Europa League

Der FSV Mainz 05 sucht seine neue Boyband

| Lesedauer: 6 Minuten
Julien Wolff

Nach dem Abgang von Stars wie Schürrle oder Holtby muss sich das letztjährige Überraschungsteam neu orientieren. Am Donnerstag geht es los in der Europa League.

Es war gerade mal eine Woche her, dass der FSV Mainz 05 eine neue Heimat gefunden und sein frisch gebautes Stadion bezogen hat, die Coface-Arena. Größer und moderner als das alte Stadion am legendären Bruchweg ist es und hat rund 60 Millionen Euro gekostet. Doch noch sind da die Kinderkrankheiten, die das Wohlfühlen etwas beeinträchtigen: Fehlende Beschilderungen, Verkehrschaos auf den Zufahrtsstraßen, lockere Schrauben an den Sitzen. Die Mitarbeiter des Bundesligaklubs haben eine Mängelliste erstellt und arbeiten an Lösungen.

Eine von vielen Herausforderungen, vor denen der Verein in der kommenden Bundesliga-Saison steht. Zum zweiten Mal in seiner Geschichte spielt er international: In der dritten Runde der Qualifikation zur Europa League empfängt Mainz 05 im Hinspiel am Donnerstag Gaz Metan Medias aus Rumänien. „Das ist für uns eine Riesensache“, sagt Verteidiger Bo Svensson.

Aber kann der FSV der Doppelbelastung in der neuen Spielzeit auch standhalten? Und wie in der vergangenen Saison die Großen ärgern? Viele glauben, der Mannschaft droht der Absturz. Sechs Profis haben den Klub verlassen – darunter die wichtigsten Leistungsträger: Andre Schürrle spielt jetzt für Bayer Leverkusen, brachte aber immerhin rund acht Millionen Euro in die Kassen. Lewis Holtby und Christian Fuchs wechselten zum FC Schalke 04. Schürrle war mit 15 Toren und fünf Vorlagen so wichtig für die Mannschaft wie Michael Jackson für die Jackson Five. Er jubelte sogar wie ein Popstar, spielte beim Torjubel Luftgitarre an der Eckfahne. Mit Stürmer Adam Szalai und Holtby, dem Taktgeber. Sie waren die Boygroup der Bundesliga. Doch die Band hat sich aufgelöst, nur Szalai ist übrig.

Svensson bezeichnete die Abgänge im „Kicker“ als „herbe Verluste“, es gebe einen „dramatischen Umbau“. Es ist nun wie bei einer Castingshow: Der FSV sucht die neue Super-Boyband. „Wir stehen vor einer Herkulesaufgabe“, sagt Trainer Thomas Tuchel.

Er ist der Juror, hat in der Saisonvorbereitung viele Formationen getestet, selbst die Torhüterposition ist offen, Heinz Müller und Christian Wetklo kämpfen um die Nummer eins. Die Bewerber müssen sich im Training und in den Spielen beweisen. Wie bei Gesangswettbewerben sind Kopien der Stars aus der Vergangenheit nicht erwünscht, Mainz will neue Spielerpersönlichkeiten. „Man kann diese Mannschaft mit der aus der vergangenen Saison nicht vergleichen“, sagt Tuchel.

Und doch soll eines genauso sein: Er und seine Mannschaft wollen mit Offensivfußball begeistern. Die Bilanz der vergangenen Saison liest sich wie das Drehbuch eines Fußball-Märchens: Kleiner Klub blamiert FC Bayern München im eigenen Stadion mit 2:1, schießt 52 Tore und belegt sensationell den fünften Platz. Mainz hat sich Selbstvertrauen erspielt. Seine neue Arena bezeichnet der Klub in der Werbung als „aufregendstes Stadion der Bundesliga.“ 25.000 Dauerkarten hat er bereits verkauft, die Euphorie ist groß. Tuchel und Manager Christian Heidel wissen, dass das schwer zu wiederholen sein wird – obwohl der Etat des Klubs durch die gute Saison um die Hälfte auf rund 50 Millionen Euro gestiegen ist.

Stars hat der Verein dennoch nicht gekauft, das passt nicht zu seiner Philosophie. Mainz will sich wieder seine eigenen backen. Die Mannschaft ist sehr jung, nur drei Feldspieler sind über 30. „Es ist bei uns doch immer so. Vor einem Jahr hätte keiner gefragt, wie wir es jetzt bloß ohne Andre Schürrle schaffen. Dann hat sich der Junge enorm entwickelt. Wir leben auch davon, Spieler besser zu machen und dann zu verkaufen“, sagt Manager Christian Heidel.

Zehn neue Spieler hat er gekauft, die bekanntesten sind die bundesligaerfahrenen Malik Fathi und Eric Maxim Choupo-Moting. Nicolai Müller (Greuther Fürth), Zoltan Stieber (Alemannia Aachen) und Fabian Schönheim (SV Wehen Wiesbaden) kommen aus der zweiten Liga, Deniz Yilmaz vom FC Bayern, allerdings nur aus der zweiten Mannschaft, Zdeneck Pospech hat immerhin für den FC Kopenhagen gespielt.

Für den Sturm hat die sportliche Führung Anthony Ujah vom norwegischen Klub Lilleström SK gekauft, Mainz investierte 2,5 Millionen Euro in die Ablöse für den Nigerianer. Der defensive Mittelfeldspieler Julian Baumgartlinger kam von Austria Wien, absolvierte bislang 13 Länderspiele für Österreich und hat das Zeug zum Publikumsliebling. Er könne ein „überdurchschnittlicher Bundesligaspieler werden“, lobt Tuchel. Selbst wenn die Mannschaft mal nicht überzeugt – um seinen Job muss der Coach nicht bangen. „Wir werden die Saison mit Thomas Tuchel anfangen und beenden. Weil wir von ihm überzeugt sind – und beide Ideen zusammenpassen, also seine und unsere“, sagt Heidel.

Das Ziel sei es, den FSV als Erstligaklub zu etablieren. Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach eine Zeit lang gern von der „Politik der ruhigen Hand“, Heidel spricht von der „Politik der kleinen Schritte“. Ein Sieg am Donnerstag und ein guter Ablauf im Stadion wären sogar ein großer. „Das Allerwichtigste ist, dass wir den Gegner nicht unterschätzen. Die Rumänen können schon Fußball spielen. Natürlich sind wir Favorit, und natürlich wollen wir eine Runde weiterkommen, aber wir dürfen – und das gilt auch für die Zuschauer – nicht mit der Erwartungshaltung ins Spiel gehen, dass wir Medias einfach so die Kiste vollhauen“, sagte Heidel.