50 Jahre Mauerbau

Wie Hertha BSC unter der Teilung Berlins litt

Im geteilten Berlin führte Hertha BSC jahrelang ein Schattendasein: Spieler dürfen auf einmal nicht mehr kommen, Fans werden an der Grenze drangsaliert.

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Die Sporttasche legt er auf den Gepäckträger seines Fahrrads. Am frühen Nachmittag macht sich Klaus Taube von Pankow, einem Bezirk im Ostteil Berlins, auf den Weg zum Training. Schon auf den ersten Metern spürt er, dass heute etwas anders ist als sonst. Die Menschen, an denen er vorbeiradelt, wirken unruhig. Im Radio und von Freunden hat Taube zuvor gehört, dass Berlin geschlossen werden soll. Was damit genau gemeint ist, kann er sich erst einmal nicht vorstellen.

Taube, damals 24 Jahre alt, ist Mittelstürmer von Hertha BSC und am 13. August 1961 auf dem Weg zu einer Übungseinheit. Hertha spielt zu diesem Zeitpunkt in der Berlin-Liga und trainiert auf dem Sportplatz an der Behmstraße im Bezirk Wedding. Rund vier Kilometer sind es von Taubes Wohnung in der Tschaikowskistraße bis dorthin. Seit acht Jahren fährt er diese Strecke nun fast täglich. Doch an diesem Tag kommt er nicht mehr in der Behmstraße an.

An der Wollankstraße, der Grenze von Pankow zum Wedding, ist die Fahrt für ihn beendet. Taube beobachtet, wie Angehörige der Nationalen Volksarmee und der Volkspolizei Stacheldraht verlegen. Über Nacht hatte die DDR-Regierung den Auftrag erteilt, Straßen und Gleiswege nach West-Berlin abzuriegeln. Berlin war von nun an eine geteilte Stadt.

„Das war so irreal. Ich stand da an der Grenze und habe nicht verstanden, was hier eigentlich abgeht. Wir hatten uns doch nichts zu Schulden kommen lassen. Und dann so etwas“, erzählt Klaus Taube. Als er auf Nachfrage erfährt, dass er nicht mehr weiter fahren darf, kehrt Taube um. „Innerhalb von wenigen Minuten war an diesem Tag das Kapitel Hertha BSC für mich beendet.“

Ob sich ein Spieler aus dem aktuellen Kader des Berliner Bundesligisten vorstellen kann, was in Klaus Taube damals vorgegangen ist? Wohl kaum. Die Mannschaft von Trainer Markus Babbel, die gestern, am 13. August 2011, beim HSV gespielt hat, war am Freitag in den Bus nach Hamburg gestiegen. Spieler und Trainer fuhren durch ein inzwischen wieder vereinigtes Deutschland – ohne Mauern und Grenzkontrollen.

Klaus Taube hätte mit Hertha gern in der Bundesliga gespielt. Als er am 13. August 1961 zurück in seiner Wohnung ist, stehen seine Kollegen auf dem Trainingsplatz. „Sie können sich gar nicht vorstellen, was das für ein beklemmendes Gefühl war. Klaus Taube, unser großartiger Mittelstürmer, fehlte. Von einem auf den anderen Tag konnte er einfach nicht mehr zu uns kommen“, erzählt Hans-Jürgen Krumnow.

Krumnow ist damals der Torhüter von Hertha und 19 Jahre alt. Er hat viele Kontakte in den Osten, auch Teile seiner Familie leben dort. „Doch auf einmal konnte ich mich nicht mehr frei bewegen. So banal das klingt: selbst neue Tanzlokale musste ich mir suchen. Da ist plötzlich so viel kaputt gegangen.“

Im Gegensatz zu Klaus Taube, der später im Ostteil bei Lichtenberg 47 und Einheit Pankow Fußball spielt, erfüllt sich für Hans-Jürgen Krumnow 1963 der Traum von der Bundesliga. Als Berliner Meister erhält der Klub vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) die Lizenz für die neue Liga. Am 24. August 1963 bestreitet Hertha vor 55.000 Fans das erste Bundesligaspiel gegen den 1. FC Nürnberg.

Doch in der eingemauerten Stadt wird es zunehmend problematischer für Hertha, sich als attraktiver Arbeitgeber zu empfehlen. Deshalb bieten die Verantwortlichen einigen Spielern, die laut DFB-Statut maximal 1200 Mark verdienen dürfen, Vergünstigungen. Sie zahlen hohe Handgelder, also eine Art „Berlin-Bonus“ – und werden dabei 1965 erwischt. Der DFB schickt Hertha BSC zur Strafe in die Regionalliga.

