Bayers Pokal-Aus

Dresdens Wunder ist Michael Ballacks Albtraum

Beim Kollaps von Bayer Leverkusen steht der ehemalige Capitano Michael Ballack zur falschen Zeit auf dem Feld – was die Debatte um ihn befeuert.

Er hat sich viel vorgenommen für diese Saison, die seine letzte sein könnte. Umgänglicher soll er geworden sein, heißt es, kollegialer, endlich befreit von der Last eines immer aussichtsloseren Stellungskriegs mit dem Bundestrainer Joachim Löw.

Nur zeigen konnte Michael Ballack das alles nicht, am Samstag in Dresden . Im ersten Pflichtspiel der neuen Spielzeit wurde er vielmehr zum tragischen Komparsen eines absurden Skripts. 3:0 führte Bayer Leverkusen, als Ballack nach 63 Minuten zusammen mit Stefan Kießling eingewechselt wurde.

4:3 für Zweitligist Dynamo stand es am Ende der Verlängerung. Was die Sachsen zu Recht als eines der größten Wunder der Pokalgeschichte feierten, wurde für Ballack zum Albtraum .

„Ich dachte, ich bin im falschen Film“, stammelte Nationalstürmer Kießling später in die Mikrofone, stellvertretend für das prominente, doch so unglückliche Duo.

Ex-Nationalspieler Ballack sagte nichts. Besser keine unbedachte Äußerung zu diesem Horror-Movie, das schon zu Spielbeginn einen bösen Vorspann erlebte – als sich Ballack an einem Ort wiederfand, der ihm im Herbst seiner Karriere vertrauter wird als ihm lieb sein kann: auf der Ersatzbank. Im Nachhinein wäre er wohl nur zu gern den ganzen Nachmittag dort geblieben.

Selbstredend wäre es populistisch, dem 34-Jährigen eine Individualschuld an dem Geschehenen unterzuschieben. Das ganze Leverkusener Team kollabierte, vor allem die Abwehrlinie, die sich bei allen drei Dresdner Toren zum Ausgleich zwischen der 68. und 86. Minute in der Luft überrumpeln ließ.

Aber Ballack schaffte es in den dramatischen Phasen gegen Ende der regulären Spielzeit und in der Verlängerung eben auch nicht, den havarierenden Bayer-Tanker wieder auf Kurs zu bringen. Dabei hatten sie ihn doch vorigen Sommer genau dafür verpflichtet: damit er dieser hochbegabten, aber flatterhaften Mannschaft seine Wettkampfhärte injiziert. Damit er sie stützt, ihr Halt und Glauben gibt.

Bloß, wie soll das gehen? Wie soll einer dergestalt voran gehen, wenn er gar keine Autorität über seine Mitspieler hat? Bereits voriges Jahr unter Jupp Heynckes wurde Ballack zu einem besseren Ergänzungsspieler herabgestuft, den der Trainer wenn, dann eher aus politischen Gründen denn aufgrund seiner sportlichen Überzeugung aufstellte. Nachfolger Robin Dutt hat nun die gleiche Entscheidung getroffen.

Wie es auch dem allgemeinen Trend im deutschen Fußball entspricht, setzt er ebenfalls lieber auf junge Kräfte. Statt Ballack agierte Lars Bender im zentralen Mittelfeld neben Kapitän Simon Rolfes, und das Geschehen auf dem Rasen gab Dutt Recht, nicht nur wegen der schönen Tore von Derdiyok (6.), Sam (12.) und Neuzugang Schürrle (49.).

So blöd es im Nachhinein auch klingt, eine Stunde lang sah Leverkusen eher wie ein kommender Deutscher Meister aus als wie das Opfer einer Blamage. Ex-Stürmer Ulf Kirsten, Ikone beider Vereine, brachte es später aus Dresdner Sicht auf den Punkt: „Nach 70 Minuten null Chance. Nullkommanull Chance. Nicht nur ein Klassenunterschied, sondern mehrere.“

Was danach geschah, war mehr als alles andere ein Lehrstück in Fußball-Psychologie. Kopf und Herz wurden plötzlich wichtiger als Talent und Renommee, bis zu dem Punkt, an dem ein eingewechselter 32-jähriger Dresdner Außenverteidiger zu einer Kreuzung aus Pelé und Maradona zu mutieren schien.

Alexander Schnetzler hieß nach den Toren von Schuppan (68.) und Koch (70., 86.) der finale Held des Nachmittags, und er wuchtete den Ball nicht einfach nur irgendwie ins Netz in jener 117. Minute, er streichelte ihn mit einem feinen Heber über Leverkusens Ersatzkeeper Yeldell hinweg.

„Der Torwart macht das gut, die kurze Ecke ist zu, in der langen Ecke ist nicht viel Platz, da gibt es nur noch einen Weg, und der ist darüber“: Schnetzler, tausendfach gefragt, machte den Versuch zu rationalisieren, wie er in seinem ersten Pflichtspiel überhaupt für Dynamo bloß so verdammt cool sein konnte, aber letztlich wusste auch er: „Solche Tore kann man sich nicht vorstellen, die passieren oder passieren nicht.“

Und im Pokal passieren sie eben, das ist wohl auch die Lesart, mit der die Leverkusener am besten aus dieser potenziell traumatischen Nummer herauskommen. Sowohl Sportdirektor Rudi Völler („Besser als wir in der ersten Halbzeit geht es kaum“) als auch Dutt („Dinge, die man nicht erklären kann“) neigten zu dieser Interpretation.

Doch während Völler daraus schlussfolgerte, „es wird jetzt nichts infrage gestellt“, zeigte sich der neue Coach nachdenklicher. „Das ist sehr hart, das wird keine einfache Woche für uns“, sagte er. „Ich werde bei der Analyse auch vor allem bei mir anfangen müssen und schauen, was ich als Trainer besser machen kann.“

Notgedrungen werden seine Gedanken dabei auch noch einmal zurück zur 63. Minute schweifen. „Mir fehlt einfach die Vorstellungskraft dafür, dass man beim Stande von 3:0 und klarer Überlegenheit nicht zwei neue Spieler einwechseln kann“, sagte Dutt am Samstag tapfer, natürlich weiß auch er, was jetzt kommt: die nächste Ballack-Debatte.

Und die gleiche Frage, mit der sich schon die Trainer Heynckes und Löw das Gehirn zermartert haben: Kann man, gerade angesichts der öffentlichen Fixierung auf den „Capitano“, aus einem gewohnheitsrechtlichen Leitwolf einen beliebigen Teamplayer machen? Hat das überhaupt einen Sinn? Und: Wie viel Demütigung kann ein Spieler wegstecken?

In der 88. Minute bekam Bayer Leverkusen einen Freistoß, der Ball lag in fast identischer Position wie bei Ballacks mythischem 121km/h-Geschoss bei der EM 2008 gegen Österreich. Er jagte ihn weit übers Tor. Selbst bei Michael Ballack, so stark er immer getan haben mag, findet Fußball nicht zuletzt im Kopf statt.