Kolumne "Nachspielzeit"

Bayern Münchens 35-Millionen-Missverständnis

Was vom 1. Spieltag übrig bleibt: Ausgerechnet die beiden teuersten Verstärkungen, Neuer und Boateng, vermiesen Titelfavorit FC Bayern den Bundesliga-Saisonauftakt.

Foto: Bongarts/Getty

Es hätte kaum schlimmer kommen können für Fabian Giefer. Der 21-jährige Nobody machte Sonntagnachmittag im Tor von Bayer Leverkusen sein sechstes Bundesligaspiel und muss nun fürchten, dass es sein letztes gewesen sein könnte.

Denn in der 32. Minute war dem früheren Junioren-Nationaltorwart beim Versuch eines Querpasses durch den eigenen Strafraum der Ball vom Fuß gerutscht, was ziemlich dilettantisch aussah. Der Mainzer Stürmer Sami Allagui nutzte die unverhoffte Gelegenheit zum Torerfolg und brachte den Titelanwärter auf die Verliererstraße.

Auch Ömer Topraks Eigentor (86. Minute), das die Leverkusener 0:2-Niederlage besiegelte , bereitete Giefer schwere Kopfschmerzen. Kurz zuvor war der junge Torwart mit dem Mainzer Maxim Choupo-Moting zusammengeprallt und musste nach der Partie mit Verdacht auf Gehirnerschütterung ins Krankenhaus gebracht werden.

Nach der Pokal-Blamage eine Woche zuvor in Dresden, als Bayer Leverkusen trotz einer 3:0-Führung ausschied und David Yelldell als erster Vertreter des verletzten Stammtorwarts Rene Adler mitschuldig gesprochen wurde, waren nun der neue Trainer Robin Dutt, der alternde Michael Ballack (der in Mainz null Minuten spielte) und eben Fabian Giefer in der aufgeregten Medienwelt eigentlich zum Abschuss frei gegeben.

Doch dann, zwei Stunden später, verlor in der Abschlusspartie des 1. Bundesliga-Spieltages der FC Bayern sensationell 0:1 gegen Fast-Absteiger Borussia Mönchengladbach .

Und wen interessiert noch Bayer Leverkusen, wenn Bayern München patzt?

Trainer Jupp Heynckes, der vergangene Saison Bayer Leverkusen in die Champions League geführt hatte, bot im ersten Heimspiel der Saison den FC Bayern Deutschland auf. Acht deutsche Nationalspieler (Neuer, Lahm, Boateng, Badstuber, Schweinsteiger, Kroos, Müller und Gomez) in der Startformation, dazu die Brasilianer Rafinha und Luiz Gustavo sowie der Niederländer Arjen Robben.

Wie beim souveränen 3:0 im Pokalspiel bei Zweitliga-Aufsteiger Eintracht Braunschweig versuchten die Gastgeber den gegnerischen Defensivblock mit kontrollierter Offensive mürbe zu machen. Doch die Gladbacher verteidigten mindestens eine Klasse besser als die Braunschweiger, und den Münchner fehlten die zündende Ideen und die Sprengkraft. Überraschungseffekte gingen allein von Linksaußen Thomas Müller aus.

Die mit Spannung erwartete spielerische Antwort der Bayern auf den One-Touch-Tempofußball von Meister Borussia Dortmund beim 3:1 gegen Hamburger SV fiel sehr enttäuschend aus. Die einzige Großchance in der ersten Hälfte hatten die Gäste, als Juan Arango Bayerns neuen Torhüter Manuel Neuer in der 42. Minute zu einer Glanzparade zwang.

Neuer, für 22 Millionen Euro aus Gelsenkirchen geholt und vor dem Anpfiff als „Deutschlands Fußballer des Jahres“ ausgezeichnet, soll die Basis sein für eine neue Erfolgsära des FC Bayern. Doch dieser Schlüsseltransfer, dem eine monatelange Hängepartie vorausging und der heftige Reaktionen der Ultra-Fans nach sich zog, ist keine Erfolgsgarantie.

Als der Gladbacher Verteidiger Roel Brouwers in der 62. Minute mit einem Befreiungsschlag den Ball an den Strafraum der Münchner trat, raste Neuer aus dem Tor heraus, obwohl Innenverteidiger Jerome Boateng dort seinen Gegenspieler Igor De Camargo bewachte.

Hoeneß zornesrot auf der Tribüne

Boateng, für 13,5 Millionen Euro von Manchester City gekommen, stellte dann die Arbeit ein, De Camargo kam vor Neuer an den Ball und beförderte ihn per Kopf ins verwaiste Tor der Münchner. Das 35-Millionen-Euro-Missverständnis trieb Bayern-Präsident Uli Hoeneß auf der Tribüne die Zornesröte ins Gesicht.

„Es war mein Fehler“, sagte Neuer später selbstkritisch, nachdem es auf dem Platz so ausgesehen hatte, als beschwerte er sich über die Inaktivität Boatengs , der einige Minuten zuvor im Gladbacher Fünfmeterraum umgeknickt war und später ausgewechselt wurde. „Der Ball war außerhalb des Strafraums. Deshalb musste ich mich defensiver verhalten, damit ich keine Rote Karte provoziere. Vielleicht kann ich ganz weg bleiben.“ Schon die Niederlage gegen Hamburger SV im "Liga-total-Cup" hatte Neuer auf seine Kappe genommen.

Das kuriose Gegentor gegen Gladbach fiel ausgerechnet in der Phase, da die Bayern einem eigenen Treffer ganz nahe waren. In der 55. Minute hatte Mario Gomez den Ball nach einem Eckstoß von Robben per Kopf so gewaltig an den Pfosten bugsiert, dass das ganze Tor wackelte.

Es sollte, abgesehen von einem Abseitstor Müllers, die beste Chance der Bayern bleiben, obwohl Heynckes durch zwei Einwechslungen die Angriffsreihe um den wiedergenesenen Franck Ribery sowie Zweitliga-Torschützenkönig Nils Petersen erweiterte. Ehrenpräsident Franz Beckenbauer sprach anschließend von der „Hilflosigkeit“ der Mannschaft, „die aus der Spielüberlegenheit nichts machen konnte“.

Zweite Heimpleite gegen Gladbach

Erst zum zweiten Mal in der Bundesliga-Historie verlor der FC Bayern ein Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach. Damals, in der Saison 1995/96, unterlagen die Münchner unter Otto Rehhagel am 9. Spieltag 1:2. Stefan Effenberg und Andi Herzog (Eigentor) trafen für die Gäste, Jean-Pierre Papin für die Bayern.

Meister wurde damals Titelverteidiger Borussia Dortmund vor dem FC Bayern, der am Ende von Beckenbauer trainiert wurde. Weil selbst das nicht mehr half, fungierte am letzten Spieltag Klaus Augenthaler als Trainer – und wechselte beim 2:2 (0:2) gegen Fortuna Düsseldorf in der Halbzeitpause unzulässiger Weise vier Spieler ein.

Dass diese Peinlichkeit (fast) in Vergessenheit geraten ist und Augenthaler trotzdem viele Jahre lang als Bundesliga-Trainer arbeiten konnte, dürfte Fabian Giefer vielleicht ein bisschen trösten.