„Wir haben natürlich von den Geschichten mit den angeblich zu hohen Gehältern gehört“, erzählt Torhüter Krumnow, der bis 1969 bei Hertha gespielt hat und heute in der Lüneburger Heide lebt. „Aber wir Spieler haben uns gefragt, ob der DFB vielleicht bloß einen Grund gesucht hat, uns aus der Bundesliga zu schmeißen, damit die westdeutschen Vereine nicht mehr für teures Geld nach Berlin fliegen müssen.“

Geografisch abgekapselt vom Westen wird das Flugzeug für Hertha zum Verkehrsmittel Nummer eins. Vor allem in den 70er Jahren. Der Verein ist wieder in der Bundesliga, wird 1975 sogar Vizemeister und erlebt erfolgreiche Jahre, auch im Europapokal. Doch die Berliner Mauer wirft ihre Schatten auch auf Hertha. Wenn Fans mit dem Bus zu Auswärtsspielen fahren, erleben sie an der Grenze Repressalien. „Der Busfahrer musste auf einer Liste alle Insassen und deren Sitzplatz notieren. Wenn die DDR-Grenzer unsere Pässe kontrolliert haben und einer nicht genau dort gesessen hat, wo er laut Liste hätte sitzen müssen, haben sie uns oft bis zu 90 Minuten warten lassen“, berichtet Manfred Sangel, 51, seit 40 Jahren Hertha-Anhänger. „Die Grenzer haben sich einen Spaß daraus gemacht. Sie wussten, dass wir dann den Anpfiff verpassen würden.“

Doch Sangel und seine Freunde haben sich von den Schikanen nicht entmutigen lassen. 1978 begleiten sie Hertha zu einem internationalen Freundschaftsspiel nach Dresden. Die Berliner Fans werden nach ihrer Ankunft zwar von der Staatssicherheit beobachtet, „aber wir hatten trotzdem unseren Spaß“, sagt Sangel. Auch zu Union Berlin, dem Arbeiterverein aus dem Ostteil der Stadt, geht Sangel immer öfter. Es gibt zwar die Berliner Mauer. Doch die Fanfreundschaft kann sie nicht verhindern. Plötzlich hallen in den Stadien die Hymnen des jeweils anderen Klubs.

Doch selbst die Spieler von Hertha, die im Westteil der Stadt ein freies Leben genießen, werden hin und wieder mit dem Staatsapparat jenseits der Mauer konfrontiert. Jürgen Milewski, 1978 aus Hannover nach Berlin gekommen und heute Spielerberater, wartet am Morgen des 2. November 1978 mit seinen Teamkollegen auf dem Flughafen in Tiflis/Georgien auf die Rückreise vom Europacupspiel. Über den Ostberliner Flughafen Schönefeld geht es zurück nach West-Berlin. Hertha-Offizielle bemerken am Schalter in Tiflis vier Ostberliner, die ihren Flieger verpasst haben und spendieren ihnen die Rückreise in der Hertha-Maschine. „Als wir in Schönefeld waren, kamen Stasileute und haben die vier Jungs gleich abgeführt. Das war unfassbar“, erinnert sich Milewski.

Nach dem Bundesliga-Abstieg 1980 wechselt Milewski zum HSV. Hertha BSC dagegen führt fortan ein tristes Dasein in der Zweiten Liga, das 1986 sogar zum Absturz in die Oberliga führt. Nach zwei Jahren der Konsolidierung schaffen die Berliner die Zweitligarückkehr. Aus Aachen stößt Theo Gries zur Hertha. Der Stürmer ist damals 27 Jahre alt. „Ich wusste natürlich um die besondere politische Situation in der Stadt. Aber für mich als Sportler zählte vorrangig die Herausforderung. Erst als ich in Berlin gelebt habe, habe ich gemerkt, was diese Mauer wirklich bedeutet“, sagt Gries.

Der Stürmer konzentriert sich zwar auf den Fußball mit Hertha. Doch er möchte mehr erfahren über die geteilte Stadt, in der er noch heute lebt. Bald finden Mannschaftsabende auch mal in Ostberlin statt. Bis den Profis eines Tages die Einreise verwehrt wird. „Das war 1989 in den Wochen vor dem Mauerfall, als es im Osten mit den Montagsdemonstrationen losgegangen ist. Da haben sie uns an der Grenze erkannt und gemeint, wir seien ja aus West-Berlin und würden nur in der Absicht rüber kommen, um als konterrevolutionäre Kräfte den Aufstand zu unterstützen“, berichtet Gries.

So grotesk diese Unterstellung war, so überwältigend war am 9. November 1989 dann der Mauerfall. Theo Gries kommt am nächsten Morgen in die Kabine und sieht seinen Mitspieler Christian Niebel weinen. „Ich dachte, er sei verletzt, weil er beim Masseur gestanden hat. Doch dann hat er weinend erzählt, dass er 1959 geboren worden sei und es niemals für möglich gehalten hätte, den Tag mitzuerleben, an dem diese Mauer vielleicht fällt. Beim Erzählen bekomme ich schon wieder eine Gänsehaut.“

Zwei Tage nach dem Mauerfall hat Hertha BSC ein Heimspiel gegen Wattenscheid 09. Auf Beschluss der Hertha-Bosse haben alle Ostberliner freien Eintritt. Rund 15.000 kommen. Sven Kretzschmer, damals 18 Jahre alt, erzielt vor insgesamt 41.000 Zuschauern für Hertha den Ausgleich zum 1:1-Endstand. „Das war eine unglaubliche Atmosphäre im Stadion. Ich freue mich noch heute darüber, dass ich diesen historischen Moment miterleben durfte.“

Klaus Taube war damals nicht im Stadion. Von Pankow aus, wo er noch immer wohnt, verfolgt er das Geschehen bei Hertha. „Ich hoffe“, sagt er, „dass die Mannschaft in der Bundesliga ihren Weg geht und erfolgreich spielt.“