Boxen

Klitschko-Brüder trauern um ihren Vater

Mit 64 Jahren ist Wladimir Klitschko senior in Kiew an Krebs gestorben. Der ehemalige Oberst der Sowjetarmee litt an den Folgen seines Einsatzes in Tschernobyl.

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Die Vorführung ihres Kinofilms „Klitschko“ war beendet, Vitali und Wladimir Klitschko saßen in den bequemen Sesseln der Astor Filmlounge am Kurfürstendamm und erzählten. Episoden aus ihrem Sportlerleben, aus ihrer Kindheit und auch aus der Zeit, als ihr Vater im April 1986 als Oberst der Luftwaffe der damals noch existierenden Sowjetarmee zu dringenden Aufräumarbeiten nach Tschernobyl abkommandiert worden war. „Wir hatten damals keine Ahnung, Wladimir und ich. Wir haben auch nicht verstanden, warum wir in Kiew nicht auf die Straße zum Spielen gehen sollten“, sagte Vitali am 7. April dieses Jahres. Am Mittwoch ist Wladimir Rodionowitsch Klitschko im Alter von 64 Jahren in Kiew, wohl an den Folgen einer Krebserkrankung, gestorben. Klitschko war abkommandiert gewesen, im Bereich des Kernkraftwerkes die Hubschraubereinsätze der Armee zu planen und zu koordinieren. Er hatte sich in Deutschland mehrerer Chemotherapien unterzogen, die zunächst eine bemerkbare Verbesserung brachten.

Klitschko senior hat den Triumph seiner Söhne, alle relevanten Weltmeistertitel im Schwergewicht in Familienbesitz zu bringen, noch miterlebt. Nicht im Stadion, als sich Wladimir am 2. Juli gegen den Briten David Haye durchsetzen konnte, aber am Fernseher in einer Hamburger Klinik.

Wladimir war im Verlauf des Abends die Sorge um seinen Vater genauso wenig anzumerken wie seinem Bruder Vitali, der ihn in der Ringecke betreut hatte. Klitschko senior hatte seine Söhne nach deren Bekunden gemeinsam mit seiner Ehefrau Nadja, beide sind im Film erstmals mit an die Öffentlichkeit gegangen, streng erzogen. „Vater war Soldat, er unterlag den Vorschriften der Armee. Wir sind oft umgezogen und mussten uns von gewohnten Lebensumständen trennen“, sagte Vitali in Berlin, fügte aber hinzu: „Trotzdem hat unser Vater unsere Sportlerlaufbahn immer unterstützt und war auch stolz auf uns.“

Den Regeln der Armee, ihre ranghohen Soldaten ständig zu versetzen, war es zu verdanken, dass beide Klitschkos zum Boxen gekommen sind. „Du kommst in eine neue Garnison. Da musst du sehen, was es gibt. Viel war es meistens nicht, was an Sport angeboten wurde. Und einmal war es eben Boxen und wir sind dabei geblieben“, erinnerte sich Vitali im bequemen Kinosessel an seine Anfänge. „Er hat mich gelockt mitzumachen und mich einmal fast umgehauen“, gab Wladimir preis.

Wladimir Radionowitsch und Nadja Klitschko haben sich nie am Ring gezeigt, keinen der Weltmeisterschafts-Kämpfe ihrer Söhne live verfolgt. Auch ihre Mitwirkung im Film beruhte auf der behutsamen Überzeugungsarbeit durch Regisseur Sebastian Dehnhardt und der Söhne.

Nicht zuletzt Mutter Nadja ist es zu verdanken, dass beide Brüder niemals im Ring gegeneinander antreten werden. Daran wird sich sicher nichts ändern.

Was die Anwesenheit der Eltern am Ring betraf, präzisierte Wladimir: „Die Sache ist für beide Seiten einfach zu emotional. Boxen ist gefährlich, es kann auf Leben und Tod gehen. Ich will mich aber auf den Kampf konzentrieren, mich nicht um meinen Vater und meine Mutter sorgen müssen. Meine Mutter schaut bei unseren Kämpfen ja nicht mal am Fernseher zu. Vater hat sie immer ganz schnell beruhigt, wenn das Ergebnis bekannt war.“

„Beide Brüder waren am Boden zerstört, als sie von der Nachricht gehört haben, obwohl es schon länger in ihrem Bewusstsein war, dass sich ihr Vater wohl nicht mehr vollständig erholen würde, vielleicht nicht mehr lange zu leben hätte“, sagte Klitschko-Manager Bernd Bönte. Die ukrainischen Weltmeister hatten versucht, ihre Termine weitgehend einzuschränken. Der 35-jährige Wladimir war zuletzt beim internationalen Reit- und Springturnier CHIO in Aachen als Ehrengast und Bewunderer von Ausnahmepferd Totilas.

Er ist, genau wie sein Bruder, nach Kiew geflogen, um die Beisetzung des Vaters zu organisieren. Diese soll im engsten Familienkreis stattfinden.