1. FC Köln

Podolskis Entmachtung hat einen faden Beigeschmack

Lukas Podolski ist nicht mehr Kapitän seines Herzensklubs 1. FC Köln. Sein Nachfolger wird ein Mann, dem Abwanderungsgedanken nachgesagt werden.

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Für 90 Minuten durfte Lukas Podolski am Montag noch einmal fühlen, wie es ist, Kapitän des 1. FC Köln zu sein. Nach dem Training aber trat Stale Solbakken, der neue Coach des Bundesligisten, vor die Mannschaft und teilte ihr mit, was längst ein offenes Geheimnis war: Pedro Geromel löst Podolski als Spielführer ab. Solbakken betonte, dass dies keine Entscheidung gegen Podolski sei. Zum Stellvertreter ernannte er Sascha Riether, den Zugang vom VfL Wolfsburg.

Unmittelbar nach der Verkündung warb Solbakken um Verständnis. „Ich kann nachvollziehen, welche Reaktionen diese Entscheidung auslöst, und ich verstehe die Enttäuschung einiger Fans. Gleichzeitig bitte ich alle Fans des 1. FC Köln um Verständnis, dass meine Entscheidung eine Entscheidung für die gesamte Mannschaft darstellt. Unser Ziel ist es, sportlichen Erfolg zu haben, und dafür ist es unerlässlich, Verantwortung auf mehrere Schultern zu verteilen“, sagte der Coach.

Dennoch hat die Entscheidung einen faden Beigeschmack. Unter anderem auch deshalb, weil es zuletzt geheißen hatte, der abwanderungswillige Brasilianer Geromel solle mit der Kapitänsbinde quasi gehalten werden.

Nun ist es zwar nicht ungewöhnlich, wenn ein neuer Trainer kommt, sich ein Bild von seinem Umfeld macht und Personal-Entscheidungen seines Vorgängers gegebenenfalls korrigiert. Doch Lukas Podolski , der von Solbakkens Vorgänger Frank Schaefer erst im Januar zum Kapitän ernannt wurde, ist in Köln nicht irgendjemand.

Er ist zur Kultfigur aufgestiegen und hat dem Verein ein Gesicht gegeben. Podolski bedeutet für den 1. FC Köln so viel, wie der Dom für die Stadt am Rhein. Aber genau dieser Status und vor allem Podolskis zunehmende Machtfülle soll einigen im Verein zuletzt bitter aufgestoßen sein.

Bei den Fans ist der 26 Jährige nach wie vor beliebt. Auf seiner Facebook-Seite gab es gestern unzählige Einträge. „In unserem Herzen bleibst du der Kapitän“, schrieb ein Fan.

Podolski selbst ließ am Nachmittag in einer schriftlichen Erklärung seinem Unmut freien Lauf: „Natürlich bin ich enttäuscht, unter anderem über die Art und Weise, wie der Verein in den letzten Wochen mit diesem Thema umgegangen ist. Das hat aus meiner Sicht allen Beteiligten nur geschadet. Ich kann die Gründe nicht zu 100 Prozent nachvollziehen, aber ich werde die Entscheidung respektieren und professionell damit umgehen. Schließlich habe ich eine Verpflichtung gegenüber der Mannschaft, den Fans und der Stadt.“

In Podolski brodelt es

Allein die Worte lassen erkennen, wie es in ihm brodelt. Schon am Samstag nach dem Test gegen Arsenal London war ein Eindruck von seiner Gemütslage zu erahnen. Da verließ er wortlos mit seinem Sohn auf dem Arm das Stadion.

So oder so: Podolskis Status ist auf jeden Fall beschädigt. Hatte er als Kapitän doch die beste Halbserie seiner Karriere gespielt und neun Tore in 16 Spielen erzielt. Nun fürchten die Fans einen Leistungsabfall. Schließlich zählt Podolski wie kaum ein anderer zu der Spezies von Profis, die das Vertrauen ihres Trainers spüren muss, um das Maximale aus sich herausholen zu können. Kritiker monieren die Notwendigkeit dieser Nestwärme zwar. Doch Podolski hat oft bewiesen, dass es keine vergebene Lebensmühe ist, wenn ihn der Trainer unterstützt.

Vor allem Bundestrainer Joachim Löw weiß Podolski zu motivieren. Als der Stürmer vor der WM 2010 mit der Empfehlung von nur zwei Toren und vier Vorlagen aus 27 Ligaspielen zum Kader stieß, setzte Löw trotzdem auf ihn. Podolski zahlte es ihm beim Turnier mit teils starken Auftritten zurück. „Er ( Joachim Löw; die Red. ) hat mir in meiner Karriere sehr geholfen. Er hat mir nicht nur sportlich viel mit auf dem Weg gegeben, sondern auch menschlich“, sagte Podolski „Morgenpost Online“.

Auch die Kölner Fans vertrauen ihrem Idol. Als der verlorene Sohn 2009 nach drei Jahren vom FC Bayern zurückkam, strömten 21.000 zu Podolskis erstem Training – verbunden mit der Hoffnung auf bessere Zeiten. Doch auf die warten sie in Köln noch immer. Stattdessen bedient der Verein in aller Regelmäßigkeit das Klischee eines Vereins, der nie zur Ruhe kommt und dessen Ansprüche so weit weg von der Realität sind wie Köln vom Champions-League-Finale. So gab es im sogenannten Sommerloch rund um den Dom fast nur das Kapitäns-Thema. Die Formkurve des Teams hatte medial eine sekundäre Bedeutung.

Kölner Bosse gelobten Besserung

Dabei hatten die Verantwortlichen in Köln Besserung gelobt und angekündigt, nach außen sensibler auf Themen zu reagieren, um nicht unnötig neue Nahrung für öffentliche Debatten zu geben. Denn davon hatte es gerade im vergangenen halben Jahr einige gegeben. Insbesondere mit Blick auf Solbakkens Vorgänger.

Frank Schaefer warf drei Spieltage vor Schluss der vergangenen Saison entnervt die Brocken hin. Sportdirektor Volker Finke, erst im Januar gekommen, übernahm das Kommando und bewahrte das Team vor dem Abstieg. Allerdings musste sich Finke massive Vorwürfe gefallen lassen, am Stuhl von Schaefer gesägt zu haben. So soll er sich in die Trainingsarbeit eingemischt und dadurch die Autorität Schaefers untergraben haben.

„Ich bin kein Königsmörder“, sagte Finke schließlich der „Sport-Bild“, die zuletzt gemutmaßt hatte, dass Podolski nur der Kapitän der Fans und nicht der Mannschaft sei. In der Diskussion um den Stürmer hielt sich Finke zuletzt raus – zumindest öffentlich. „Das ist eine Entscheidung des Trainers. Da mischt sich niemand ein“, kommentierte Finke den Vorwurf der Einflussnahme.

Stale Solbakken, der Trainer, war am Montag bemüht, seinem Schützling verbale Rückendeckung zu geben. Der Norweger unterstrich, dass der 26-Jährige nach wie vor ein hohes „Standing“ habe: „In meinem Spielkonzept übernimmt er als Matchwinner eine wichtige Funktion.

Wir alle im Trainerteam sind überzeugt von seinen herausragenden spielerischen Qualitäten und seiner Leistungsbereitschaft“, sagte Solbakken. Hoffentlich weiß der Trainer, dass Köln zu den Klubs zählt, in denen die Mechanismen der Branche schneller greifen als anderswo. Denn sollte der Erfolg ausbleiben, könnte die Entscheidung gegen Podolski schnell zum Bumerang werden.