Pleite gegen HSV

Die Bayern-Abwehr ist noch lange nicht meisterlich

Trotz Spielereinkäufen für 44 Millionen Euro ist die Abwehr weiter Bayerns große Problemzone. Vor Trainer Jupp Heynckes liegt noch eine Menge Arbeit.

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Die Eier und das Müsli hatten sie gerade erst aufgegessen, da mussten sie sich schon eine Standpauke anhören. Nach dem Frühstück rief Trainer Jupp Heynckes gestern die Spieler des FC Bayern München in einen Sitzungsraum des Hyatt-Hotels in Mainz und analysierte mit ihnen die Partie vom vorherigen Abend. 1:2 (0:2) hatten sie das Halbfinale des Liga Total Cups gegen den Hamburger SV verloren , Heynckes fand in der Besprechung deutliche Worte. Danach ging es mit dem Bus zum Training.

Der 66-jährige Fußball-Lehrer ist viel zu lange im Geschäft, um ein verlorenes Testspiel überzubewerten. Ihn und alle anderen im Verein ärgert, dass eine Chance vertan wurde. Die Chance, der Konkurrenz und den Fernsehzuschauer schon vor der neuen Saison zu zeigen: Wir sind richtig gut drauf. Und viel besser als in der vergangenen Spielzeit, als der Rekordmeister keinen Titel gewann heftig und kritisiert wurde.

Stattdessen hat die Niederlage Heynckes und der Mannschaft gezeigt, an welcher Schwäche sie zu arbeiten haben. Und das ist nach wie vor die Defensive, trotz Spielereinkäufen für 44 Millionen Euro. Knapp drei Wochen vor Beginn der Bundesliga-Saison hat ein 19 Jahre alter Südkoreaner die Münchner alt aussehen lassen: Heung Min Son schoss gegen die Bayern seine Testspieltore 16 und 17 (7. und 30.), Toni Kroos gelang lediglich der Anschluss (57.). „Wir können nicht zufrieden sein, müssen kompakter spielen und weniger Fehler machen“, sagte Heynckes.

Bei beiden Gegentoren war die Abwehr nicht konzentriert. Den neue Innenverteidiger Jerome Boateng, für 13,5 Millionen Euro von Manchester City verpflichtet, schonte Heynckes noch, in der zentralen Abwehr spielten Holger Badstuber und Daniel van Buyten. Beide schafften es nicht, der Mannschaft Sicherheit zu geben. Das merkte auch Badstuber und ließ den Frust an Son aus: Seine Grätsche gegen das HSV-Talent ahndete der Schiedsrichter mit der Gelben Karte, in der Bundesliga wäre es wohl die Rote gewesen. Und van Buyten, dieser Hüne, der allein mit seiner Erscheinung Stürmer das Fürchten lehren könnte, ist weiterhin zu unkonstant. Er hat im Trainingslager phasenweise hervorragend trainiert, macht in Spielen aber immer wieder Fehler, trotz der Erfahrung aus fast 200 Bundesliga-Spielen.

Heynckes stellt all das vor die Frage: Auf wen kann ich mich hinten verlassen? 40 Gegentore in der vergangenen Saison - nur neun weniger als Absteiger Eintracht Frankfurt – und das Spiel gegen den HSV zeigen, dass er dringend eine Antwort finden muss. „Die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive Meisterschaften“, sagt Heynckes. Die Bayern würden am liebsten das Triple holen, also brauchen sie eine besonders stabile Abwehr.

Die große Hoffnung ruht auf Boateng. Die Innenverteidigung ist seine Wunschposition. Allerdings hat er bei seinen vorherigen Klubs HSV und Manchester City meist Außen gespielt, auch er wird sich in seine neue Rolle erst einfinden müssen. Der Druck auf den Nationalspieler ist groß: Er soll Ruhe auf seine Nebenleute ausstrahlen und den Spielaufbau aus der eigenen Hälfte heraus lenken. „Innenverteidiger müssen im modernen Fußball Ruhe, Sicherheit und Autorität ausstrahlen. Die Spieleröffnung ist das A und O, eine Spitzenmannschaft muss das organisieren können“, sagte Heynckes.

Der Brasilianer Breno passt noch nicht in dieses Profil, obwohl Heynckes ihn fördert und fordert („Er muss zu Potte kommen“), Luiz Gustavo hat seine Stärken im defensiven Mittelfeld und ist für die Innenverteidigung längst nicht die erste Wahl. Auf den Außenpositionen im Abwehrverbund sind Kapitän Philipp Lahm und Rafinha gesetzt.

Für Heynckes ist Defensive aber nicht nur die Viererkette, das Mittelfeld und der Sturm müssen mit verteidigen. „Die einzelnen Mannschaftsteile waren zu weit auseinander. Wir dürfen uns nicht so viele Ballverluste erlauben“, sagte er nach der Niederlage gegen den HSV. Die große Stärke der Bayern – Franck Ribery und Arjen Robben – kann dann auch zur Schwäche werden. Die beiden Superstars auf den Außenbahnen sind sehr offensiv, für den Gegner entstehen so immer wieder Konterchancen. Beide haben sich vorgenommen, die Kollegen hinter sich stärker zu unterstützen. Diesen Worten müssen nun Taten folgen. „Im Spiel nach vorn haben wir viel Fantasie und Klasse. Hinten müssen wir arbeiten“, sagte Heynckes.

Boateng und dessen Nationalmannschaftskollege Badstuber sowie van Buyten sollen sich in den verbleibenden Wochen bis zum Saisonauftakt gegen Borussia Mönchengladbach am 7. August einspielen, auch mit Manuel Neuer. Der Nationaltorwart war gegen den HSV ungewohnt unsicher. „Beim ersten Gegentor stand ich falsch“, gab er zu.

Der 25-Jährige hat es in den ersten Wochen bei seinem neuen Klub schwer. Erst protestierten die Bayern-Ultras gegen seine Verpflichtung und wollten ihm sogar „Benimmregeln“ für Heimspiele diktieren (kein Tanz vor der Kurve, kein Kuss auf das Vereinslogo), in Mainz pfiff ihn nun ein Teil der Zuschauer aus. Der Stadionsprecher sah sich berufen, seinen Ärger darüber per Durchsage kundzutun: „Ich verstehe einfach nicht, warum man den besten Torhüter auspfeift.“

Neuer reagierte gelassen wie immer. Man müsse beachten, dass viele Fans von Borussia Dortmund im Stadion waren. Wegen der Rivalität zu seinem Ex-Klub Schalke 04 wunderten Neuer die Pfiffe offenbar nicht. Er konzentriert sich auf seine Stärken, vom FC Bayern könne man in der neuen Saison „einiges“ erwarten.

Den nächsten Härtetest gibt es am Dienstag. Beim Audi-Cup spielen die Münchner im eigenen Stadion gegen den AC Mailand, Klub ihres ehemaligen Kapitäns Mark van Bommel. Ein willkommener Gradmesser. „Man sieht, dass noch nicht alles rund läuft. Man muss hart arbeiten, und das werden wir machen“, sagte Kapitän Lahm.

Nach dem Frühstück am nächsten Tag entspannt in den Tag starten, das wäre doch was.