Bayern-Rotation

Wen lässt Trainer Heynckes gegen Zürich draußen?

Trainer Jupp Heynckes gönnt seinen Stars in München schon früh in der Saison einige Pausen. Das System funktioniert bisher – birgt aber auch Risiken.

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Wer denkt jetzt schon an Weihnachten? In Bayern sonnen sich die Menschen bei 32 Grad Celsius in den Biergärten, wo die Lust auf Glühwein so gering ist wie die Chance des Hamburger SV auf den Meistertitel. Nur Jupp Heynckes beschäftigt sich bereits mit den Festtagen im Dezember.

„Bis Weihnachten haben die Nationalspieler 34 Partien absolviert“, sagt der Trainer des FC Bayern München, und wegen dieser Belastung verordnet er auch seinen Stars mal eine Pause.

Beim 5:0 gegen Hamburg am vergangenen Wochenende überraschte Heynckes alle. Statt Jerome Boateng ließ er Daniel van Buyten in der Innenverteidigung spielen – für Boateng haben die Bayern immerhin 13,5 Millionen Euro an Manchester City gezahlt, er soll in die Rolle des neuen Abwehrchefs hineinwachsen und benötigt Spielpraxis.

Im Hinspiel der Qualifikation zur Champions League gegen den FC Zürich (2:0) drei Tage zuvor hatte der Trainer Thomas Müller draußen gelassen und für ihn Toni Kroos aufgestellt. Heynckes zeigte vor dem Rückspiel am Dienstag in der Schweiz (20.45 Uhr, Sat.1): Meine Rotation hat begonnen. Sie kann jeden treffen.

Der Fußballlehrer macht mit seiner Philosophie bislang alles richtig – van Buyten überzeugte und erzielte das 1:0, und auch Müller wandelte seine Enttäuschung in eine gute Leistung um. „Der Trainer weiß, dass ich sauer bin, weil ich zuletzt nicht gespielt habe. Vor dem Spiel habe ich ihm gesagt, dass ich meinen Frust auf dem Platz zeigen werde. Das habe ich getan“, sagt van Buyten.

Rotation ist für jeden Trainer immer mit Risiko verbunden. Wer nicht spielt, ist schnell unzufrieden. Es erfordert Sensibilität, den Profis die Wechsel zu erklären – und sie bei Laune zu halten. Heynckes gelingt das. Mit all seiner Erfahrung weiß er, wann dem Körper eines Spielers etwas Ruhe gut tut.

So wie Ottmar Hitzfeld, der sogar Leistungsträger wie Oliver Kahn und Franck Ribery mal nicht spielen ließ. Sie schätzten die offenen Gespräche und seine ausführlichen Begründungen für einen Wechsel.

Felix Magath war anders. Profis wie Willy Sagnol beklagten sich nach seiner Entlassung darüber, dass sie unter ihm nicht gewusst hatten, woran sie sind. So fühlte sich auch Miroslav Klose unter Louis van Gaal. Hitzfeld setzte mit Erfolg auf Kommunikation, und Heynckes übernimmt sein Model. „Der Trainer hat das mit mir besprochen. Daniel hat super gespielt. Alle sind zufrieden“, sagte Boateng.

Neben dem Nationalspieler hat Heynckes auch Luiz Gustavo am vergangenen Samstag nicht spielen lassen. Obwohl die beiden maßgeblich dazu beigetragen hatten, dass die Mannschaft in den ersten fünf Pflichtspielen der Saison erst ein Gegentor hinnehmen musste. Gegen den HSV spielte im defensiven Mittelfeld Anatoli Timoschtschuk.

„Jeder bekommt das Gefühl, dass er wertvoll ist“, sagt Heynckes, und Kapitän Philipp Lahm betont: „Es ist nicht nur ein Kampf um die Plätze in der Startelf, auch um die Plätze im Kader. Das zeichnet eine Spitzenmannschaft aus. Jeder hat gesehen, dass wir in der Breite die Qualität haben.“

Tatsächlich lässt Heynckes auch hier rotieren: Mal gehörte Diego Contento nicht zum Aufgebot, mal Daniel Pranjic, und auch Nils Petersen fand sich schon auf der Tribüne wieder.

Der ehemalige Bayern-Trainer Udo Lattek lobt Heynckes: „Im Gegensatz zu meiner Zeit als Trainer stehen heute 25?Spieler zur Verfügung, da macht eine gewisse Rotation schon Sinn. Allerdings brauchst du Spieler, die die Mannschaft im Griff haben, und als Trainer musst du diese Spieler im Griff haben.“

Schmaler Grat

Vor der Partie in Zürich fragen sich Profis und Fans: Wen nimmt Heynckes diesmal raus? Der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge nannte in „Sport Bild“ die Vorteile der Rotation: „Spieler, die in der Champions League nicht gespielt haben, sind dann in der Bundesliga sehr frisch und motiviert. Und es fördert auch noch den Teamgeist.“

Für Heynckes bleibt es dennoch ein schmaler Grat: Er will gute Trainingsleistungen belohnen, andererseits können misslungene Experimente fatale Folgen haben. „Wenn wir den Fehler machen, dass wir arrogant spielen und glauben, dass wir weiter sind, kann es problematisch werden“, sagt Rummenigge.

Boateng geht davon aus, dass er am Dienstag wieder zur Startelf gehört. Und in der Offensive kann Heynckes weniger rotieren lassen als ihm lieb ist. Stürmer Ivica Olic war nach neun Monaten Verletzungspause gerade wieder fit, nun fällt er mit einem Hüftsehnenriss sechs bis acht Wochen aus.

Frühes Tor gefordert

„Wir werden darüber nachdenken, ob wir was tun“, sagt Rummenigge zu möglichen Zugängen. Bis Ende August dürfen die Vereine auf dem Transfermarkt tätig werden. Solange kein neuer Spieler kommt, ist Zweitliga-Torschützenkönig Petersen die Alternative für Mario Gomez .

Wer auch immer am Dienstag in Zürich spielt – Rummenigge fordert ein frühes Tor und den Einzug in die Königsklasse. „Dann herrscht Ruhe."