kannst, nicht zu nah an dich herankommen lassen. Jeder Mensch hat in seinem Leben Hindernisse zu bewältigen, und es geht darum, seine Visionen umzusetzen und sein persönliches Glück zu finden.

Klitschko: Sie haben gleich mehrere Visionen: Sie wollen ein erfolgreicher Weltmeister bleiben, gleichzeitig aber auch helfen, die Ukraine nach Europa zu führen und für Demokratie zu kämpfen. Wie lange können Sie sich so eine Doppelbelastung zumuten?

Morgenpost Online: Mich stören diese zwei Karrieren nebeneinander gar nicht, im Gegenteil: Die eine gibt mir Kraft für die andere. Das Wichtigste ist, ein gutes Team zu haben, und das habe ich – sowohl im Sport als auch in der Politik. Jeder Mensch lebt mit Gedanken an die Zukunft, und jeder hofft, dass es ihm und seinen Kindern später einmal besser geht. Diese Hoffnung haben die Menschen in der Ukraine derzeit nicht, und ich kämpfe dafür, dass sie sie irgendwann tatsächlich haben können.

Klitschko: Sie machen vielen Menschen mit Ihrem sportlichen Wirken Freude, Sie versuchen nun auch noch, ihnen politisch Hoffnung zu geben. Ist das Ihr Antrieb – den Menschen Gutes zu tun?

Morgenpost Online: Ich genieße es, erfolgreich zu sein, und ich genieße, dass das, was ich tue, in der Gesellschaft gefragt ist und anderen Menschen Freude macht. Das ist ein schönes Gefühl.

Klitschko: Ist dieses Gefühl das, was Sie nach dem Ende Ihrer sportlichen Laufbahn am meisten vermissen werden? Oder ist es der Wettkampf oder das Training?

Morgenpost Online: Das Training definitiv nicht, denn ich werde auch nach dem Karriereende immer trainieren, weil mein Körper Bewegung braucht wie die Luft zum Atmen. Und den Wettkampf werde ich auch nicht vermissen. Wissen Sie, mit 20 musst du dich und anderen ständig beweisen, dass du der Stärkste bist. Ich will nicht überheblich klingen, aber heute, mit 40, muss ich das nicht mehr, denn ich weiß es.