Sieg gegen Deutschland

Wie Japans Trainer sein Team heiß gemacht hat

Mit Bildern des Erdbebens weckte Norio Sasaki den Teamgeist seiner Mannschaft. Außerdem ließ Japans Trainer im Vorfeld des Spiels gegen Männer trainieren.

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Norio Sasaki erweckt den Eindruck, als könne er kein Wässerchen trüben. Der 53 Jahre alte Mann könnte mit seinen feinen Manieren und seiner angenehmen Zurückhaltung auch gut für den diplomatischen Dienst seines Landes herhalten. Doch das hatte anderes mit ihm vor. Also wurde Herr Sasaki zum Nationaltrainer der Nadeshiko („Prachtnelke“) berufen, wie die Auswahl Japans im eigenen Land genannt wurde.

Nun hat Herr Sasaki bemerkenswertes in die Wege geleitet. Sein Team schlug bei dieser WM den haushohen Favoriten Deutschland im Viertelfinale. In der Verlängerung riss Karina Maruyama mit dem entscheidenden Tor zum 1:0 in der 108. Minute die Gastgeberinnen aus allen Träumen vom Titelhattrick. Japan steht erstmals im Halbfinale einer Weltmeisterschaft und trifft dort am Mittwoch in Frankfurt auf Schweden oder Australien.

Für den Weltranglistenvierten war es der erste Sieg überhaupt gegen den zweimaligen Weltmeister. „Ich wusste, dass wir durchhalten mussten. In der Verlängerung haben wir gekämpft bis zum letzten Atemzug. Das Motto war: sauber verteidigen und auf die einzige Chance warten“, sagte Japans Trainer.

Weil sie Spielerin so klein sind, im Schnitt sind sie nur 1,63 Zentimeter und im Schnitt auch noch zehn Zentimeter kleiner waren als die Deutschen, wandte Herr Sasaki rabiate Methoden an. Er ließ seine zierlichen Spielerinnen im Vorfeld des Spiels gegen robuste Männer trainieren, sie sollten sich an die Härte und Robustheit der Deutschen gewöhnen.

Doch weil nicht nur Körper, sondern auch Geist ein Fußballspiel entscheiden können, griff Herr Sasaki tief in die psychologische Trickkiste. Er ließ ein Video produzieren, in dem seiner Mannschaft noch einmal die schrecklichen Bilder aus der Heimat vor Augen geführt wurden.

Zerstörte Häuser, Leichen, verängstigte Menschen. Kinder in Notunterkünften waren zu sehen, alte Leute ohne ein Dach über dem Kopf und Mütter, die nach ihren Kindern suchen, aber nur noch ein verschmutztes Foto von ihnen unter Trümmern finden.

Es waren Bilder von explodierten Atomreaktoren, ausgelöschten Städten und unbeschreibbaren Elend. Die Folgen des Erdbebens und Tsunamis, von denen Japan vor vier Monaten heimgesucht wurde, benutzte Herr Sasaki als Motivationsmittel. Auch vor dem Deutschlandspiel. „Das hat dazu geführt, dass kleine Mädels große Dinge erreicht haben“, sagt er.

Tatsächlich ist die Katastrophe Japans mit seinen über 15.000 Toten so etwas wie die Triebfeder des Teams bei dieser WM. „Das Beben, der Tsunami und Fukushima haben uns noch stärker gemacht. Seither sind wir zu einem echten Team zusammengewachsen“, sagt Spielführerin Homare Sawa, die nach der Partie gegen Deutschland zur besten Spielerin der Partie ausgezeichnet wurde.

Sawa und ihre Kolleginnen wollen ihr Volk wieder zum Lächeln bringen. „Dafür geben wir alles“, versprach Nationaltrainer Sasaki schon vor dem Turnier.

Die Katastrophe hatte die WM-Vorbereitung geprägt und nun sogar wohl ihren Teil zum Sieg über Deutschland beigetragen. Das Trainingslager absolvierte Japan in den USA, aufgrund der radioaktiven Strahlung gab es auch keine Testspiele in der Heimat. Die Liga fiel zwei Monate lang aus. Während dieser Zeit konnte nur bei Tageslicht trainiert werden, da die japanische Regierung nach dem Reaktorunfall zum Stromsparen aufgerufen hatte - das Flutlicht musste ausbleiben.

Abwehrspielerin Aya Samejima stand plötzlich ohne Verein da, da sich der aus Fukushima stammende Klub Tepco Mareeze aus der Liga zurückziehen musste. Zuletzt hielt sie sich beim US-Team Boston Breakers fit. Aya Miyama galt sogar mehrere Tage als vermisst. Am Ende kam die Mittelfeldspielerin mit dem Schrecken davon, der Tsunami beschädigte nur ihr Haus in Chiba.

Jede im Team hat irgendwie eine persönliche Erinnerung an die Katastrophe, jede will dazu beitragen, dass sie für einen Moment lang in en Hintergrund rückt. „In Japan gibt es nur schlechte Nachrichten. Ich muss Japan jetzt gute Nachrichten geben“, hatte Offensivspielerin Yuki Nagasato vom Deutschen Meister Turbine Potsdam gesagt.

Herr Sasaki machte sich diesen Eifer zunutze, in dem er mit dem Video noch einmal eindringlich an die Mission bei dieser WM. Man könnte sagen, der zurückhaltende und höfliche Herr Sasaki ist ein patriotisches Schlitzohr und ein vorzüglicher Trainer.

Dabei hätten die Deutschen zumindest ahnen können, was da auf sie zukommt. Wir wollen in die Geschichtsbücher eingehen“, hatte Kozue Ando, Spielerin beim FCR Duisburg gesagt. Vielleicht hat man im deutschen Lager diesen Satz nicht ernst genug genommen. Er klang so dahingesagt, nach dem Abschlusstraining der Japanerinnen in Wolfsburg.

Da hatte man noch keine Ahnung vom wahren Ausmaß der Hingabe, Disziplin und Ausdauer, die diese kleinen Frauen aufs Feld bringen können. Am Samstagabend, nach 120 Minuten wusste es die Welt: Sie werden nicht müde. Sie lassen nicht nach. Sie weichen nicht ab von ihrem Konzept, auch wenn die gegnerischen Angriffe wie Wellen über sie hinweggehen und kaum ein Zweikampf zu gewinnen ist, bei dem es auf Kraft und Athletik ankommt.

Die Potsdamerin Nagasato sagte nach dem Coup: „Nun werden wir Weltmeister.“ Damit dürfte sie zumindest für einen Moment lang das Land des Lächelns wiedererweckt haben.